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Depression, Burnout, Ängste: So sprecht ihr eine psychische Erkrankung am Arbeitsplatz an

Julia Beil
·Lesedauer: 9 Min.

Als Mira E. merkte, dass sie nicht länger arbeiten konnte, war sie 28 und hatte gerade ihren ersten Job in einer PR-Agentur angefangen. „Mir ist damals alles schwergefallen“, erzählt sie. „Ich kam morgens nicht aus dem Bett und habe mich abends schlecht gefühlt, weil ich wusste: Morgen muss ich wieder aufstehen und arbeiten.“ E. ging zu einem Therapeuten, der ihr attestierte: Sie litt an einer Depression und einem Burnout. Der Experte riet E. zu einem Klinikaufenthalt. Da wusste sie: Sie muss über ihre psychische Erkrankung nun mit ihrer Chefin reden.

„Ich habe mit diesem Gespräch sehr lange gewartet“, sagt die heute 29-Jährige. Erst als alles schon in die Wege geleitet war, anderthalb Wochen vor der Klinik, rief sie ihre Vorgesetzte an. Begeistert habe die nicht reagiert. Gleich nach dem ersten Schock habe sie aber Verständnis gezeigt. „Sie sagte mir, dass meine Gesundheit vorgehe, dass die Arbeit jetzt erst mal zweitrangig sei und ich mich um mich kümmern solle“, erzählt E.

Bei Unsicherheit: zuerst professionelle Hilfe suchen

Insgesamt acht Wochen fiel Mira E. durch ihre Erkrankung bei der Arbeit aus. Eine Ausnahme ist sie damit nicht: Im Vergleich zum Jahr 2010 sind hierzulande die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen um ganze 56 Prozent angestiegen. Das ergab der Psychreport 2020 der Krankenkasse DAK. Im Durchschnitt waren Betroffene 39 Tage lang krankgeschrieben — so lange wie noch in keinem Jahr zuvor.

Die häufigste Ursache für psychisch bedingte Fehlzeiten waren 2020 Depressionen, gefolgt von sogenannten Anpassungsstörungen. Damit sind Reaktionen auf besonders belastende Lebensereignisse gemeint, etwa auf Trauerfälle. Insgesamt gibt es also eine Menge psychisch erkrankter Menschen in Deutschland, die vor der Frage stehen: Wie sage ich es meinem Chef und den Kolleginnen? Sage ich es überhaupt? Zwar muss nicht jeder in die Klinik wie Mira E. und fehlt damit über Tage oder Wochen — doch selbst ein- oder zweimal wöchentlich zur Therapie zu gehen geht oft nicht ohne Weiteres, ohne dass Termine in die Arbeitszeit fallen.

Mira E. entschied sich für ein Vier-Augen-Gespräch mit ihrer Chefin. Ihre Reaktion war richtig, sagt Franziska von Piechowski. Die Psychotherapeutin mit eigener Praxis in München rät dazu, sich als betroffene Person frühzeitig Hilfe bei einer Expertin wie ihr zu suchen — um die Beschwerden einzuordnen. „Im Gespräch können Therapeutin und Patient klären: Habe ich eine psychische Erkrankung? Bewege ich mich auf eine zu? Oder bin ich im Moment einfach etwas schlechter drauf und schaffe es, mich alleine wieder zu stabilisieren?“

Immer mehr Angebote in Unternehmen

Ist die Antwort darauf gefunden, dann sollte — wie im Fall von Mira E. — Schritt Nummer zwei folgen: Die betroffene Person kann sich überlegen, wen sie in ihrem Arbeitsumfeld einbeziehen kann. „Das kann erst mal eine Kollegin sein, der ich vertraue. Oder gleich der Vorgesetzte, wenn ich das Gefühl habe, mit ihm so etwas besprechen zu können“, sagt von Piechowski.

Doch was ist, wenn jemand das Gefühl hat, sich seiner Führungskraft nicht anvertrauen zu können? „Ich hatte noch nie einen Patienten, dem ich konkret davon abgeraten habe, seine psychische Erkrankung im Job anzusprechen”, sagt Franziska von Piechowski. Komme jemand mit seiner Vorgesetzten partout nicht zurecht, gebe es fast immer andere Personen, die helfen könnten. In größeren Unternehmen seien das zum Beispiel Schwerbehindertenbeauftragte oder der Betriebsrat. „Ich erlebe immer mehr Offenheit in Unternehmen, wenn es um das Thema psychische Erkrankungen geht — und es gibt immer mehr Menschen und Angebote, an die Betroffene sich wenden können.“

Arbeitgeber: „besser als ihr Ruf“

Verständnisvolle Arbeitgeber erlebt auch Nicolas Roggel in seinem Joballtag. Der Berliner Arbeitsrechtler kennt viele Fälle, in denen Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer psychisch erkrankt waren und das ihren Vorgesetzten kommunizierten. „Arbeitgeber sind deutlich sozialer und verantwortungsbewusster, als ihr Ruf es vermuten lässt“, sagt Roggel. Jeder Arbeitgeber, mit dem er zu tun habe, wisse, dass zufriedene und gesunde Arbeitnehmer die besseren Arbeitnehmer seien. „Und jeder Arbeitgeber weiß auch, dass er etwas dafür tun muss.“

Aber: Als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer müsst ihr eurem Arbeitgeber nicht erzählen, wenn ihr eine psychische Erkrankung habt. „Mitarbeiter sind grundsätzlich nicht verpflichtet, ihrem Arbeitgeber die Art ihrer Erkrankung mitzuteilen“, sagt Nicolas Roggel. Lediglich, dass ihr erkrankt seid und für wie lange ihr es voraussichtlich sein werdet, müsst ihr angeben. Also einfach eine Bronchitis vorschieben? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. „Mitarbeiter haben auch kein Recht zur Lüge über die Art ihrer Erkrankung.“ Hakt der Chef also hartnäckig nach, bleibt einem in diesem Fall nur zu sagen: "Darüber möchte ich nicht sprechen."

Nur Offenheit kann das Stigma aufbrechen

Dass es Menschen gibt, die ihre psychische Erkrankung gern verheimlichen würden, kann Julia Schorlemmer verstehen. Sie ist Professorin für Gesundheitsmanagement am FOM Hochschulzentrum in Berlin. Schorlemmer arbeitet mit Unternehmen zusammen, wenn es beispielsweise um die Wiedereingliederung psychisch erkrankter Mitarbeitender geht — oder um Prävention. Sie sagt: „Ich begegne immer noch vielen, vor allem älteren Vorgesetzten, die in Bezug auf psychische Krankheiten ein Stigma im Kopf haben.“ Manche Chefs, die sie erlebt hat, glauben, ihre depressiven Mitarbeitenden seien einfach faul. „Dass sie aber zum Beispiel an Antriebsstörungen leiden und einfach nicht arbeiten können, wird oft verkannt — es wird dann gedacht, dass sie einfach nicht wollen.“

Auch Schorlemmer beobachtet zwar immer mehr Offenheit in Unternehmen, was psychische Erkrankungen angeht. Die negativen Ausnahme-Chefs, die sie kennt, sind allerdings der Grund, warum Schorlemmer einzelnen Betroffenen davon abraten würde, am Arbeitsplatz offen mit ihrer psychischen Erkrankung umzugehen. Wer einen Dienst an der Gesellschaft tun möchte, dem rät sie trotzdem, im Job bei diesem Thema ehrlich zu sein. „Nur dann lässt sich das Stigma langfristig aufbrechen.“

Selbstwert, Leistung, Perfektionismus

Das Stigma, von dem Schorlemmer berichtet, ist auch Psychotherapeutin Franziska von Piechowski bekannt. Sie beobachtet es an ihren Patientinnen und Patienten. Sätze, die sie in der Therapie über sich selbst sagen, seien zum Beispiel: „Ich habe diese Erkrankung nur, weil ich nicht stark genug bin“ oder „Andere schaffen die Arbeit doch auch, warum ich nicht?“ oder „Ich darf mir das nicht erlauben.“ Es sind Sätze, in denen es um Selbstwert geht, um Leistung, um Perfektionismus.

Ein großer Teil ihrer Arbeit bestehe darin, diese vermeintlichen Schwächen ihrer Patienten dann gemeinsam mit ihnen umzudeuten, sagt von Piechowski. Wer zugebe, dass er oder sie Hilfe brauche, sei nicht schwach, sondern stark. Eine psychische Erkrankung sei ein genauso gerechtfertigter Grund für Fehltage wie eine körperliche. „Und kein Angestellter würde sich fragen, ob sein Chef ihn für schwach hält, weil er sich das Bein gebrochen hat.“

Viele trauen sich erst spät, sich Hilfe zu holen

Sätze wie die, die von Piechowski ihre Patientinnen sagen hört, hatte auch Mira E. manchmal im Kopf. Trotzdem traute sie sich ins Gespräch mit ihrer Chefin, thematisierte ihre vermeintliche Schwäche. Bei ihrem siebenwöchigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik begegneten E. allerdings auch Betroffene, für die das nie in Frage gekommen wäre. „Viele meiner Mitpatientinnen und -patienten haben gesagt, dass sie ihre Erkrankung im Job auf keinen Fall ansprechen wollen“, erzählt sie. „Sie wollten nicht als schwach gelten oder von ihren Kolleginnen oder Vorgesetzten mit anderen Augen angesehen werden.“ Sie habe das als einerseits verstanden, andererseits als schade empfunden.

E. fiel in der Klinik außerdem auf: Unter den Behandelten gehörte sie mit Abstand zu den jüngsten. „Das Stigma hat bei vielen dazu geführt, dass sie sich erst sehr spät getraut haben, sich Hilfe zu holen“, sagt sie. „Ich war stolz, selbst so früh dran zu sein.“

Vertrauen ist entscheidend

Ob es jemandem schwer- oder leicht fällt, am Arbeitsplatz über die eigene psychische Erkrankung zu sprechen, hängt von vielen Faktoren ab, sagt Gesundheitsexpertin Julia Schorlemmer — besonders von individuellen Vertrauenspersonen. „Ob die Beziehung zur Führungskraft auf dieser menschlichen Ebene stimmt, wissen die meisten Mitarbeitenden instinktiv. Schon bevor es überhaupt zu so einem Gespräch kommt.“ Gab es also zwischen dem oder der Angestellten und der Führungskraft schon vor der Erkrankung eine Vertrauensbasis? Hatte der oder die Betroffene das Gefühl, wertgeschätzt zu werden? Bekam er oder sie regelmäßiges Feedback, auf Erfolge wie auf Fehler? Je mehr dieser Fragen eine betroffene Person mit „Ja“ beantworten kann, umso besser stehen die Chancen auf eine positive Reaktion seitens der Vorgesetzten.

Rückblickend sagt auch Mira E. über das Gespräch mit ihrer Chefin: „Ich wusste, ich würde bei ihr auf Verständnis stoßen.“ Natürlich habe sie Respekt davor gehabt, sich im Job zum ersten Mal so verletzlich zu machen. Doch es habe sich gelohnt: Jetzt, da sie von ihrer psychischen Erkrankung weiß, kann ihre Chefin anders auf ihre Bedürfnisse eingehen. „Bestimmte Aufgaben, die mich früher sehr unter Druck gesetzt haben, bekomme ich nicht mehr“, sagt E. „Meine Chefin und ich haben das gemeinsam so besprochen.“

Noch immer geht die 29-Jährige einmal pro Woche zur ambulanten Psychotherapie, während ihrer Arbeitszeit. Für ihre Chefin ist das „vollkommen okay“, sagt sie, sie habe Vertrauen, dass E. sich ihre Zeit gut einteile. Auch juristisch betrachtet hat Mira E. ein Recht auf die Therapiestunden während der Arbeitszeit — aber nur, weil ihr Therapeut ausschließlich zu dieser Zeit seine Sprechstunde anbietet, erklärt Arbeitsrechtler Nicolas Roggel. „Soweit möglich, sind Mitarbeiter verpflichtet, Arztbesuche außerhalb der eigenen Arbeitszeiten zu terminieren.“

Arbeit als Stabilisator

Psychisch Erkrankte, die wie Mira E. mit einer verständnisvollen, empathischen Führungskraft arbeiten, ziehen aus ihrem Job häufig viel Kraft, sagt Gesundheitsexpertin Julia Schorlemmer. „Wir machen oft den Fehler, zu denken: Die Arbeit macht uns alle krank. Das stimmt aber nicht.“ Fälle wie der von Mira E. zeigten, was ein gutes Arbeitsumfeld Menschen geben kann: Halt, Struktur, Mitgefühl.

Auch Psychotherapeutin Franziska von Piechowski erlebt das häufig. „Ganz oft hat die Arbeit für meine Patientinnen und Patienten etwas Stabilisierendes“, sagt sie. „Es ist dann etwas Regelmäßiges, etwas Konstantes, etwas, bei dem sie im besten Fall auch Wertschätzung und Anerkennung erhalten.“ Natürlich könne Arbeit auch psychisch krank machen. Oft genug sei aber das Gegenteil der Fall.

Der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, die feste Arbeitsstruktur, all das hilft auch Mira E. bei der Genesung, sagt sie. Und auch ihre Chefin scheint zufrieden. Ende 2020, ein paar Monate nach ihrem Klinikaufenthalt, hat E. eine Gehaltserhöhung bekommen, ihre Beurteilung sei sehr positiv ausgefallen, erzählt sie. E. glaubt: Sie ist heute eine bessere Mitarbeiterin für ihre Chefin, als sie es vor dem Klinikaufenthalt war.