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Dax gewinnt 1,6 Prozent – Profis sichern sich verstärkt gegen fallende Kurse ab

Röder, Jürgen
·Lesedauer: 8 Min.

Manche Marktbeobachter sehen den deutschen Leitindex schon wieder auf dem Weg zum Rekordhoch. Doch es gibt auch Signale, die vor allem Privatanleger vorsichtig stimmen sollten.

Auf der Unterseite steht die Marke von 13.500 Punkten im Fokus. Foto: dpa
Auf der Unterseite steht die Marke von 13.500 Punkten im Fokus. Foto: dpa

Nach dem starken Wochenauftakt geht es weiter aufwärts am deutschen Aktienmarkt. Der Dax schloss am Dienstag beim Stand von 13.835 Punkten und damit 1,6 Prozent im Plus. Bereits den gestrigen Handelstag beendete der deutsche Leitindex 1,4 Prozent höher bei 13.622 Punkten.

Manche Marktbeobachter spekulieren sogar darauf, dass das deutsche Börsenbarometer wieder den Sprung über die Marke von 14.000 Punkten schafft. Dann ist es nicht mehr weit bis zum Rekordhoch von 14.132 Zählern.

Der Anlegerstimmung zufolge ist dieser Sprung aber eher unwahrscheinlich. Das Dax-Sentiment zeigt: Die Korrektur, die seit dem Rekordhoch Anfang Januar langsam eingesetzt hat, wird nicht so schnell enden.

Auffällig dabei: Privatanleger und Anlageprofis ziehen aus der aktuellen Kursentwicklung ganz unterschiedliche Konsequenzen. Die Profis sichern sich verstärkt gegen fallende Kurse ab, wie das Put-Call-Verhältnis der Frankfurter Terminbörse Eurex zeigt. Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart hingegen zeigt erstmals seit September wieder ein Übergewicht an Call-Hebelprodukten an.

Wiederholt sich die Historie des vergangenen Jahres, sollten Privatanleger vorsichtig sein. Diese hohe Diskrepanz zwischen vorsichtigen Profis und mutigen Privaten gab es zwei Mal im Jahr 2020. Im Februar vor dem Corona-Crash und in den Monaten September und Oktober. Danach rutschte der Dax Ende Oktober auf 11.450 Punkte ab.

Der Optimismus der Privatanleger zeigte sich bei kurzfristigen Einstellung am Dienstagmorgen. Laut der täglichen Handelsblattumfrage „Wird der Dax heute fallen oder steigen?“ glauben 58 Prozent an eine positive Entwicklung am heutigen Dienstag. Nur 29 Prozent erwarten fallende Kurse. Diese Frage wird täglich auf der Handelsblatt-Startseite gestellt.

Von der recht positiven Stimmung profitiert offenbar auch das Berliner Start-up Auto1. Vor seinem geplanten Börsenstart am Donnerstag legte das Unternehmer am späten Dienstagnachmittag den Ausgabepreis für seine 48,23 Millionen Aktien auf je 38 Euro fest. Die Papiere werden damit am oberen Ende der Preisspanne von 32 bis 38 Euro zugeteilt. Der Börsengang des Online-Gebrauchtwagenhändlers wird mit 1,83 Milliarden Euro der größte IPO in Deutschland seit fast eineinhalb Jahren.

Derweil hat sich die Lage am Markt für Silber beruhigt, die Montags-Hausse ist vorbei. Nach dem gestrigen Anstieg auf über 30 Dollar – ein neues Acht-Jahres-Hoch – liegt der Preis mittlerweile wieder bei 27,60 Dollar je Feinunze, ein Minus von mehr als fünf Prozent.

Für den Anstieg am Montag waren offenbar auch viele Kleinanleger verantwortlich, die dem Aufruf des Forums „Wall-Street-Bets“ auf der Plattform Reddit gefolgt waren, auf steigende Kurse zu wetten. Das diente quasi als Fortsetzung der Wette auf steigende Kurse bei der Gamestop-Aktie.

Doch diese Spekulation endet allmählich, auch weil die Rahmenbedingungen verschärft werden. Die Chicagoer Terminbörse CME hat die Sicherheitsleistungen (Margins) für spekulative Käufer erhöht, was solche Geschäft unattraktiver macht.

Parallel zum Preisrückgang für Silber endet auch die Hausse bei den Minen-Unternehmen. Am Vortag legten beispielsweise First Majestic Silver, Pan American Silver und Hecla Mining mehr als 20 Prozent zu. Heute sieht die Lag e auf dem deutschen Markt anders aus. Das Papier von First Majestic Silver verliert mehr als 13 Prozent, der Hecla-Titel rund acht Prozent. Auch der iShares Silver Trust, der weltgrößte Silber-ETF, verliert am heutigen Dienstag am deutschen Markt fünf Prozent an Wert.

Gamestop-Verfall auch am deutschen Markt

Auch bei der Gamestop-Aktie setzte sich der Kursverfall an der Wall Street fort. Dort hatte das Papier mehr als 30 Prozent an Wert verloren, nachdem es in den Wochen zuvor zeitweise mehr als 2000 Prozent zugelegt hatte.

Noch etwas größer sind die Verluste zum Handelsauftakt am deutschen Aktienmarkt. Die Aktie verliert im Nachmittagshandel fast 50 Prozent auf etwa 114 Euro.

Der Handel verläuft volatil. Die Kursspanne auf der Handelsplattform Xetra liegt zwischen 102 und 150 Euro, am gestrigen Dienstag lag die Spanne zwischen 175 und 308 Euro. Offenbar waren noch viele Trader geneigt, in die Aktie des Videospiel-Händlers zu investieren.

Der Kursverfall darf nicht verwundern. Laut den Daten des Finanzdienstleister S3 haben die Shortseller ihre Quote, mit der sie auf fallende Kurse spekuliert hatten, mittlerweile auf 53 Prozent der handelbaren Aktien gesenkt. Zwischenzeitlich lag diese Quote deutlich über 100 Prozent, weil entweder Derivate eingesetzt wurden oder Aktien von Shortsellern weiterverliehen wurden.

Die Pendants auf der deutschen Seite sind eher die Papiere des Batterieherstellers Varta und des Leasing-Unternehmens Grenke. Mit der Einschränkung, dass die Dimensionen bei der Gamestop-Aktie erheblich größer sind.

Auch bei Varta und Grenke sind Shortseller im großen Stil unterwegs. Varta führte mit einem Minus von acht Prozent die Verliererliste im Nebenwerte-Index MDax an, Grenke lag mit einem Verlust von 4,4 Prozent im Kleinwerte-Index SDax deutlich hinten. Am Dienstag notiert das Varta-Papier im Nachmittagshandel aber wieder 1,2 Prozent im Plus, der Grenke-Titel kann 0,6 Prozent zulegen.

Ähnlich wie bei Gamestop und Silber steigen Anleger auch bei Ripple aus. Die nach Bitcoin und Ethereum drittwichtigste Cyber-Devise fällt um 8,4 Prozent auf 0,3403 Dollar. Am Montag hatte sie wegen spekulativer Käufer zeitweise mehr als 50 Prozent zugelegt, dann aber 25 Prozent im Minus geschlossen.

Beim dem rasanten Anstieg der US-Aktien Gamestop, AMC Entertainment und Koss dürften auch automatisierte E-Mails eine Rolle gespielt haben. Gegenüber dem US-Fernsehsender CBS sagte ein Sprecher der beliebten Reddit-Gruppe, dass man erst „kürzlich“ Bot-Aktivitäten festgestellt habe. Unter Bots werden computergesteuerte Accounts bezeichnet, die automatisch Nachrichten auf Reddit, Twitter und anderen Social-Media-Plattformen verbreiten.

Ben Hunt, ein ehemaliger Hedgefonds-Manager und Mitgründer der Analysefirma Epsilon Theory, schrieb am Samstag in einem Tweet per Twitter, dass seine Firma in den letzten 24 Stunden mehr als 30.000 Beiträge auf Wall Street Bets analysiert hat. 97 Prozent der Beiträge seien wohl von Bots erstellt worden.

Blick auf Einzelwerte

Fresenius Medical Care: Die Aktien brachen zeitweise um mehr als 13 Prozent ein. Das ist der höchste Kursrutsch seit etwa zweieinhalb Jahren. Den Handelstag beendeten die Papiere mit einem Minus von gut zehn Prozent Der Dialyse-Spezialist hat für 2021 vor einem Gewinneinbruch gewarnt. Im Sog von FMC rutschten die Titel der Mutter Fresenius bis zum Handelsschluss um drei Prozent ab.

Airbus: Positive Analystenkommentare geben der Aktie Auftrieb. Die in Deutschland notierten Aktien des Flugzeugbauers stiegen bis Handelsschluss um gut sechs Prozent auf 88,55 Euro. Insbesondere zwei große US-Investmentbanken hatten sich optimistisch zu den Papieren von Airbus geäußert. So erhöhte Morgan Stanley das Kursziel für die Aktien um mehr als die Hälfte auf 112 Euro und traut ihnen nun eine überdurchschnittliche Gesamtrendite im Vergleich zu den anderen von der Bank beobachteten Werten der Luftfahrtbranche zu. Zugrunde gelegt wird dabei ein Zeitraum zwischen zwölf und 18 Monaten.

Die jüngst avisierte Produktionssteigerung für den A320 sei ein positives Signal, schrieb Morgan-Stanley-Analyst Andrew Humphrey. Er habe den Konzern wohl unterschätzt und hob seine Auslieferungsprognosen an.

Trotz der in den vergangenen Monaten erzielten Kursgewinne sind die Airbus-Aktien immer noch meilenweit von ihrem im Januar 2020 bei 139,40 Euro erreichten Rekordhoch entfernt. Die Corona-Krise ließ die Papiere im März bis auf knapp 48 Euro und damit auf den tiefsten Stand seit Februar 2015 absacken. Seit der Eskalation der Corona-Krise am Rosenmontag des vergangenen Jahres (24. Februar) haben die Anteilsscheine rund ein Drittel an Wert verloren, wohingegen der MDax seitdem fast zehn Prozent gewonnen hat.

BP: Der bereinigte Überschuss brach von Oktober bis Dezember im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 115 Millionen US-Dollar ein, nach 2,57 Milliarden Dollar im Jahr zuvor. Das war deutlich weniger als von Analysten erwartet. Die Aktie verliert in London 4,5 Prozent.

Wacker Chemie: Die florierende Baukonjunktur und das Geschäft mit der Solarindustrie haben Wacker Chemie im Corona-Jahr 2020 gestützt. Konzernumsatz und operatives Ergebnis (Ebitda) blieben nur leicht hinter dem Vorjahresniveau zurück.

Die vorläufigen Zahlen trieben die im MDax notierte Wacker-Aktie zeitweise um 4,7 Prozent auf ein Jahreshoch von 128,55 Euro. Zum Handelsschluss lagen die Papiere noch vier Prozent im Plus bei 127,75 Euro. Im laufenden Geschäftsjahr winkt dem Konzern ein milliardenschwerer Sonderertrag, wenn die Übernahme der früheren Wafer-Tochter Siltronic an den taiwanischen Rivalen Globalwafers zustandekommt.

Was die Dax-Charttechnik sagt

Nach dem Wiederanstieg über die Marke von 13.500 Punkten bleibt diese Marke im Fokus. Auf der Oberseite ist das Rekordhoch von 14.132 Zählern der erste Widerstand. Darüber dient für die technischen Analysten der Bank HSBC die Marke von 14.228 Punkten als nächste Anlaufstelle. Aus charttechnischer Sicht lässt sich in den kommenden Tagen und Wochen aber auch ein Kursziel von zunächst 14.700 Zählern ableiten.

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