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Dax schließt im Plus – Konjunkturdaten wirken stabilisierend

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Die etwas freundlichere Ifo-Konjunkturprognose hält den deutschen Leitindex im Plus. Grenke-Aktien gewinnen deutlich, Deutsche-Bank-Papiere schwanken.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Nach einem deutlichen Kursrutsch am Montag schloss der Dax am heutigen Dienstag im Plus. Am Abend beendete der deutsche Leitindex den Handel bei 12.594 Punkten und 0,41 Prozent höher als am Vortag.

Die Kursspanne aber war mit 100 Punkten Unterschied zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Stand des Tages eher gering. Auch die Stückzahl der gehandelten Aktien war mit 34 Millionen Aktien zwei Stunden vor Börsenschluss recht niedrig. Am Vortag waren insgesamt fast 120 Millionen Aktien ge- und verkauft worden.

Der MDax der mittelgroßen Börsenwerte stieg bis zum Mittag um 0,6 Prozent auf 26.652 Punkte und schloss am Abend bei 26.599 Punkten mit 0,38 Prozent mehr als am Vortag. Der Leitindex für die Euro-Zone, der Euro Stoxx 50, schloss 0,10 Prozent höher bei 3164 Punkten.

Das Dax-Minus vom Montag ist damit jedoch bei Weitem noch nicht ausgeglichen: Der Dax hatte am ersten Handelstag der Woche 4,4 Prozent tiefer geschlossen und war deutlich unter die 13.000-Punkte-Marke auf 12.542 Zähler gerutscht. Das waren 574 Punkte weniger als der Schlussstand vom vergangenen Freitag. Damit fiel das Frankfurter Börsenbarometer auf das Niveau von Ende August zurück und entging nur knapp seinem größten Tagesverlust seit Mitte März, als die damalige Angst vor der Pandemie den Dax schwer belastet hatte.

Offenbar hat die Realität die Anleger an den Börsen wieder eingeholt: Die Coronakrise ist keineswegs überwunden, steigende Infektionszahlen in vielen europäischen Ländern, allen voran in Spanien und Großbritannien, haben zu Wochenbeginn neue Sorgen über einen Konjunktureinbruch aufkommen lassen.

Für den am morgigen Mittwoch anstehenden ersten Börsengang auf dem Frankfurter Parkett nach der Sommerpause sind das verhaltene Aussichten. Der bayerische Wohnwagenbauer Knaus Tabbert könnte bei seinem geplanten Börsengang einem Insider zufolge weniger Geld einsammeln als erhofft. Der Preis pro Aktie werde wohl zwischen 58 und 60 Euro liegen, hieß es. Knaus Tabbert hatte bei einem Angebotspreis bis zu 74 Euro je Aktie auf 366 Millionen Euro gehofft.

Immerhin gab es am Dienstag keine weiteren Hiobsbotschaften zur deutschen Konjunktur. Wie bereits andere Konjunkturbeobachter korrigierte auch das Ifo-Institut seine Prognose nach oben. Statt um 6,7 Prozent werde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um minus 5,2 Prozent schrumpfen. „Der Rückgang im zweiten Quartal und die Erholung derzeit verlaufen günstiger, als wir erwartet hatten“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Die Prognosen für 2020 liegen nun mehrheitlich nicht mehr zwischen fast minus sieben und minus zehn Prozent, sondern „nur“ noch zwischen minus 4,7 und minus 6,6 Prozent, wobei die meisten Konjunkturbeobachter eine Rezessionstiefe zwischen minus fünf und minus sechs Prozent erwarten. Zum Vergleich: Vor der Pandemie war mit einem Minus von 5,7 Prozent das Finanzkrisenjahr 2009 jenes mit der tiefsten Rezession in Nachkriegsdeutschland.

Wenig beruhigende Nachrichten kommen indes aus den USA: Die Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern über das nächste Fiskalpaket drohen am Streit über die Nachbesetzung des Postens der verstorbenen Ruth Bader Ginsburg als Richterin am Obersten Gerichtshof zu scheitern. Viele Investoren hatten fest damit gerechnet, dass vor der US-Präsidentenwahl im November noch neue Staatshilfen aus Washington die Wirtschaft stützen würden.

Unklar ist zudem, ob der von Donald Trump angestoßene Umbau des US-Geschäfts von Tiktok tatsächlich zustande kommt. China will dem Deal mit den US-Konzernen Oracle und Walmart einem chinesischen Medienbericht zufolge nicht zustimmen. Er verletze „Chinas nationale Sicherheit, Interessen und Würde“, hieß es am Dienstag.

Eine bisherige grundsätzliche Einigung sieht vor, dass das US-Geschäft von Tiktok in einer eigenen Firma aufgeht, die Tiktok Global heißen soll. Unklar ist allerdings unter anderem, ob der chinesische Mutterkonzern Bytedance oder US-Konzerne die Kontrolle haben sollen. Die US-Regierung fordert den Umbau mit der Begründung, der Kurzvideodienst könne Daten an chinesische Regierungsstellen weiterleiten.

Die Börse in Schanghai gab 0,7 Prozent nach. Der Index der wichtigsten Unternehmen in Schanghai und Shenzen verlor 0,5 Prozent. In Hongkong büßte der Index 0,8 Prozent ein. In Japan blieben die Handelsplätze wie am Vortag wegen eines Feiertags geschlossen.

Die Wall Street hat sich nach den Kursverlusten zum Wochenauftakt am Dienstag stabilisiert. US-Technologiewerte ziehen die Aktienkurse zur Eröffnung der US-Börsen nach oben. Der breit gefasste S & P 500 gewann zum Handelsstart 0,5 Prozent und notierte am Morgen New Yorker Zeit bei 3302 Punkten. Der Technologiewerteindex Nasdaq Composite lag 0,7 Prozent höher, der Dow-Jones-Index der Standartwerte kletterte 0,3 Prozent auf 27.225 Punkte.

Schwankungen könnten anhalten

Marktbeobachter sind über den Rücksetzer nicht überrascht. Tagesverluste von drei Prozent sind in diesem Jahr keine Seltenheit, sondern allenfalls ein Zeichen dafür, dass Investoren nervös sind. „Da die Bewertungen infolge der Hausse in den letzten Monaten deutlich gestiegen sind und professionelle Anleger ihre hohen Portfoliopositionen bei IT-Titeln und Coronavirus-Profiteuren bisher nur wenig reduziert haben, kann ich mir vorstellen, dass die Marktschwankungen noch einige Zeit anhalten werden“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. Er erwartet, dass konjunktursensitive und günstige Aktiensektoren als Gewinner aus der Rotation von Tech- zu Industriewerten hervorgehen.

Stephan Heibel, Inhaber des Aktien-Analysehauses Animusx, sieht den Kursrücksetzer von Montag ebenfalls als eher vorübergehende Erscheinung: „Der Ausverkauf wird nicht lange anhalten“, sagt er. Heibl wertet die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage unter mehr als 3.500 Anlegern aus und ermittelt daraus den Stimmungsindex Dax-Sentiment. Aus den in der vergangenen Woche erhobenen Daten liest der Experte einen mäßigen Optimismus heraus. Das Zahlenwerk zeigt eine dünne Mehrheit für die Optimisten vor den Pessimisten, wobei die neutral gestimmten Anleger die größte Gruppe bilden.

Blick auf Einzelwerte

Deutsche Bank: Völlig überraschend kommt die Nachricht nicht, dennoch beendet sie den kurzfristigen Kursaufschwung bei der Aktie des größten deutschen Geldhauses. Die Deutsche Bank will jede fünfte Filiale in Deutschland schließen und das Netz von gut 500 auf etwa 400 verringern, sagte Philipp Gossow, Leiter des Privatkundengeschäfts der Marke Deutsche Bank. Zuvor hatte Finanzchef James von Moltke bei einer Analystenkonferenz betont, es gebe ermutigende Zeichen im Privatkundengeschäft und auch im Investmentbanking liefen die Geschäfte weiterhin gut. Auch ihr Kostenziel in diesem Jahr werde die Bank wohl erreichen. Der Aktienkurs schwankte bei relativ geringen Handelsumsätzen und lag am Mittag gut ein Prozent im Plus. Am Montag hatten Medienberichte über Probleme internationaler Großbanken bei der Bekämpfung von Geldwäsche die Aktie um fast neun Prozent einbrechen lassen.

Grenke: Weiterhin unter Beobachtung steht die Grenke-Aktie. Der Shortseller Fraser Perring wirft dem Leasinganbieter vor, seine Bilanzen jahrelang aufgebläht zu haben. Nach den Erfahrungen mit Wirecard will die deutsche Finanzaufsicht Bafin nun „alle aufsichtsrechtlichen Instrumente“ nutzen, um die Anschuldigungen zu prüfen, sagte Bafin-Bankenaufseher Raimund Röseler am Dienstag in Frankfurt. Gründer Wolfgang Grenke hatte am Montag sein Aufsichtsratsmandat niedergelegt. Aktionäre griffen am Dienstag zu, der Kurs stieg in der Spitze um 13 Prozent und lag am Mittag noch 6,5 Prozent im Plus.

Pro Sieben Sat 1: Die Aktien des Fernsehsenders und MDax-Wertes legen zeitweise gut neun Prozent zu. Ein Bericht über eine mögliche Aufstockung des Anteils von Großaktionär Mediaset in der italienischen Zeitung „Il Messagero“ lässt Händlern zufolge die Anleger zugreifen.

Delivery Hero: Der Dax-Neuling schaffte es am Dienstag mit einem Kursplus von zeitweise annähernd vier Prozent an die Spitze der Dax-Gewinner. Der Essenslieferdienst gehört zu den Profiteuren der Coronakrise, die Aktie war insbesondere in den Monaten nach dem Lockdown bei Anlegern sehr gefragt. Seit Januar legte der Kurs des Papiers um 27 Prozent zu. Seit Ende August ersetzt Delivery Hero den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard im deutschen Leitindex Dax. Allerdings schreibt das Unternehmen nach wie vor hohe Verluste, seit der Aufnahme in die erste Börsenliga schwankt der Aktienkurs stark.

Hellofresh: Auch der im MDax notierte Lieferant von Kochboxen profitiert von den veränderten Einkaufsgewohnheiten in der Coronazeit. Am Dienstag griffen Anleger daher auch bei Papieren des Berliner Unternehmens zu, der Kurs stieg in der Spitze um gut drei Prozent und lag mittags noch 1,4 Prozent höher als am Vortag. Hellofresh konnte seit März nicht nur den Umsatz mehr als verdoppeln, die Firma schreibt anders als Delivery Hero auch schwarze Zahlen. Die Umsatz- und Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2020 war bereits Anfang August erhöht worden.

Technologiewerte Rückenwind aus den USA erhielten Technologiewerte: Nachdem sich Tech-Aktien am Montag im späten Handel an der Wall Street erholen konnten, zogen im Dax die Anteilsscheine des Chipherstellers Infineon und des Softwarekonzerns SAP zeitweise rund zwei Prozent an.

Blick auf andere Assetklassen

Devisen: Der Euro kostete am Dienstag 1,1760 US-Dollar und damit in etwa so viel wie am späten Vorabend. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Montagnachmittag auf 1,1787 Dollar festgesetzt. Die hohe Verunsicherung an den Finanzmärkten hatte den Euro zum Wochenstart deutlich belastet.

Anders als der Euro konnte der US-Dollar zuletzt zulegen. Die amerikanische Währung profitiert in Zeiten schwacher Aktienmärkte von ihrem Status als Weltreservewährung. Am Montag waren die Börsen vor allem durch steigende Corona-Neuinfektionen insbesondere in Europa verunsichert worden.

Die türkische Lira hingegen setzt ihre Talfahrt fort. Vor dem in dieser Woche anstehenden Zinsentscheid der türkischen Zentralbank ziehen sich Anleger aus der Währung des Landes weiter zurück. Der Dollar steigt im Gegenzug um 0,3 Prozent auf ein Rekordhoch von 7,6492 Lira. In diesem Jahr büßte die türkische Lira bereits 22 Prozent an Wert ein. Ökonomen rechnen zwar mehrheitlich nicht damit, dass die Notenbank am Donnerstag den Leitzins anhebt. Allerdings erwarteten sie weitere Maßnahmen durch die Hintertür, um die Geldmenge zu straffen.

Öl: Die Ölpreise haben am Dienstag ihre zu Wochenbeginn erlittenen Verluste leicht ausgeweitet. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 41,34 US-Dollar. Das waren zehn Cent weniger als am Montag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) sank um zwölf Cent auf 39,42 Dollar.

Am Montag hatten die Rohölpreise deutlich nachgegeben. Ausschlaggebend war die allgemein schlechte Stimmung an den Finanzmärkten. Für Verunsicherung sorgten die vielerorts steigenden Corona-Neuinfektionszahlen. Es geht die Furcht um vor weiteren größeren Corona-Beschränkungen mit harten wirtschaftlichen Folgen. Dies würde auch die ohnehin fragile Erdölnachfrage treffen.

Kupfer: Der Preis für Kupfer zieht erneut an. Das Industriemetall verteuert sich am Dienstag um knapp ein Prozent auf 6753 Dollar je Tonne. „Die chinesische Nachfrage und die Verknappung der weltweiten Kupferbestände wirken sich unterstützend auf die Preise aus“, sagte Lachlan Shaw, Rohstoffexperte bei der National Australia Bank. Die Angst vor weiteren Einschränkungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie begrenze aber den Zuwachs.
Mit Agenturmaterial.

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