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Dax schließt schwächer – Größtes Wochenminus seit März

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Der deutsche Leitindex legt bei seiner Talfahrt ein atemberaubendes Tempo an den Tag. Noch ist ein Ende weiterer Kursverluste nicht in Sicht.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Die Verlustserie am deutschen Aktienmarkt findet kein Ende: Der Dax schließt am Freitag 0,36 Prozent schwächer bei 11.556 Zählern. Zum Handelsauftakt lag der Index noch tiefer bei 11.457 Punkten.

Dabei hatte es am gestrigen Handelstag noch erste Tendenzen einer Stabilisierung gegeben. Der Index war mit einem Plus von 0,3 Prozent und 11.598 Zählern aus dem Handel gegangen. Das Wochenminus liegt nun allerdings bei 8,6 Prozent. Es sind die größten Verluste im Leitindex seit dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle Mitte März.

Dass der Dax derzeit abrutscht, kommt angesichts der Anlegerstimmung keinesfalls überraschend. Bereits vor gut zwei Wochen ergab die Handelsblattumfrage Dax-Sentiment, dass bald ein solcher Ausverkauf bevorstehe.

Noch am gestrigen Donnerstag ließen die Ergebnisse der Erhebung von der Börse Frankfurt die Furcht vor einer gelernten Sorglosigkeit der Anleger wachsen, die für neue Turbulenzen sorgen könnte.

Überraschend ist aber das Tempo, das die Frankfurter Benchmark bei ihrer Talfahrt an den Tag legt. In den vergangenen zehn Tagen hat das Börsenbarometer mehr als zehn Prozent verloren. Aus technischer Sicht begann der Ausverkauf am vergangenen Montag mit dem Rutsch unter die Marke von 12.200 Zählern. Doch bereits am Ende dieser Woche ist das erste, wichtige Kursziel auf der Unterseite, die Marke von 11.000 Punkten, nicht mehr weit entfernt.

Das alles weckt zwangsläufig Erinnerungen an den Ausverkauf im März dieses Jahres, als es den schnellsten Crash aller Zeiten gab. Damals rutschte der Dax auf 8255 Punkte. Wiederholt sich diese Börsenhistorie, und stürzt der Leitindex wieder auf solche Tiefstände?

Wenn die Sentimentanalyse erneut recht behalten sollte, ist die Antwort eindeutig: Nein. „Ein zweiter Corona-Crash ist weniger wahrscheinlich und dürfte nicht annähernd so stark ausfallen wie im März dieses Jahres“, lautet das Fazit von Stephan Heibel, der die wöchentliche Handelsblattumfrage Dax-Sentiment auswertet.

Die Begründung: Viele Anleger haben die Rally seit dem Frühjahr nicht mitgemacht und warten auf einen zweiten Crash, ausgelöst vielleicht durch die zweite Coronawelle oder durch die US-Wahlen. Dann könnten diese unzufriedenen Investoren endlich nennenswerte Positionen aufbauen und bei der anschließenden Wiederholung der Erholungsrally stärker profitieren als beim ersten Mal. Doch das ist Zukunftsmusik, derzeit sollten Anleger den Blick auf die Unterseite des Dax-Charts richten.

Blick auf Einzelwerte

Continental: Unternehmenschef Elmar Degenhart tritt offenbar aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Nikolai Setzer, Chef des Automotive Boards, soll die Leitung des Unternehmens übernehmen. Die Aktie legte trotzdem 1,22 Prozent zu, schließlich war dieser Personalwechsel keine Überraschung.

SNP: Die Aktien schloss 2,73 Prozent im Plus. Der IT-Berater- und Softwarehersteller hat in den ersten neun Monaten von der gestiegenen Nachfrage nach seinem Softwareangebot profitiert. Der Umsatz kletterte um sieben Prozent.

Thyssen-Krupp: Die Papiere stiegen um 2,5 Prozent auf 4,09 Euro, obwohl Jürgen Kerner, stellvertretender Aufsichtsratschef und Gewerkschafter, das Übernahmeangebot des britischen Konkurrenten Liberty Steel abgelehnt hat. Die Aktie hat aber in den vergangenen drei Monaten mehr als 40 Prozent verloren und notiert in der Nähe ihres Rekordtiefs, das Anfang Oktober mit 3,82 Euro erreicht wurde.

Varta: Die Aktien legten in einem schwachen Marktumfeld 1,22 Prozent zu. Apple hatte bei der Vorlage seiner Quartalszahlen ein Umsatzwachstum in der Sparte „andere Produkte“ um 20,9 Prozent auf 7,88 Milliarden Dollar gemeldet. Zu dieser Sparte gehören auch Wearables wie AirPods, für die Varta die Batterien herstellt.

Blick auf andere Assetklassen

Neuer Handelstag, neues Rekordhoch der wichtigsten Devisen gegenüber der türkischen Währung. Die neuen Rekordmarken lagen heute gegenüber dem Dollar bei 8,3803 Lira (plus 0,9 Prozent), gegenüber der Gemeinschaftswährung bei 9,7849 Lira, plus 1,1 Prozent. Das bisherige Minus im Monat Oktober gegenüber dem Dollar beläuft sich mittlerweile auf mehr als acht Prozent. Das ist die schwächste Lira-Monatsbilanz seit der Währungskrise im Jahr 2018.

Die Frage ist nun: Gibt es bereits vor der geplanten Sitzung der türkischen Zentralbank am 19. November eine Notfall-Zinserhöhung?

Denn der heutige Versuch, die Lira zu stärken, ging mal wieder schief. Die Entscheidung, den Zugang zu Lira aus dem billigeren Repo-Markt der Börse Istanbul zu beenden, ist der jüngste Schritt in dem Bemühen der Regulierungsbehörde, die türkische Währung zu stärken, ohne auf eine direkte Anhebung der Leitzinsen zurückzugreifen. Solch ein Repo-Markt (Rückkaufvereinbarung) ist ein kurzfristiges Finanzierungsinstrument.

Dieser Schritt, die Refinanzierung seitens der Börse bei 11,75 Prozent einzustellen, führt zu höheren Kosten für die Kreditaufnahme in Lira. Denn die Kreditgeber sind dann gezwungen, eine teurere Vereinbarung mit der Zentralbank abzuschließen.

Eine Notfall-Zinserhöhung käme nicht zum ersten Mal. Die Zentralbank hob die Zinssätze in einer Dringlichkeitssitzung im Mai 2018 um 300 Basispunkte an, um die Verluste der Lira einzudämmen. Zudem verdoppelte sie in einer außerplanmäßigen Sitzung im Januar 2014 den Satz um mehr als das Doppelte.

Für den Commerzbank-Devisenanalysten Tatha Gose, der bereits seit mehreren Jahren die türkische Finanzpolitik kritisch beurteilt, könnte eine „große Not-Zinserhöhung wahrscheinlichste Versuch sein, die Abwertungsdynamik zu brechen“.

Doch dieser Schritt kostete im Sommer 2019 den damaligen Zentralbankchef Murat Çetinkaya den Job. „Auch das spricht dafür, dass die Schmerzgrenze der aktuellen Währungshüter, eine Geldpolitik gegen den Willen der Regierung zu betreiben, eher noch höher sein dürfte als in der Vergangenheit“, meint Commerzbank-Devisenanalystin Esther Reichelt.

Was die technische Analyse zur SAP-Aktie sagt

Der Kursverfall der SAP-Aktie am Montag hat den Dax-Ausverkauf eingeleitet. Das Papier ist von 124 Euro auf rund 91 Euro abgerutscht, der Tiefpunkt liegt bei 90 Euro. Aus technischer Sicht spricht einiges dafür, dass der Rückschlag ähnlich wie im Frühjahr nur einige Wochen andauert und nicht mehrere Monate. Denn das Dax-Schwergewicht ist immer noch in einem seinem langfristigen Aufwärtstrend seit 2008.

Auf der Unterseite ist die Marke von 80 Euro wichtig. Dort gab es bereits nach dem Kurssturz im Frühjahr und in den beiden vergangenen Jahren immer wieder hohes Kaufinteresse.

Im Februar 2020 fiel beispielsweise die Aktie von 130 Euro auf 82 Euro. Diese Korrektur dauerte knapp vier Wochen. Nach einer dynamischen Erholung stieg der Anteilsschein wieder im Juli über die Ausgangsmarke von 130 Euro.

Die derzeit laufende Korrektur wäre wohl beendet, wenn der SAP-Anteilsschein wieder über die Marke von 110 Euro klettern würde. In diesem Bereich gab es in den vergangenen Jahren mehrere zwischenzeitliche Hochpunkte.

Was die Dax-Charttechnik sagt

Mit dem heutigen Tagestief von 11.450 Zählern könnte sich eine erste kurzfristige Unterstützungsmarke gebildet haben. Denn bereits am Mittwoch und Donnerstag lagen die jeweiligen Tagestiefpunkte in der Nähe dieser Marke bei 11.457 Zählern beziehungsweise 11.458 Punkten. Auf diesem Level herrscht also seit Mittwoch mehr Nachfrage als Angebot.

Das bedeutendere Kursziel auf der Unterseite liegt weiterhin bei 11.000 Punkten. Hinter dieser Berechnung steckt Folgendes: Der Dax hat sich längere Zeit in einer Seitwärtsspanne von 1200 Punkten bewegt und diese mit dem Rutsch unter die Marke von 12.200 Zählern aufgelöst. 12.200 minus 1200 ergibt 11.000 Punkte. So funktioniert die technische Analyse, die oftmals wichtige Anhaltspunkte bietet.

Wie gesagt: Das Rekordtempo, das der Dax vorlegt, ist beeindruckend. Er hat bereits deutlich mehr als die Hälfte dieser Abwärtsbewegung schon erreicht. In dieser Woche gab es schon zwei Abwärtskurslücken. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.

Solche Kurslücken sind quasi eine Neubewertung des Marktes, weil in dieser Lücke kein Handel stattgefunden hat.

Die Kurslücke am Mittwoch zwischen 12.035 Punkten (tiefster Kurs am Dienstag) und 11.852 Zählern (höchste Notierung am Mittwoch) unterstreicht die schwache Verfassung des Marktes.

Auf der Oberseite würde indes ein Anstieg über das gestrige Tageshoch (11.707 Punkte) für eine zaghafte Stabilisierung sprechen. Eine wirkliche Besserung der Lage würde sich erst ergeben, wenn der Dax wieder in den Bereich um 12.200 Zähler vorstoßen würde. Ein solcher Befreiungsschlag ist derzeit aber absolutes Wunschdenken, meinen die technischen Analysten der HSBC-Bank.

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