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Dax scheitert an der 12.000-Punkte-Marke

Die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle setzt den Dax-Anlegern zu. Es gibt allerdings auch Punkte, die für eine Stabilisierung sprechen.

Erfolgreicher Börsenmonat Mai, erfolgreicher Start in den Juni. Foto: dpa

Der Dax hat am Freitag eine Berg- und Talfahrt hingelegt und schließt knapp unter dem Vortagesniveau. Insgesamt vier Mal wechselte der deutsche Leitindex von der Verlust- in die Gewinnzone beziehungsweise andersrum. Er erreichte dabei eine Handelsspanne von rund 350 Punkten und schloss schließlich 0,2 Prozent im Minus bei 11.949 Zählern.

Einige Anleger hatten den Kursrutsch vom Vortag zum Wiedereinstieg in den Markt genutzt, insbesondere die großen Verlierer des Vortages konnten davon profitieren. Die Lufthansa und Daimler legten zeitweise fünf Prozentpunkte zu, lagen zum Abend aber nur noch drei beziehungsweise zwei Zähler im Plus.

Denn im Laufe des Handelstages setzte sich verstärkt wieder Pessimismus durch. Auch die guten Zahlen von der Eröffnung der US-Börsen konnten den Abwärtstrend am Nachmittag nicht bremsen.

Am Donnerstag hatte der Dax mehr als vier Prozent verloren. Dabei stürzte das deutsche Börsenbarometer in den letzten Handelsminuten unter die Marke von 12.000 Punkten und riss die charttechnisch wichtige 200-Tage-Linie. Diese Linie beschreibt den gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Börsentage. Wird sie wie jetzt durchbrochen, fallen die Kurse häufig weiter.

„Die Investoren fragen sich nun, ob die Erholung viel zu schnell zu weit gegangen ist und dies jetzt der Beginn einer stärkeren Korrektur ist oder nur ein temporärer Rücksetzer“, sagte Milan Cutkovic, Marktanalyst beim Brokerhaus AxiTrader. „Womöglich dürfte sich aber schon die Erkenntnis durchsetzen, dass die Reaktion der Märkte vom Donnerstag übertrieben war“, schätzte Timo Emden vom gleichnamigen Analysehaus.

Eine Korrektur an den Märkten wird bereits seit Längerem erwartet, das Problem: Zeitraum und Beginn lassen sich erst rückblickend feststellen.

Diese Verunsicherung spiegelt sich auch im VDax wider, der am Donnerstag um 16 Prozent nach oben sprang und am Freitagnachmittag bei 39,24 Punkten notierte – das ist der höchste Wert seit einem Monat. Der Index gibt die Erwartungen der Anlageprofis an, wie volatil der Dax-Handel in den kommenden Tagen und Wochen sein dürfte. Je höher der VDax notiert, desto höhere Schwankungen werden erwartet.

Auf Wochensicht liegt der Dax damit fast sieben Prozent im Minus, nachdem er zuvor in nur elf Tagen ohne größeren Stopp um bis zu fast 19 Prozent gestiegen war. Seit dem Coronacrash hatte der Dax sogar rund die Hälfte seiner Verluste wieder aufgeholt. „Nach einem Anstieg der Aktienmärkte von etwa 50 Prozent seit Mitte März überrascht die Entwicklung nicht. Anleger sollten die Situation – insbesondere die Infektionszahlen – genau beobachten“, erklärt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

Viele Anleger fürchten eine zweite Corona-Welle, wie sie nun in den USA möglich scheint. Dort stiegen in einigen südlichen Bundesstaaten wie Florida und Texas die Neuinfektionen zuletzt wieder. Hinzu kommen die Gefahren eines eskalierenden US-chinesischen Handelsstreits sowie die schleppenden Brexit-Verhandlungen.

Nicht wenige Analysten hatten zudem bereits von einer Überhitzung des Marktes wegen der Billiggeldflut der Notenbanken gesprochen, die nichts mehr mit den realen Wirtschaftsperspektiven zu tun habe. Den jetzigen Rücksetzer dürften viele Anleger genutzt haben, um Gewinne zu realisieren.

Auf der anderen Seite haben viele Anleger auf fallende Kurse spekuliert, wie beispielsweise das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt. Dort war Mitte der Woche der Anteil von Short-Hebelprodukten in den Depots der Privatanleger so hoch wie noch nie. Die Frage ist, wie groß der Rücksetzer sein muss, damit die Anleger ohne Verluste aus den Engagements herauskommen. Schließen sie ihre Positionen, stabilisiert das auch die Kurse.

Zudem gibt es etliche Fondsmanager, die den allergrößten Teil der Erholung am Aktienmarkt verpasst haben und unterinvestiert sind. Dafür spricht unter anderem die Tatsache, dass die Börsenumsätze in der Rally seit Mitte März niedriger waren als in früheren Crashzeiten. Wenn diese Anleger den Rücksetzer zum Einstieg nutzen, könnte sich der Markt ebenfalls wieder stabilisieren.

Einzelwerte im Fokus

Lufthansa: Die hohen Schwankungen der Lufthansa-Aktie setzen sich am Freitag fort. Die Papiere des Luftfahrtunternehmens sind der Tagesgewinner im Dax mit 3,1 Prozent Plus, hatten seit Wochenmitte aber auch wieder mehr als 20 Prozent eingebüßt.

Adidas: Die Aktien des Sportartikelherstellers gaben 1,8 Prozent nach. Damit ist das Unternehmen der Dax-Verlierer des Tages. Der Rivale Lululemon hatte erstmals seit drei Jahren die Erwartungen von Analysten bei Umsatz und Gewinn verfehlt.

Fresenius Medical Care: Die Papiere des Dialyseanbieters rutschten 1,7 Prozent nach unten und damit erstmals seit Ende April wieder klar unter die charttechnisch als wichtig erachtete 21-Tage-Linie für den kurzfristigen Trend.

Was die Charttechnik sagt

Der am Donnerstag mit hoher Dynamik vollzogene Rücksetzer im Dax weist auf Risiken hin, schreibt Helaba-Volkswirt Christian Schmidt. Allerdings sei anzumerken, dass sich dieser zuletzt aus technischer Sicht mit zunehmend auftretenden Warnsignalen abgezeichnet habe. Bemerkenswert sei zudem, dass ein idealtypisches „Island“ gebildet wurde, da es sich bei der Kurslücke von gestern um ein sogenanntes „Breakaway Gap“ handelt. Ein Breakaway Gap kennzeichnet eine sehr schnelle Bewegung nach einem Trendwechsel und deutet häufig auf eine erfolgte Trendumkehr hin.

Jetzt gilt es laut dem Helaba-Experten, den Blick weiter nach unten zu richten. Die nächsten Zielmarken seien bei 11.822, 11.678 und 11.603 Punkten zu finden, bevor die 11.025er-Marke relevant würde.
Mit Material von dpa und Reuters

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