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Das Coronavirus verstärkt den Fokus auf nationale Interessen

Die Coronakrise legt Probleme der EU offen. Sie gibt aber auch die Chance, statt Kostensenkungen weltweit Sozialstandards in den Mittelpunkt zu stellen.

Bereits vor der Pandemie waren sich die EU-Länder oftmals uneinig. Foto: dpa

Mit einem großen statt mit 27 kleinen Herzen sollte sich die Europäische Union an die Bewältigung der Coronakrise machen – so lautete der beschwörende Appell von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Doch die Realität sieht anders aus. Wirkten die EU-Länder bereits vor der Covid-19-Pandemie oft uneinig, so beschleunigte das Virus die Fokussierung auf nationale Interessen. Ungeachtet gelegentlicher bilateraler medizinischer Hilfen avancierten Abschottung und geschlossene Grenzen zu neuen Leitprinzipien.

Für die künftige geostrategische Bedeutung der Europäischen Union wird es nun entscheidend darauf ankommen, ob es im Zuge der Pandemie gelingt, zumindest zwischen einigen EU-Ländern Koalitionen zu bilden. Die Tatsache, dass die Gemeinschaft Italien in der Krise erst unter die Arme griff, als russische und chinesische Hilfsleistungen eintrafen, deutet allerdings auf einen schwierigen Kooperationsprozess hin.

Verstärkt das Coronavirus neben den Dezentralisierungstendenzen innerhalb der EU auch generelle Deglobalisierungstendenzen? Kritische Initiativen wie Attac argumentieren schon seit Langem, es werde zwar nach wie vor Produktion von Industrie- in Schwellen- und Entwicklungsländer verlagert, die Sozial- und Umweltstandards in diesen Ländern aber blieben meist unter den in Industriestaaten üblichen Standards. Das mache eine nachhaltige weltweite Entwicklung unmöglich.

Die Gegenposition lautet, durch Produktionsverlagerung entstünden schließlich Einkommensmöglichkeiten, außerdem fände ein Technologietransfer von Nord nach Süd statt. Und nicht zuletzt könnten Produkte, die in Ländern mit niedrigen Lohnkosten hergestellt werden, in den Industriestaaten auch von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu niedrigen Preisen gekauft werden – wobei die Transportkosten für solche Produkte, wie beispielsweise Attac zu Recht kritisiert, typischerweise weit unter den gesellschaftlichen Kosten liegen. Dennoch: Günstige Preise für Güter aller Art bilden das Credo der (neo)klassischen Ökonomie. Viele Menschen können viele Güter kaufen – was soll da stören?

Globale Lieferketten sind verletzlich

Das, was stören könnte, hat nun die Pandemie offengelegt: Bestimmte Produktionen, etwa die von Medikamenten, sind inzwischen komplett in den asiatischen Raum ausgelagert. Auch die Produktion von Gesichtsmasken findet in Europa kaum mehr statt. Darüber hinaus sind Fertigungsabläufe auf dem Kontinent gestört, weil notwendige Vorprodukte etwa aus China nicht mehr lieferbar sind.

Globale Lieferketten erweisen sich als höchst verletzlich, weil viele Branchen komplett auf Lagerhaltung verzichtet haben, da man ja bis vor einigen Wochen alle benötigten Einzelteile jederzeit und schnell von überallher beziehen konnte.

Das ging und geht so lange gut, wie Produktions- und Lieferausfälle nur bei einzelnen Ländern auftreten. Rasch findet sich dann ein anderer Hersteller in einem anderen Land, der gerne in die Bresche springt. Das Neue an der Coronakrise ist, dass mehr oder weniger alle Länder weltweit gleichzeitig von Krise und ökonomischen Lockdowns betroffen sind. Führen diese Erfahrungen nun dazu, dass in Sachen Globalisierung der Rückwärtsgang eingelegt wird? Stellen künftig alle Länder möglichst viele Produkte wieder selber her?

Zumindest eine gewisse Tendenz in diese Richtung ist durchaus wahrscheinlich. In der Post-Corona-Zeit dürften verstärkte eigene Produktionsanstrengungen über die Bereiche Landwirtschaft und Energieversorgung hinaus auf Branchen wie Medikamente und medizinische Schutzgüter ausgedehnt werden – schon um bei künftigen Ausnahmezuständen die Versorgungssicherheit des eigenen Landes sicherstellen zu können und nicht politisch erpressbar zu sein.

Darüber hinaus zeigt die derzeitige Krise, dass die komplette Auslagerung von Vorproduktionen ins Ausland und der nahezu vollkommene Verzicht auf Lagerhaltung im eigenen Land zu unerfreulichen Abhängigkeiten führen. Das wird ebenfalls Konsequenzen haben.

Aufmerksamkeit für andere Probleme

Mehr Autarkie würde sich im Fall neuer weltumspannender Krisen zwar bewähren, sie verringerte gleichzeitig aber die Effizienz der Produktion. Deshalb dürften die Preise vieler Güter in der Post-Corona-Ära höher sein als in der Zeit davor. Wir alle würden einen Aufpreis dafür zahlen, auch in Krisenzeiten mit den wichtigsten Gütern versorgt zu werden.

Einem gewissen Verzicht auf Effizienzvorteile im Normalfall stünde also die Chance auf einen nicht allzu gravierenden Wohlfahrtseinbruch im Störungsfall gegenüber. Höhere Güterpreise eröffneten auch Chancen für eine stärkere Beachtung von Umwelt- und Sozialstandards weltweit. Solange die Coronakrise in unserer Wahrnehmung präsent ist, wären weite Teile der Bevölkerung in vielen Ländern wohl bereit, den Effizienzverlust und damit die höheren Preise für international gehandelte Güter in Kauf zu nehmen.

Je mehr die Krise in unserer Erinnerung jedoch verblasst, desto stärker dürfte die in Verruf geratene Forderung nach dem Primat der Kosteneffizienz wieder erhoben werden. Es sei denn, die aktuelle weltumspannende Krise würde unsere Konsummuster grundlegend verändern.

Das allerdings ist nicht zu erwarten. Zum einen sind lang andauernde Verhaltensänderungen nach Krisen eher selten. Menschen beispielsweise, deren Haus von einer Flut bedroht worden ist, ziehen mehrheitlich weder weg, noch schließen sie eine Versicherung gegen Hochwasser ab.

Darüber hinaus dürfte der Druck, Konsumgüter zu möglichst niedrigen Preisen kaufen zu können, nach der Krise sogar noch größer sein als zuvor, weil sich die Einkommenssituation vieler Menschen über längere Zeit deutlich verschlechtern wird. Außerdem ist weltweit die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten noch nicht in einer „Sättigungsphase“ angekommen; für sie bleibt ein hoher Güterkonsum attraktiv.

Eine weitgehende Abkehr von globalisierten Produktions- und Konsumstrukturen erscheint daher unwahrscheinlich. Dies hat aber auch eine positive Seite: Weltweit werden viele Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten erhalten bleiben, was nicht zuletzt der Wohlfahrt ärmerer Länder und armer Menschen dient.

Statt mit einer tief greifenden Deglobalisierung ist also wohl eher mit einer Relativierung des Primats der Kostensenkung und mit einer weltweiten Stärkung von Sozial- und Umweltstandards zu rechnen. Für die Menschheit wäre das ein Gewinn.
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