Deutsche Märkte schließen in 1 Stunde 3 Minute

Coronavirus: Unternehmen haben kaum Chancen auf Entschädigungen bei Betriebsausfällen

Das Coronavirus führt zu Betriebsausfällen und abgesagten Großveranstaltungen. Dagegen sind die meisten Unternehmen allerdings nicht versichert.

Die Liste an Großveranstaltungen, die unter der Ausbreitung des Coronavirus leiden, wird immer länger. Jüngste Beispiele sind die Absage der Messe Mobile World Congress in Barcelona sowie das auf unbestimmte Zeit verschobene Formel-1-Rennen in China. Schon jetzt kommen Gerüchte auf, wonach die Olympischen Spiele in Tokio im August in abgeänderter Form stattfinden oder gar abgesagt werden könnten.

Die Kosten für die Veranstalter sind immens. Ob sie indes eine Entschädigung von ihrer Versicherung erhalten können oder ob sie überhaupt gegen die Auswirkungen des Coronavirus versichert sind, ist fraglich.

Eine Umfrage unter Versicherern zeigt, dass vonseiten der Kunden bisher wenig Interesse an entsprechendem Schutz bestand. „Die Erweiterung der Deckung auf Krankheiten wie Corona wurde von Kundenseite wenig nachgefragt“, heißt es vonseiten der Allianz Global & Specialty (AGCS), des Industrieversicherers der Allianz.

Knackpunkt ist hierbei stets die Ausgestaltung der sogenannten Ausfallversicherung, die in solchen Fällen abgeschlossen werden muss. Diese Spezialversicherungen gibt es für sportliche Großveranstaltungen über Open-Air-Konzerte bis hin zur Oscar-Verleihung. Dabei handelt es sich bei einer solchen Police um ein individuell ausgehandeltes Vertragswerk, in dem über eine Vielzahl von Seiten genau geklärt ist, bei welcher Art von Ausfall eine Entschädigung in welcher Höhe fließt.

„Generell sind bei einer solchen Versicherung Ausschlüsse weitverbreitet“, heißt es bei AGCS. Der Grund dafür ist einfach: Solche Policen sind sehr teuer, belasten somit deutlich den Gewinn einer Veranstaltung. Entsprechend werden von den Veranstaltern nur die Risiken in das Vertragswerk aufgenommen, denen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit des Eintritts zugeschrieben wird.

Viele unversicherte Fälle

Dazu gehörte der Ausbruch einer gefährlichen Krankheit bislang nicht. Erst wenige Tage von Bekanntwerden des ersten Corona-Falls hatte der Industrieversicherer der Allianz eine Umfrage veröffentlicht, bei der rund 2700 Experten aus über 100 Ländern nach den größten Risiken für die Industrie befragt wurden.

Erstmals stand dabei ein Cyberangriff an erster Stelle, gefolgt von Betriebsunterbrechungen, einer veränderten Rechtsprechung und Regulierung sowie dem Klimawandel. Gefahren durch Epidemien oder Pandemien kamen unter den aufgelisteten Top 12 gar nicht vor. Entsprechend hoch ist das sogenannte „Protection Gap“ in diesem Bereich, also der Anteil der unversicherten Fälle.

Jedoch berichten Versicherer, dass mit Ausbruch des Coronavirus die Nachfrage nach einem solchen Schutz gestiegen ist. Dennoch wird in künftigen Fällen nicht automatisch Geld fließen, wenn eine neue Massenkrankheit ausbricht. Explizit müssen dann „meldepflichtige Krankheiten“, „übertragbare Krankheiten“ oder der „massenhafte Ausbruch“ in die Vertragsunterlagen aufgenommen sein. Solche Passagen gehen über das Normalmaß einer Police hinaus, heißt es beim britischen Versicherungsmakler Marsh. Entsprechend sollte hier genau definiert werden, was eingeschlossen werden soll.

Behördliche Einschätzung notwendig

Besonders wichtig dabei: Eine staatliche Behörde muss genau für die Region, in der dem Unternehmen durch die Epidemie ein Schaden entstanden ist, die Sperrung oder Einstellung des Betriebs angeordnet haben. Das ist beispielsweise bei der Mobilfunkmesse in Barcelona nicht der Fall. Beim Formel-1-Rennen in China, das am 19. April hätte stattfinden sollen, handelt es sich bisher nur um eine Verschiebung auf unbestimmte Zeit. Mit einer Entschädigung durch einen Versicherer können die Veranstalter somit tendenziell nicht rechnen.

Das gilt auch für die vielen Werke, die derzeit in China stillstehen. Eine entsprechende Warnung der Behörden gibt es bisher nur für die Region Hubei. Der Versicherungskonzern Talanx, zu dem der große Industrieversicherer HDI Global zählt, sieht demnach auch keine großen finanziellen Belastungen durch den Stillstand von Werken in China infolge des Coronavirus auf sich zukommen.

„Im Rahmen einer sachschadenabhängigen Ertragsausfallversicherung ist eine Betriebsunterbrechung aufgrund einer Pandemie bei der HDI Global SE nicht versicherbar“, sagte ein Talanx-Sprecher. Nur als Sonderfall könne HDI Global jedoch im Rahmen einer Betriebsschließungsversicherung insbesondere für Unternehmen der Lebensmittelindustrie eine Deckung zur Verfügung stellen. Diese greife aber erst dann, wenn die zuständige Behörde in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund des Infektionsschutzgesetzes beim Auftreten meldepflichtiger Krankheiten oder Krankheitserregern die Anordnung treffe, den Betrieb zu schließen oder Waren zu vernichten. Dies wäre auch für den Fall eine Pandemie denkbar.

„Die Nachfrage nach solchen Deckungen ist jedoch bislang sehr verhalten, und der Bestand bei HDI ist sehr überschaubar“, fügte der Sprecher an. Zudem sei der Versicherungsschutz auf Betriebe in Deutschland beschränkt. Eine „breite“ Versicherungslösung für das Pandemie-Risiko sei zurzeit nicht verfügbar. Vor einigen Jahren wurde in Deutschland zwar eine solche Police entwickelt, die auch dieses Risiko umfasst hätte. Aber auch sie sei im Markt nicht angenommen worden.

Nicht viel anders ist die Situation bei Versicherungen gegen Betriebsunterbrechungen in China. Hier sei häufig der Schutz vor den Folgen von Infektionskrankheiten ausgenommen, heißt es bei Hannover Re. Ähnlich sei das bei Versicherungen gegen Flugausfälle. „Wir haben bisher keine Bedenken, dass signifikante Schäden infolge von stillstehenden Fabriken wegen des Coronavirus entstehen“, gibt sich Vorstand Sven Althoff gelassen. Genaueres lasse sich aber auch hier erst sagen, wenn die Fabriken nach dem Stillstand wieder hochgefahren werden.

Auch beim Wettbewerber Munich Re spricht man von einer gängigen Praxis, dass die Risiken einer Epidemie von der Deckung ausgeschlossen werden. Deswegen haben sie in München eine eigene Einheit mit Namen Epidemic Risk Solutions gegründet, um auch Lösungen in diesem Bereich anbieten zu können. Dass es die bisher nicht gab, lag daran, dass solche Risiken und ihre finanziellen Konsequenzen schwer einzuschätzen waren. Nun gibt es spezifische Lösungen für einzelne Branchen.