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Coronavirus infiziert den Mittelstand: „Wir wollen Unternehmer bleiben“

Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Doch gerade viele kleine Unternehmen trifft das Coronavirus hart. Was sie jetzt fordern.

Viele Kunden stornieren derzeit ihre Busreisen. Foto: dpa

Das Coronavirus hat sich in der Wirtschaft fast ebenso schnell ausgebreitet wie in der Bevölkerung. Waren es zunächst die Messebauer, die Alarm schlugen, sind nun Mittelständler in jeder Größenordnung von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen. Die Zahl derer, die nicht leiden, oder gar profitieren ist gering.

Am Mittwoch beschloss der Deutsche Bundestag ein historisches Rettungspaket. Unternehmen, die durch das Coronavirus unverschuldet in Krisen geraten sind, können nun staatliche Hilfen beantragen – von Sofortzahlungen für die kleinsten Firmen des deutschen Mittelstandes bis zu Krediten über die KfW für Unternehmen, die über genügend Eigenkapital verfügen.

Viele Unternehmen loben das entschlossene Handeln der Bundesregierung. Doch noch ist nicht ausgemacht, ob der Niedergang der kleinen und kleinsten Unternehmen hierzulande durch die Rettungspakete aufgehalten werden kann.

Die Kredite der KfW müssen über die Hausbank beantragt werden, die KfW bürgt aber für 90 Prozent. Auch die direkten Liquiditätshilfen des Bundes in Höhe von 50 Milliarden Euro werden weitgehend über die Hausbanken ausgezahlt. Es gilt: Kleinunternehmer mit bis zu fünf Mitarbeitern können bis zu 9.000 Euro erhalten. Unternehmer mit bis zu zehn Mitarbeitern können Hilfen von bis zu 15.000 Euro beantragen.

Diese direkten Hilfen müssen nicht zurückgezahlt werden, aber die Unternehmer müssen nachweisen, dass sie dieses Geld für Personal, Mietkosten der Geschäftsräume, Leasing der Fahrzeuge oder Versicherungen nutzen. Die private Miete oder die persönliche Sozial- oder Krankenversicherung dürfen damit nicht beglichen werden, auch wenn der Bund der Selbstständigen in Deutschland (BDS) wenigstens die Übernahme der Sozialabgaben gefordert hatte. „Man muss genau nachweisen, wofür man das Geld benötigt“, erklärt BDS-Präsidentin Liliana Gatterer.

Inzwischen sind auch die Länderprogramme gestartet, mit denen die Hilfen des Bundes ergänzt werden. Denn beim Bundesprogramm klafft eine große Lücke zwischen Soforthilfen für die Kleinsten und Rettungsschirmen für die Großen. Die Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen haben für ihre Soforthilfen darum auch größere Mittelständler in den Blick genommen. Andere Länder wollen folgen. Hier finden Sie eine Übersicht der staatlichen Hilfen.

Busunternehmer in der Bredouille

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer klagt, dass viele Mittelständler eben genau in die Finanzierungslücke der Bundeshilfen gerieten. Unter den Busunternehmern beschäftigen viele deutlich mehr als zehn Mitarbeiter. Hinzu kommt ein besonderes Problem, das vor allem diese Branche trifft. Die Kunden haben ihre Reisen angezahlt. Busunternehmer haben mit diesen Anzahlungen entsprechende Plätze in den Urlaubsländern reserviert.

Viele Reisende können nun aber auf volle Erstattung pochen und sich Geld zurückzahlen lassen, das die Unternehmen längst weitergereicht haben. „Noch in den nächsten Tagen werden die ersten Unternehmen untergehen“, fürchtet die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer, Christiane Leonard. Es müsse nachgebessert werden.

In den Ländern werden die Details der staatlichen Hilfe längst geprüft. Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit – vor allem für Unternehmen, die über wenig bis gar kein Eigenkapital verfügen. So hat das Institut für Mittelstandsforschung herausgefunden, dass rund 770.000 Selbstständige und Kleinstunternehmer, die zwischen 17.500 und einer Million Euro umsetzen, über gar kein Eigenkapital verfügen. Allein im Handel seien davon 110.000 von insgesamt 340.000 Unternehmen betroffen.

Den Vorwurf, dass Kleinstunternehmer sich ein größeres Polster hätten ansparen müssen, weist Gatterer zurück. In der Regel hätten die Kleinstunternehmer gerade ihre Steuern für das vergangene Geschäftsjahr bezahlt, Umsatzsteuervorauszahlungen geleistet und Versicherungen gezahlt. Zahlungen, die in der Regel am Anfang des Jahres anfallen. Darum ist die Finanzdecke dünn. Keiner habe mit der Pandemie gerechnet.

„Wir wollen Unternehmer bleiben, und Mitarbeiter halten“, betont Gatterer. Viele Firmen aber würden die Krise nicht überleben, wenn sie alles allein mit Krediten stemmen müssten. Tatsächlich werde die Unternehmerlandschaft mit den Kleinstunternehmern hierzulande nach der Krise eine andere sein. Viele Kleinstunternehmen könnten für immer von der Bildfläche verschwinden. Welcher junge Mensch wolle danach denn noch selbstständig werden, fragt die BDS-Präsidentin.

Einigen Mittelständlern bricht aktuell der Umsatz weg – andere müssen den Betrieb wegen Corona komplett einstellen. Dazu gehören unter anderem Friseure und Kosmetikstudios. Osteopathen und Physiotherapeuten behandeln zum Teil weiter. Die Chefin des Bund der Selbstständigen, Gatterer, betreibt selbst eine Reinigungsfirma mit fünf Angestellten. Auch sie hat Aufträge verloren, aber immerhin blieben die Privatkunden dem Unternehmen treu. Reinigungskräfte dürfen nämlich noch in die Wohnungen kommen, erklärt die Unternehmerin. „Sie sind geschult und reinigen in der Regel allein, die Kunden halten sich dann in anderen Räumen auf“, erklärt sie das Prozedere. Einige Mittelständler haben inzwischen kreative Lösungen in der Krise entwickelt.

Messebauer – die ersten Opfer der Coronakrise

„Wir haben wegen Corona eine komplette Vollbremsung hinlegen müssen“, beschreibt Hendrik Coers, Co-Geschäftsführer von Aventem aus Hilden, die desolate Geschäftslage. Der Anbieter von Standbau und Veranstaltungstechnik beschäftigt 51 Mitarbeiter. Die sind inzwischen in Kurzarbeit.

Sah es im Februar noch so aus, als wären nur ein paar messefreie Wochen durchzustehen, so hat sich die Lage inzwischen zugespitzt: „Wir gehen davon aus, dass bis Ende Juni keine Messen oder größeren Veranstaltungen stattfinden“, sagt Coers. Zumindest die Koelnmesse hat bis dahin alle Events abgesagt. 600 Veranstaltungen in ganz Europa stattet Aventem im Jahr aus.

Coers begrüßt die unbürokratischen Lohnersatzleistungen. Trotzdem gebe es viele Einzelschicksale in der Belegschaft. Mitarbeiter, deren Partner in Elternzeit sind, könnten ein halbes Jahr mit Kurzarbeitergeld kaum durchstehen. Coers fordert für solche Fälle eine staatliche Aufstockung.

Weil die Geschäfte von Aventem vor Corona gut liefen, hat der Mittelständler ein paar finanzielle Rücklagen. Trotzdem ist Coers gerade in Gesprächen mit der Hausbank über Soforthilfen der KfW. Auch wenn er die später zurückzahlen muss. Eines aber wird sich durch Corona ändern, glaubt Coers: Einige Events würden dauerhaft ins Digitale abwandern.

Der Verband der deutschen Messewirtschaft Auma fürchtet, dass die Messeabsagen und –verschiebungen die deutsche Wirtschaft rund 5,5 Milliarden Euro kosten werden. Rund 45.000 Arbeitsplätze könnten dadurch betroffen sein. Der Verband begrüßt die Corona-Maßnahmen wie die Ausweitung des Kurzarbeitsgeldes, Liquiditätshilfen für Unternehmen, etwa durch Stundung von Steuerzahlungen, und die Lockerung der Bedingungen für KfW-Kredite.

„Die Bundesregierung setzt damit ein starkes Zeichen für die deutsche Wirtschaft und den international führenden Messestandort Deutschland. Das Maßnahmenpaket wird den Akteuren der Messewirtschaft helfen, die aktuelle Situation zu überbrücken“, sagt Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Auma. „Abhängig von der weiteren Entwicklung müssen wir aber darauf achten, ob weitere Maßnahmen der Bundesregierung erforderlich sein werden.“

Gastronomie und Hotels – Angst vor dem großen Restaurant-Sterben

Erst mussten die Tische weit auseinandergestellt werden, am Montag mussten Restaurants dann bundesweit komplett schließen. Einzig der Außer-Haus-Verzehr und Essenslieferungen sind weiter erlaubt. Die Zwangsschließungen bringen Gaststätten bundesweit in Existenznot. Die meisten sind kleine Familienbetriebe und haben kaum finanzielle Polster, um mehrere Wochen ohne Einnahmen durchzustehen.

„Die Zukunft vieler der 223.000 Unternehmen des Gastgewerbes mit über 2,4 Millionen Erwerbstätigen ist akut bedroht“, warnt Guido Zöllick, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). „Es ist zum Verzweifeln“, erzählt Sylvia Fehn-Madaus, Geschäftsführerin des Restaurants „Em Krützche“ in bester Lage am Kölner Rheinufer.

Das Speiselokal mit 420-jähriger Tradition hätte jetzt Hauptsaison mit Terrassengeschäft, Spargel- und Messezeit. Doch alles steht still. Essen zum Mitnehmen lohne in der Altstadt nicht. Hier wohne kaum einer, und Touristen blieben nun aus. Sechs neue Mitarbeiter musste Wirtin Fehn-Madaus entlassen, 14 sind in Kurzarbeit, die vier Azubis muss sie weiter komplett bezahlen. Genauso wie die Pacht bei einer großen Brauerei, die sich monatlich auf rund zehn Prozent des Jahresumsatzes beläuft. Sie hat um Kürzung gebeten, aber noch keine Antwort erhalten.

Die Gastwirtin ist sauer auf die Politik. „Banken und Griechenland sind mit Milliarden gerettet worden, nur wir Mittelständler, die kräftig Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen, werden mit minimalen Soforthilfen abgespeist.“ Mit den Summen könne sie noch nicht einmal die monatlichen Fixkosten ohne Löhne decken. Die Wirtin hatte auf eine Stundung der Lohnsteuer gehofft, bekam aber vom Finanzamt sofort einen Mahnbescheid. Hier könne die Politik noch viel mehr tun.

KfW-Kredite aufzunehmen hält sie für Unsinn. Für viele Wirte sei es sinnvoller, den Betrieb zu schließen als sich über Jahre hoch zu verschulden. „Ein Drittel der Restaurants geht über die Wupper“, fürchtet sie. Denn viele lebten ohnehin von der Hand in den Mund. Der Familienbetrieb „Em Krützche“ hat zwei Monate finanziellen Puffer. „Sollten die Zwangsschließungen länger andauern, hält das kaum ein Restaurant durch.“

Gastronomen, die ohnehin finanziell angeschlagen waren, treibt es als erste in die Insolvenz. Die Pastakette Vapiano hat sich für zahlungsunfähig erklärt, die Steakhaus-Kette Maredo mit 35 Restaurants und rund 950 Mitarbeitern meldete Insolvenz in Eigenverwaltung an. Die Geschäftsführung von Maredo prüft derzeit, ob das Unternehmen Staatshilfe erhalten kann, um die Insolvenz wieder zurückzunehmen.

Andere Systemgastronomen haben ein besseres finanzielles Polster für die Coronakrise. Auch die Pizza- und Pastakette L’Osteria hat seit Freitag alle 102 Restaurants geschlossen – samt Außer-Haus-Verzehr, der sich nicht lohnt. Rund 5.000 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Wir werden den Mitarbeitern den Lohn im Monat März aber auf 100 Prozent aufstocken“, verspricht L’Osteria-Chef Mirko Silz. Alle Joint-Venture- und Franchisepartner würden sich anschließen. Ab April würde die tarifvertragliche Aufstockung auf 90 Prozent greifen. Zudem laufen Gesprächen mit zwei Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, um diese mit geliehenen Arbeitskräften zu unterstützen.

McDonald’s hat bereits mit dem Discounter Aldi eine Personalkooperation geschlossen. Mitarbeiter der Hamburgerkette, die derzeit nur eingeschränkt für den Außer-Haus-Verzehr arbeiten können, werden zu den bei Aldi üblichen Konditionen befristet eingestellt und können nach dem Einsatz wieder zu McDonald’s zurückkehren. Denn in der Gastronomie herrscht sonst Personalnot.

Auch Wirtin Fehn-Madaus aus Köln will möglichst ihre Mitarbeiter bei der Stange halten. Selbst die Entlassenen dürften ihren Spind erstmal behalten. Doch jetzt brauche sie schnelle und unbürokratische Hilfen. Der Verband Dehoga fordert ein Corona-Nothilfeprogramm für das Gastgewerbe. Die bislang von der Regierung vorgesehenen Rettungsmaßnahmen seien entweder für sehr große oder sehr kleine Unternehmen konzipiert und trügen den Besonderheiten im mittelständisch geprägten Gastgewerbe nicht hinreichend Rechnung.

„Wir befürchten daher, dass die Hilfen in unserer Branche nicht greifen werden“, klagt Dehoga-Präsident Zöllick. Man habe sich in einem Brief an Bundeskanzlerin Merkel und die zuständigen Bundesminister gewandt.

Buchhandel – Mit kreativem Krisenmanagement gegen die Milliardenverluste

Auch Buchläden müssen in der Coronakrise ihre Türen schließen. Das trifft gerade die inhabergeführten Geschäfte schwer. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels rechnet aufgrund der umfangreichen Ladenschließungen mit einem Umsatzausfall von insgesamt einer halben Milliarde Euro pro Monat.

Doch die viele Buchhändler setzen weiter auf den direkten Kontakt zum Kunden, statt vor großen Online-Konkurrenten wie Amazon zu kapitulieren. Selbst viele kleine Läden liefern inzwischen Bücher nach Hause. Lesungen werden ins Internet verlegt. Denn die Nachfrage nach etwas Ablenkung bleibt in der Coronakrise groß.

Um einen Teil der Umsatzausfälle zu kompensieren und zu verhindern, dass die Kundschaft zu Amazon und anderen Internethändlern abwandert, haben viele kleinere Läden Lieferdienste organisiert. „Viele Buchhändler nutzen diese Krise als Chance und verknüpfen Onlineshop mit telefonischer Beratung“, sagte Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins dem Handelsblatt. „Sie übertragen eine ihrer großen Stärken, die Beratungskompetenz, auf Social Media und bauen ihre Lieferservices aus.“ Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern zudem, die Nutzung der staatlichen Rettungsschirme zu prüfen.

Das wird auch Marc Schürhoff tun, der einen Buchladen in Gauting bei München betreibt. Doch er hat auch selbst die Initiative ergriffen. Im geschlossenen Geschäft steht sein Fahrrad mit einem Anhänger. Bepackt ist es mit etwa 30 Bücherpaketen, die er noch heute ausliefern will. Der kostenlose Lieferservice, oft schneller als eine Bestellung bei Amazon und anderen Internethändlern, stößt bei seinen Kunden auf enorme Resonanz. „Der Zuspruch gibt Mut“, sagt er, „psychologisch ist das wahnsinnig wichtig.“

Die Solidarität im Ort ist groß. In den ersten Tagen nach der Schließung verkaufte er fast so viele Bücher wie sonst nur im Weihnachtsgeschäft. Inzwischen kommt er an vielen Tagen zumindest noch auf 30 bis 50 Prozent der normalen Umsätze.

Der Verkauf im Laden ist für Schürhoff und die meisten anderen Läden in Deutschland derzeit komplett verboten. In Leipzig ließ das Ordnungsamt sogar die Bahnhofsbuchhandlung zwischenzeitlich schließen, die einen großen Teil des Umsatzes mit Presseartikeln macht. „Die Einwohner der Messestadt wurden damit auch ihrer einzigen Möglichkeit beraubt, sich in internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu informieren“, klagte die Unternehmensgruppe Dr. Eckert, zu der die Buchhandlung gehört. Nach einem Tag durfte der Laden wieder aufmachen – allerdings keine Bücher mehr verkaufen.

Viele Buchhandlungen müssen ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen. „Für die größtenteils Klein- und Kleinstunternehmen, aber auch die wenigen größeren Unternehmen der Branche sind Schließungen kritisch bis existenzgefährdend“, warnte Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die staatlichen Soforthilfen begrüßte der Börsenverein. Der deutsche Buchmarkt ist mehr als neun Milliarden Euro groß.

Auch der Gautinger Buchhändler Schürhoff hat in den vergangenen Tagen schon die Hilfsmöglichkeiten geprüft. Fünf Buchhändlerinnen beschäftigt er. Eine hat Urlaub genommen, eine andere baut Überstunden ab. „Wenn wir auch im April schließen müssen wird es schwierig“, sagt Schürhoff. Noch kaufen die Kunden viele Romane, Kinderbücher und Lernhilfen zum Beispiel für das Abitur-Training. Doch wie lange Solidarität und Kauflust halten, weiß niemand.

„Wir müssen als kleines Unternehmen alles machen, was möglich ist“, sagt Schürhoff. Und so prüft er die Möglichkeiten von Finanzhilfen über Steuerstundungen bis hin zu Kurzarbeit. Anträge gestellt hat er noch nicht. Wenn dies erfolgt ist, geht es schnell: In Bayern sind laut Wirtschaftsministerium die ersten Auszahlungen der Soforthilfe Corona bereits erfolgt.

Der Börsenverein gibt seinen Mitglieder eine Reihe von praktischen Tipps. Auf keinen Fall erlaubt sei fast überall die Öffnung des Ladens für den regulären Kundenverkehr. Den Laden zu öffnen, weil auch Presseprodukte angeboten werden und der Verkauf von Zeitungen weiterhin zulässig sei, sei nicht empfehlenswert. „Sie müssten, um hier Rechtssicherheit zu erlangen, sicherstellen, dass Kunden wirklich nur Presseprodukte kaufen.“

Der Börsenverein rät auch davon ab, ein Kontaktlos-Regal vor der Buchhandlung anzubringen oder Abholungen an der Ladentür zu ermöglichen. Möglich sei die Lieferung über den Postweg oder selbst organisierte Lieferdienste oder die Abholung der Bücher in einem benachbarten, weiterhin geöffneten Geschäft, wie zum Beispiel einer Apotheke. Hier solle man sich aber lieber bei der örtlichen Ordnungsbehörde rückversichern.

Ein wichtiges Element, um Kunden zu binden und Bücher zu verkaufen, sind für die Buchhandlungen Lesungen. Auch der Gautinger Buchhändler Schürhoff lädt immer wieder namhafte Autoren ein. Doch in Zeiten von Corona müssen auch diese Veranstaltungen ausfallen.

Die Buchhandelskette Hugendubel verlegt die Veranstaltungen darum ins Internet. Florian Valerius, Mareike Fallwickl und Frank Berzbach haben bereits auf Instagram gelesen. Am Freitag soll Takis Würger im Livestream vortragen. „In einer Zeit, in der das kulturelle Leben und eben auch jene Begegnungen stark eingeschränkt sind, erlauben uns die digitalen Kanäle, zumindest virtuell Kontakt zu halten und weiter Autoren und Leser zusammenzubringen“, heißt es bei Hugendubel.

Vor allem die kleineren Buchhandlungen sind derzeit auf die Solidarität ihrer Kunden angewiesen. „Ich bin gerührter, als ich sagen kann. Jedes Buch, das Sie während der Coronakrise bei kleinen, inhabergeführten Buchläden wie mir bestellen, zählt“, schreibt die Inhaberin der Kölner Buchhandlung Domstraße.

Doch all die kreativen Ideen werden die Einnahmeverluste nicht vollständig kompensieren können. Kleine Buchhandlungen könnten zum Beispiel Betriebsmittelzuschüsse beantragen, wenn sie durch die Corona-Pandemie in einen Liquiditätsengpass geraten, empfiehlt der Börsenverein. Auch könne gegebenenfalls Kurzarbeit beantragt werden. Die KfW hat darüber hinaus ein Sonder-Kreditprogramm aufgelegt, das auch mittlere und große Unternehmen der Buchbranche nutzen könnten.

Von den Schließungen profitieren könnte aber auch der Internetriese Amazon. Der Onlinehändler verkauft nicht nur Bücher, sondern ist mit seinem Kindle auch bei E-Books dominant. Im vergangenen Jahr lag der Umsatzanteil von E-Books allerdings laut Börsenverein nur bei unverändert fünf Prozent. Der Buchmarkt insgesamt war im vergangenen Jahr auf den zentralen Vertriebswegen in Deutschland um 1,4 Prozent gestiegen. In Zeiten von Corona wird es schwierig werden, diese Werte wieder zu erreichen – obwohl viele Menschen viel Zeit zum Lesen haben.

Bau und Handwerk – Wo es geht, wird weitergebaut

Leere Straßen, leere Züge: Niemals konnten Bauunternehmen so ungehindert ihrer Arbeit nachgehen wie jetzt. Das tun sie auch – mit kräftiger Unterstützung der öffentlichen Hand. Um zu benennen, was deutsche Bauunternehmen brauchen, um die Krise zu überstehen, muss Reinhard Quast nicht lange überlegen. Ohne Umschweife kommt der Geschäftsführer des Siegener Familienunternehmens Otto Quast zum Punkt: „Das Wichtigste ist, dass wir weiterbauen können.“

Denn noch zählt die Bauindustrie zu den wenigen Branchen, die von den Auswirkungen der globalen Corona-Pandemie weitgehend verschont geblieben sind.

Denn die von vielen Bundesländern ausgesprochenen Kontakt- und Ausgangssperren gelten nur für den öffentlichen Raum, nicht für Baustellen. „Zudem ist der Abstand zwischen den Mitarbeitern auf der Baustelle oft ausreichend, um eine Infektion zu verhindern“, erklärt Quast. Mit einem Krankenstand von rund sechs Prozent bewege sich die Quote der ausfallenden Mitarbeiter branchenübergreifend derzeit im üblichen Rahmen, so der Geschäftsführer.

Als Präsident des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes (ZDB) spricht Quast nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Vertreter der gesamten Branche. Im ZDB sind rund 35.000 Bauunternehmen organisiert, die meisten davon sind Mittelständler. Fast alle halten ihren Betrieb derzeit aufrecht: „Nur in Einzelfällen, wo der Bauherr freiwillig um einen Aufschub bittet, kommt es derzeit wegen der Corona-Pandemie zu Verzögerungen.“

Zugute kommt der Branche dabei, dass einer ihrer wichtigsten Auftraggeber bereits angekündigt hat, seine Bautätigkeit nicht einzustellen – nämlich der deutsche Staat. Erst am Dienstag hatten Branchenvertreter mit der Deutschen Bahn ausgehandelt, dass der Staatskonzern seine Kriterien für die Vergabe von Bauprojekten ab dem 1. April vereinfacht. Auch der Bau von Autobahnen und Wasserstraßen soll wie geplant vorangehen, ebenso wie viele private Großprojekte, die bereits lange in Auftrag gegeben sind. Dabei sind die Lieferketten weiterhin stabil – denn die Zementwerke können ihre Produktion meist nicht einfach abschalten und sind auch in Deutschland mit eigenen Produktionen vertreten.

Fraglich ist, was passiert, wenn langfristig Aufträge etwa aus der Industrie ausbleiben. Denn die Eigenkapitaldecke vieler mittelständischer Bauunternehmen ist dünn. Zwar gibt es auch für Bauunternehmen, denen die Aufträge wegbrechen, das Instrument der Kurzarbeit. Doch laufende Kosten wie die Miete von Maschinen müssen im Zweifel weiterbedient werden, was am Ende zu höheren Schulden führt. „Seit 2010 hat die Bauindustrie ihre Investitionen verdoppelt“, so Quast. Damit dürfte es dann allerdings erst einmal vorbei sein.

Zahlreiche Messen werden abgesagt. Messebauer erleben einen Umsatzeinbruch. Foto: dpa
Viele Buchhändler verschicken ihre Bücher nun. Foto: dpa
Vielerorts wird auch in Zeiten von Corona weitergearbeitet. Foto: dpa