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CONTINENTAL IM FOKUS: Corona-Krise erhöht den Druck aufs Geschäft

HANNOVER (dpa-AFX) - Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental <DE0005439004> hat seit längerer Zeit zu kämpfen. Zuerst brach in China das Geschäft wegen des Zollkriegs zwischen Peking und Washington ein, dann kamen teure Abschreibungen und Sonderkosten. Nun fällt die Coronavirus-Pandemie den Hannoveranern auf die Füße, weil die großen Kunden wie Volkswagen, Daimler und BMW zunehmend unter Druck geraten. Was im Unternehmen los ist, was die Analysten vor den endgültigen Zahlen an diesem Donnerstag (7. Mai) sagen und wie die Aktie gelaufen ist.

WAS IM UNTERNEHMEN LOS IST:

Das Conti-Management hat in den vergangenen Jahren mehrfach die Gewinnerwartungen gekappt, weil es an vielen Stellen nicht mehr rund läuft. Als der Konzern aber im Oktober eine milliardenschwere Abschreibung auf früher zugekaufte Firmen vornahm, weil er in den kommenden fünf Jahren nicht mit wesentlicher Besserung der weltweiten Automobilproduktion rechnet - da wurde das Problem so deutlich wie selten zuvor.

Und das war noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Krise. Die schon trüben Aussichten auf das neue Jahr wurden Anfang April gleich ganz kassiert. Vor allem die Autozulieferung macht dem Konzern schwer zu schaffen, doch auch die Reifenmärkte schwächeln mittlerweile als Folge. Conti fährt mit den Pneus in aller Regel den Großteil des Gewinns ein, weshalb die aufziehende Flaute bei der sonst so stabilen Ertragsperle schwer ins Gewicht fällt.

Im ersten Quartal haben die Hannoveraner laut vorläufigen Zahlen zwar nicht ganz so schlecht abgeschnitten, wie sie selbst zunächst befürchtet hatten. Dennoch fiel der Umsatz auf 9,8 Milliarden Euro. Bereinigt um Zu- und Verkäufe sowie Wechselkurseffekte war das ein Minus von 10,9 Prozent. Bei der um Sondereffekte bereinigten Ergebnismarge vor Zinsen und Steuern erreichte Conti 4,4 Prozent. Auch das war ein deutlich schwächerer Wert als ein Jahr zuvor mit 8,1 Prozent.

Nicht nur die Autobauer hatten zunächst in China und dann auch in Europa und Nordamerika ihre Werke wochenlang heruntergefahren, darunter Großkunden wie Volkswagen, Daimler und BMW. In der Folge musste auch Conti die Arbeit in einem Teil seiner Betriebe bis auf weiteres einstellen, weil die Autofabriken keinen Nachschub an Teilen gebrauchen konnten. Schon das erste Quartal fiel bei den deutschen Herstellern schwach aus - und im zweiten Quartal wird es den Angaben zufolge noch viel düsterer aussehen. Mindestens der April gilt als verlorener Monat und es ist nicht klar, wie schnell die Produktionsketten mit der möglicherweise schwachen Nachfrage wieder anlaufen können.

Die Branchenlage mit schwachen Aussichten an der Börse brachte den weltweit zweitgrößten Autozulieferer schon vor einiger Zeit dazu, den in Augenschein genommenen Teilbörsengang der Antriebstechnik zu einem reinen Spin-Off an der Börse herunterzustufen - nun liegt das Vorhaben aber erst einmal gänzlich auf Eis, weil die Marktbedingungen es in diesem Jahr nicht mehr zulassen.

WAS DIE ANALYSTEN SAGEN:

Die im dpa-AFX erfassten Analysten, die sich seit dem Corona-Crash an den Börsen ab der letzten Februarwoche mit dem Papier befasst haben, urteilen mehrheitlich abwartend. Von den 14 Experten raten acht zum Halten der Aktie, vier zum Kauf und zwei zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei fast 78 Euro mit einer großen Bandbreite.

Am optimistischsten von ihnen ist Morgan-Stanley-Analyst Harald Hendrikse mit einem Kursziel von 150 Euro. Im Autosektor werde das Wiederanlaufen der Produktion allmählich in die Bewertungen eingepreist, schrieb er in seiner jüngsten Branchenstudie. Investoren fragten sich aber, wie sich die Nachfrage erholen werde. Die Gewinne im ersten Quartal seien nicht so schlecht wie befürchtet gewesen, dürften aber im zweiten Jahresviertel deutlich niedriger ausfallen und sich auch langsamer erholen. Das könnte das Aufholtempo der Aktienkurse im europäischen Sektor bremsen.

Pessimistisch mit Sicht auf Conti ist Barclays-Experte Erwann Dagorne mit einem Kursziel von 55 Euro. Er hatte es Ende März nach dem Corona-Crash um die Hälfte gekappt. Die Auswirkungen der Corona-Krise dürften noch eine ganze Zeit auf der Autobranche lasten, schrieb er in einer Branchenstudie.

WIE DIE AKTIE ZULETZT LIEF:

Der Kursrutsch infolge der Coronakrise sorgte dafür, dass die Aktien zwischenzeitlich mit weniger als 60 Euro so wenig wert waren wie seit vielen Jahren nicht mehr. Schon im Januar war die Conti-Aktie erstmals seit Mitte 2013 wieder unter die Marke von 100 Euro gefallen. In den beiden vergangenen Jahren war Conti jeweils einer der schwächsten Werte im Dax <DE0008469008> gewesen: 2018 mit minus 46 Prozent, 2019 mit minus 5 Prozent in einem starken Umfeld. Seit Beginn des laufenden Jahres steht ein weiterer Kursverlust von rund einem Drittel zu Buche.

Beim derzeitigen Niveau von rund 77 Euro ist der Conti-Kurs auch weit entfernt vom Rekordhoch bei 257,40 Euro im Januar 2018. Danach konnte die Aktie generell kaum mehr von Impulsen profitieren.

46 Prozent der Conti-Aktien gehören seit dem missglückten Übernahmeversuch in der Finanzkrise 2008/09 der Industriellenfamilie Schaeffler <DE000SHA0159>, die den gleichnamigen fränkischen Auto- und Industriezulieferer kontrolliert. Der Börsenwert von Conti lag zuletzt bei noch rund 15 Milliarden Euro.