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Zielkes revolutionärer Plan: Commerzbank sucht Schulterschluss mit Sparkassen

Der Vorstandschef der Commerzbank lässt eine Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Sektor ausloten. Der Sparkassen-Präsident lehnt das Projekt bislang ab.

Würde Sparkassen gerne bei größeren Krediten oder Auslandsgeschäften unterstützen. Foto: dpa

Die neue Strategie der Commerzbank kommt bei vielen Investoren nicht gut an. Die angepeilte Eigenkapitalrendite von mehr als vier Prozent halten sie für wenig ambitioniert. Vorstandschef Martin Zielke ist mit der neuen Ausrichtung dagegen zufrieden. Es werde in Europa über kurz oder lang eine Konsolidierung des Bankensektors geben, sagte er am Freitag bei einer Pressekonferenz.

„Gerade in Deutschland halte ich das für unabdingbar. Da ist es für eine Bank wie uns relevant, dass wir uns da so aufstellen, dass wir in so einem Prozess ein aktiver Spieler sind.“ Wie genau die Neuordnung des deutschen Bankensektors aus seiner Sicht ablaufen sollte, wollte Zielke nicht preisgeben.

Nach Informationen des Handelsblatts verfolgt der Commerzbank-Chef Pläne, die man durchaus als revolutionär bezeichnen kann. Zielke möchte das Drei-Säulen-Modell aus privaten, öffentlich-rechtlichen und privaten Banken aufbrechen. Er sucht dabei den Schulterschluss mit den Sparkassen – und hat diesbezüglich auch schon konkrete Schritte unternommen.

Finanzkreisen zufolge gibt es bei der Commerzbank eine Arbeitsgruppe, die sich mit einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Sparkassen-Sektor beschäftigt. Diese Gruppe soll ausloten, ob und wie die Commerzbank und öffentlich-rechtliche Institute gemeinsam agieren könnten. Die Gruppe besteht schon seit einiger Zeit, und sie soll auch nach der gerade verkündeten Strategie weiterarbeiten.

Zielke hat nach Informationen des Handelsblatts auch schon versucht, Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis ein Bündnis in einem persönlichen Gespräch schmackhaft zu machen. Zielkes Idee: Die Commerzbank könnte eine Art Super-Landesbank werden. Die Frankfurter könnten die Sparkassen also bei den Geschäften unterstützen, die die kleinen Institute allein nicht stemmen können, etwa bei größeren Krediten oder der Begleitung von Firmenkunden im Ausland.

Mit seinem Vorstoß stieß Zielke bei Schleweis Insidern zufolge jedoch auf Ablehnung. Es gebe keinen Grund, warum die Sparkassen-Finanzgruppe die offensichtlichen Probleme der Commerzbank lösen sollte, heißt es im öffentlich-rechtlichen Sektor. Sprecher der Commerzbank und des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) wollten sich zu dem Thema nicht äußern.

Widerstand in Baden-Württemberg

Schleweis verfolgt das Ziel, alle Landesbanken zu einer Super-Landesbank zu verschmelzen, die er Sparkassenzentralbank nennt. Das Handelsblatt hatte die Pläne vor knapp einem Jahr publik gemacht. Doch passiert ist seitdem kaum etwas. Viele Sparkassen stehen zwar hinter der Idee. Doch die Bundesländer, die an der LBBW und der BayernLB maßgeblich beteiligt sind, haben bisher keine Bereitschaft erkennen lassen, ihre Landesbanken in ein Zentralinstitut einzubringen.

Besonders in Baden-Württemberg, ohne dessen Zustimmung ein groß angelegter Umbau des öffentlich-rechtlichen Sektors nicht zustande kommen kann, ist der Widerstand gegen die Fusionspläne von Schleweis groß. Und im Sparkassen-Sektor glauben wenige, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Auf einem anderen Blatt steht, dass es auch gegen ein Bündnis mit der Commerzbank massiven Widerstand im öffentlich-rechtlichen Sektor geben dürfte. Für viele Sparkassen ist die Commerzbank ein Konkurrent, den sie seit Jahren bekämpfen. Auch Schleweis will auf die Avancen nicht eingehen.

Als Zielke kürzlich beim Handelsblatt Banken-Gipfel bekannte, dass er gerne eine Sparkasse kaufen würde, antwortet Schleweis kurz, aber deutlich: „Bei Sparkassen werden wir uns nicht einig, bei Landesbanken können wir darüber reden.“

Angesichts der Reaktionen glaubt bei der Commerzbank niemand, dass es kurzfristig zu einem Deal mit den Sparkassen kommt. Das Projekt habe aktuell nicht mehr die allergrößte Priorität, sagt eine mit dem Thema vertraute Person. Zunächst müsse der öffentlich-rechtliche Sektor klären, welchen Weg er einschlagen wolle und wie die Eigentümerstrukturen künftig aussehen sollen. Erst dann mache es Sinn, wieder zu reden.

Einige bei der Commerzbank setzen darauf, dass es bei den Sparkassen zu einem Sinneswandel kommt, wenn die Not in den nächsten Jahren größer wird. Denn die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank wird mit der Zeit allen deutschen Banken immer stärker zusetzen. „Die zerstörerische Wirkung kommt später“, warnte Raimund Röseler, der oberste Bankenaufseher der Finanzaufsicht Bafin, kürzlich.

Gespräche geplatzt

Die Commerzbank hat im Frühjahr über einen Zusammenschluss mit der Deutschen Bank verhandelt. Die Gespräche platzten jedoch im April. Andere große Fusionspartner gibt es in Deutschland im privaten Bankensektor nicht. Und Zusammenschlüsse von privaten Banken mit Instituten aus dem öffentlich-rechtlichen oder dem genossenschaftlichen Sektor gelten bisher als Tabu.

Einzige Ausnahme ist die HSH Nordbank. Sie wurde 2018 als erste Landesbank privatisiert. Nun heißt sie Hamburg Commercial Bank und gehört einer Gruppe um den US-Finanzinvestor Cerberus. Die Commerzbank hat bereits mehrfach erfolglos versucht, den öffentlich-rechtlichen Sektor aufzubrechen und eine Sparkasse zu übernehmen.

Im Jahr 2003 bekundeten die „Gelben“ Interesse an der Sparkasse Stralsund, die dann aber letztlich doch nicht verkauft wurde. 2007 beteiligte sich die Commerzbank an einem Bieterwettkampf um die Bankgesellschaft Berlin, zu der die Berliner Sparkasse gehörte. Die öffentlich-rechtlichen Banken wehrten den Angriff jedoch ab. 2018 prüfte die Commerzbank eine Übernahme der NordLB, zu der die Sparkasse Braunschweig gehört, entschied sich am Ende aber gegen eine Offerte.

Am Finanzmarkt wurde in den vergangenen Jahren immer wieder darüber spekuliert, ob die Commerzbank von einem ausländischen Institut geschluckt wird. Unicredit aus Italien und ING aus den Niederlanden haben in der Vergangenheit bereits vorgefühlt. Aktuell haben beide Insidern zufolge aber kein Interesse.

Das Commerzbank-Management hält eine Offerte für das Institut Insidern zufolge aktuell für sehr unwahrscheinlich. Solange es keine europäische Bankunion gibt, seien die Hürden für grenzüberschreitende Fusionen hoch, lautet die Einschätzung des Managements.

Die aktuelle Strategie sei darauf ausgelegt, dass die Commerzbank allein bleibe, sagte Vorstandschef Zielke am Freitag. Gleichzeitig wolle sich das Institut aber so positionieren, dass es bei einer zu erwartenden Branchenkonsolidierung eine aktive Rolle einnehmen könne. „Das können wir, je besser unsere Position in unseren Kernmärkten ist“, erklärte Zielke. „Da investieren wir.“

Im Rahmen des Umbaus soll die Onlinetochter Comdirect integriert und die Digitalisierung der Bank beschleunigt werden. Zudem werden 4.200 Stellen und 200 Filialen abgebaut. Das Ziel einer Eigenkapitalrendite von mehr als vier Prozent sei angesichts der Rahmenbedingungen ordentlich, sagte Zielke. „Wir versuchen, die Dinge realistisch zu sehen. Das gilt auch für unsere Renditeziele.“

Um den Umbau zu finanzieren, will die Commerzbank ihre polnische Tochter M-Bank losschlagen. „Wir werden die M-Bank sicher nicht um jeden Preis verkaufen“, sagte Finanzchef Stephan Engels. Aber: „Wenn ich mir die Mailboxen bei mir und meinen Kollegen angucke, habe ich jetzt nicht den Eindruck, dass es an Interesse für dieses attraktive Asset mangelt.“

Ihren Umbau werde die Commerzbank auch vorantreiben, falls der Verkauf der M-Bank wider Erwarten nicht klappen sollte, meinte Engels. Der Umbau würde dann allerdings „ein bisschen langsamer“ vonstattengehen.