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Comeback des Camp-Stils: Die Pandemie bringt lebensfrohen Kitsch zurück in die Wohnungen

·Lesedauer: 5 Min.
Das Apartment des schwedischen Designers Gustaf Westman ist ein perfektes Beispiel für den Einrichtungstrend Danish Pastel Eclectic
Das Apartment des schwedischen Designers Gustaf Westman ist ein perfektes Beispiel für den Einrichtungstrend Danish Pastel Eclectic

In den letzten Jahren hat ein ästhetischer Minimalismus das Leben vieler Millennials und auch ihren Wohnraum bestimmt. Weiße Möbel, Teppiche in Naturtönen und helle Gardinen wurde mit Holz und schwarzem Metall kombiniert. Stilvoll, ruhig und minimalistisch sollte jeder Raum sein. Selbst die Kunst an der Wand wurde oft in hellen Beigetönen gehalten oder bestand aus abstrakten schwarzen Linien auf hellem Grund.

Dann kam die Pandemie und viele Menschen saßen 24/7 in schlichten, farblosen Wohnungen. Nicht nur bei mir hat das dazu geführt, dass ich begriffen habe, wie öde das Leben in einer Wohnung voll mit weißen Kommoden und schwarzen Metallregalen ist. Im Sommer 2020 ging dementsprechend sowohl auf TikTok als auch auf Instagram eine regelrechte Gegenbewegung los, die dem schlichten Interior den Kampf ansagte.

Ein erster Bote war der Ultrafragola Spiegel, der auf beiden Plattformen viel Beachtung fand. Das Werk des italienischen Designers Ettore Sottsass verschönerte bereits vor 51 Jahren die Einrichtungslandschaft gut betuchter Design-Fans. Es steht für eine Rückbesinnung auf die wilden 70er, die gerade auch modisch zurückkommen.

https://www.instagram.com/p/CIIv5-An4Od/

Die rosa Farbe durch eine integrierte Beleuchtung und das geschwungene Wellendesign des weißen, übergroßen Rahmen haben dem Luxusstück ein Comeback beschert. Was wohl im modernen Zeitalter auch daran liegt, dass der Spiegel, der rund 8000 Euro kostet, wie gemacht für ein Selfie ist, da die weiche Beleuchtung das Antlitz jedes Bloggers in gutem Licht dargestellt hat.

Danish Pastel Eclectic löst farblosen Minimalismus ab

Auch dem 28-jährigen schwedischen Designer Gustaf Westman sind Millennials und Generation Z gleichermaßen verfallen. Sein Curvy Mirror (2400 Euro) schlägt optisch in dieselbe Kerbe: pastelliges Farbkonzept und wellenförmiger Rahmen. Um die Ästhetik dieser beiden Spiegel hat sich ein eigener Einrichtungstrend entwickelt: Danish Pastel Eclectic. Bei TikTok hat der Hashtag #danishpastel bereits 24,9 Millionen Aufrufe.

Der Curvy Mirror von Gustaf Westman steht sinnbildlich für den verspielten Retrocharme aktueller Einrichtungtrends
Der Curvy Mirror von Gustaf Westman steht sinnbildlich für den verspielten Retrocharme aktueller Einrichtungtrends

Der Trend fokussiert auf Farben wie Lavendel, Hellgelb, Rosa oder Salbeigrün. Kombiniert wird wild, aber stilvoll und meist in Kombination mit viel Weiß oder hellem Beige. Der Look ist auffällig, aber nicht laut, sondern individuell und geschmacklich massenverträglich.

„Mein Design hat keine Regeln, ist verspielt und farbenfroh. Ich würde zudem sagen, dass es leicht zu verstehen ist“, sagte mir Gustaf Westman. Die Pandemie habe definitiv dazu beigetragen, dass Menschen andere Ansprüche an ihre Einrichtung stellen, findet Westman.

„Ich denke, dass wir persönlichere Entscheidungen treffen, wenn wir mehr Zeit in unserem Zuhause verbringen. Farben machen uns glücklich und ich glaube, das haben während dieser Pandemie mehr Menschen verstanden.“

Designer Gustaf Westman

Der schwedische Designer Gustaf Westman in seinem Apartment
Der schwedische Designer Gustaf Westman in seinem Apartment

Kerzen, Spiegel, Keramik: Einrichtung als DIY-Trend

Danish Pastel Eclectic hat für eine Welle an Eigenbauten gesorgt, die bei Influencern mit Interesse für Mode, Kunst oder Einrichtung zum guten Ton gehören. So zum Beispiel der Spiegel mit Rahmen aus rosa oder blau bemaltem Bauschaum oder die verdrehten Kerzen, die ebenso wie die Spiegel von Westman und Sottsass mit ihren organischen Formen eine Hommage an die Einrichtung der 70s und 80s darstellen.

Dazu gesellen sich Prints von Gemälden abstrakter Körper oder Blumen von Matisse, Metallregale in Lila und kitschige Keramik.

Neben eigens verdrehten Stabkerzen und Spiegeln mit Bauschaum-Rahmen wurden selbst gemachte Wohnaccessoires aus Ton zu einem Trend. Aschenbecher im Vagina-Design, Schälchen mit kleinen Bananen oder Blumentöpfe mit 3D-Brüsten: Kitschige Ton- und Keramikkreationen fungieren als eine Art Einstiegsdroge für eine Wohnung gefüllt mit Camp.

https://www.instagram.com/p/COFjhxDn-1u/

Der Begriff Camp beschreibt eine Art von Ästhetik, die ironisch oder überhöht bewusst auf Kitsch oder konventionell „schlechten Geschmack“ setzt. Die Fotografin Susan Sontag stellte 1964 in einem Essay fest, dass sich Camp vor allem auf „Kunstfertigkeit, Frivolität, naive bürgerliche Anmaßung und schockierendes Übermaß“ stützt.

Da nicht nur die Halbwertzeit von Trends kürzer wird, sondern vielen ihre Einrichtung in Zeiten von Homeoffice und Lockdown nach wenigen Monaten schon wieder langweilig wird, hat Camp mittlerweile in vielen Wohnungen Einzug gehalten.

In Kombination mit Überbleibseln der Danish Pastel Eclectic Ästhetik sieht das Ganze dann etwa so aus wie in der Villa von Miley Cyrus in Los Angeles. Das Regal in gedeckten Farben und klaren Linien entspricht dem Danish Pastel Eclectic Trend, die Leopardentapete und der Mund-Sessel sind perfekte Beispiele für Camp. Passt überraschend gut zusammen, oder?

https://www.instagram.com/p/CO9sPcwDp9-/

Kitsch bedeutet schamlose Lebensfreude in unsicheren Zeiten

Was für die Sängerin ihr Sessel ist, ist für den gemeinen TikToker seit einigen Monaten der Corn Stool des australischen Designstudios Third Drawer Down. Der Hocker in der Optik eines angebissenen Maiskolbens ist eine Hommage an Ikonen der Popart wie Jeff Koons und Claes Oldenburger. „Es geht alles auf die Kunst zurück. Das tuts immer", schreiben die Macher:innen auf ihrer Website über den Corn Stool.

https://www.instagram.com/p/CLSpb6njIG_/

Genauso wie einst schon Popart selbst sucht Camp-Einrichtung die Schönheit im Alltäglichen, nicht ohne eine selbstironische Ebene. Genau diese Selbstironie und schon fast Absurdität, sich einen Maiskolben-Hocker oder einen Blumentopf, der aussieht wie eine Eiswaffel, ins Wohnzimmer zu stellen, trifft in Pandemie-Zeiten einen Nerv.

Wenn uns Corona eins gezeigt hat, dann dass uns die Ideale und der Perfektionismus, den Instagram in den letzten Jahren hochgehalten und einer ganzen Generation regelrecht eingeimpft hat, viel weniger Spaß bringen, als mit kitschiger Einrichtung das Leben zu feiern. Diese Ideale haben doch letzten Endes zu einem regelrechten Verlust von Individualität und eigenem Geschmack geführt.

Wer sich Camp hingibt, holt sich nicht nur bunte Lebensfreunde ins Haus, sondern zieht sich auch am eigenen Schlawittchen aus dem grauen Einheitsbrei, der die letzten Jahre die Wohntrends beherrscht hat. Die Pandemie hat uns daran erinnert, dass es eben nicht (nur) darum geht, andere Menschen zu beeindrucken, sondern darum, selbst Spaß mit der Gestaltung der eigenen vier Wände zu haben. Schließlich sind wir es, die viel Zeit darin verbringen müssen. Deshalb zählt doch eigentlich nur, was ich cool, lustig oder schön finde.

https://www.instagram.com/p/COGRYwsA0fF/

Das kann dann eben auch mal eine kitschige Keksdose im Look einer Kuh mit Kochmütze sein, die man 2021 ganz ungeniert und lässig neben teurem Gucci-Parfüm platzieren kann, wie der Deko-Shop Resident Objects auf Instagram zeigt. Wenn draußen ein tödlicher Virus tobt, dann sollten wir doch zumindest drinnen schamlos Spaß haben – mit Einrichtungsstücken, die so hässlich sind, dass sie schon wieder schön sind.