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Angst vor Ausbreitung des Coronavirus: China kappt Transportverbindungen nach Wuhan

Mit Beginn des chinesischen Neujahrsfestes werden in China die Kontrollen verschärft. Die Behörden fürchten, dass sich mit der Reisewelle deutlich mehr Menschen infizieren könnten.

Das neuartige Coronavirus breitet sich weiter aus: 571 Menschen innerhalb Chinas sind inzwischen infiziert, teilten die chinesischen Behörden am Mittwoch mit. Drei weitere Personen sind bereits an der Erkrankung gestorben. Die Zahl der Todesfälle insgesamt liegt damit nun bei insgesamt 17.

Der Erreger namens 2019-nCoV passe sich an und mutiere, was für die Gesundheitsbehörden den Kampf gegen die Ausbreitung erschwere, hieß es. Das Coronavirus könne durch die „Luftübertragung“ von Mensch zu Mensch wandern, sagte Li Bin, Vizeminister der Nationalen Gesundheitskommission.

Besonders brisant an der Situation ist: Derzeit bereitet sich ganz China auf das chinesische Neujahr vor. Hunderte Millionen Menschen reisen derzeit nach Hause, um das Frühlingsfest zu begehen und ihre Familien zu besuchen. Und die Elf-Millionen-Einwohnerstadt Wuhan, wo die Lungenerkrankung zuerst nachgewiesen wurde, befindet sich mitten in China und ist damit vor allem für Zugstrecken ein wichtiger Drehpunkt.

Chinesischen Medien zufolge hat sich die Regierung deshalb dazu entschlossen, ab Donnerstagmorgen wichtige Verkehrsverbindungen von und nach Wuhan zu kappen. Der Flughafen und Bahnhöfe würden gesperrt sowie Bus-, U-Bahn- und Fährverbindungen ausgesetzt, berichtete das staatliche Fernsehen. Die Bürger wurden gebeten, die Stadt nur unter besonderen Umständen zu verlassen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat währenddessen ihre Entscheidung darüber verschoben, ob der Coronavirus-Ausbruch einen internationalen Gesundheitsnotstand darstellt. Man werde am Donnerstag darüber befinden, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Mit dem Ausrufen des Notstands wären schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung des Ausbruchs verbunden.

Das Coronavirus war den Erkenntnissen der chinesischen Behörden zufolge zuerst auf einem Meeresfrüchtemarkt im zentralchinesischen Wuhan ausgebrochen. Coronaviren verursachen oft harmlose Erkrankungen wie Erkältungen. Allerdings gehören auch Erreger gefährlicher Atemwegskrankheiten wie Sars dazu, das für „Severe Acute Respiratory Syndrome“, Schweres Akutes Atemwegssyndrom, steht.

Das Virus weckt Erinnerungen an den Ausbruch der Infektionskrankheit Sars, die ebenfalls in China ihren Ursprung hatte und an der von 2002 bis 2003 weltweit fast 800 Menschen starben – auch weil die anfänglichen Vertuschungsversuche der chinesischen Behörde eine Ausbreitung begünstigt hatten.

Am Montagabend mahnte Staats- und Parteichef Xi Jinping Parteiorgane, Regierungen und Behörden auf allen Ebenen, das Leben und die Gesundheit der Bürger an erste Stelle setzen. „Der jüngste Ausbruch der neuartigen Coronavirus-Lungenentzündung in Wuhan und anderswo muss ernst genommen werden“, sagte er und kündigte an, die Ausbreitung des Virus „resolut bekämpfen“ zu wollen.

Erhöhte Kontrollmaßnahmen

Der möglichen Pandemie sowie einer wachsenden Panik in der Bevölkerung versucht China mit erhöhten Vorsichtsmaßnahmen entgegenzutreten. Am Mittwoch erteilte die chinesische Gesundheitsbehörde den Krankenhäusern landesweit die Befugnis, jeden unter Quarantäne zu stellen, der verdächtigt wird, Träger des Virus oder mit Trägern in Kontakt getreten zu sein. An Zug und Busstationen sowie Flughäfen wird nun verstärkt mit Blick auf Infizierte kontrolliert. Die Behörden mahnten zudem die Bürger, sich regelmäßig die Hände zu waschen und draußen Gesichtsmasken zu tragen.

Tour-Gruppen, die sich zurzeit in Wuhan befinden, dürfen erst einmal nicht ausreisen. Privatfahrzeuge, die entweder in die Stadt reinfahren oder sie verlassen, werden auf Wildtiere und Vögel kontrolliert. Das chinesische Eisenbahn-Ministerium und die chinesische Reiseplattform CTrip bieten derzeit an, Tickets von und nach Wuhan kostenlos zurückzuerstatten.

Der Apple-Lieferant Foxconn bat Angestellte aus seinem Wuhan-Werk in China, die sich für das chinesische Frühlingsfest aktuell in Taiwan aufhalten, angesichts des Ausbruchs vorerst dort zu bleiben. Außerdem stellte das Unternehmen rund 35.000 Gesichtsmasken als Schutz bei den Feierlichkeiten in einer Kongresshalle bereit.

Auch Drittländer, darunter auch Japan, Südkorea und die USA, verschärften ihre Kontrollen von Flugreisenden aus China. Bei einem Reisenden aus der Volksrepublik sei in Seattle eine Ansteckung mit dem Virus diagnostiziert worden, teilten die US-Zentren für Seuchenkontrolle (CDC) am Dienstag mit. Die Ansteckung sei mit einem neuen Test bestätigt worden, der von der Behörde selbst entwickelt worden sei. Der Patient sei in guter Verfassung. Es würden weitere Fälle in den USA erwartet.

Geringe Gefahr

Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Gefahr für Deutschland als gering ein. „Trotzdem beobachten wir die Situation in China natürlich aufmerksam und stehen dazu in ständigem Austausch mit unseren internationalen Partnern“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums.

Es sei nicht auszuschließen, dass eine erkrankte Person nach Deutschland reise, sagte Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Er glaubt aber auch, dass man sich in Deutschland erst einmal keine Sorgen machen müsse. „Wir müssen in den kommenden Tagen mit mehr Fällen in anderen Teilen Chinas und möglicherweise auch in anderen Ländern rechnen“, erklärte der Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tarik Jacarevic, am Dienstag in Genf. Ungewöhnlich sei das nicht: „Wenn man die Überwachung ausweitet, ist es auch wahrscheinlich, dass man mehr Fälle entdeckt.“

Bis jetzt halten die meisten Experten das Coronavirus für ungefährlicher als Sars, das bei einem von zehn Erkrankten tödlich verlief. Zwischen November 2002 bis Juli 2003 erkrankten über 8000 Menschen, 774 von ihnen starben. Ebola, das zwischen 2014 bis 2016 in Westafrika grassierte, kostete 11.310 von 28.616 Erkrankte das Leben. In der Demokratischen Republik Kongo wütet seit Anfang 2019 eine Masernepidemie. Rund 310.000 Menschen haben sich, so schätzt das WHO, damit infiziert, mehr als 6000 seien bereits daran gestorben.

Nach der Talfahrt haben sich die asiatischen Aktien am Mittwoch wieder erholt und machten einen Teil des Ausverkaufs wieder gut. Die Aktien in Schanghai machten die Verluste des Vortages wett, nachdem Peking angekündigt hatte, landesweite Screening-Bemühungen beginnen zu wollen. Die Benchmark-Werte in Hongkong und Südkorea stiegen auch um mehr als ein Prozent.

Betroffen von den Kursverlusten am Dienstag waren besonders Fluggesellschaften, Touristikunternehmen, Kinos und Casinobetreiber. Hier ging vor allem die Angst vor möglichen Reiseeinschränkungen bei einer Ausbreitung der Krankheit um.

So sackten am Dienstag die Aktien von China Eastern Airlines und China Southern Airlines um mehr als sechs Prozent. Man gehe davon aus, so heißt es in einer Notiz von UBS am Mittwoch, dass viele Reisende nun vorziehen würden, zu Hause zu bleiben und in den nächsten Wochen Orte wie Kinos, Parks und Shopping Malls zu meiden. Gewinner der Krise waren die Titel von Pharmaunternehmen. So legten Shenqi Pharmaceutical und Zhende Medical ein Zehntel an Wert zu.

Bisher können Ökonomen die wirtschaftlichen Schäden durch das Coronavirus noch nicht abschätzen. Nach Berechnungen der Ökonomen Jong Wha Lee und Warwick McKibbin verlor die Weltwirtschaft aufgrund der Sars-Pandemie 40 Milliarden Dollar im Jahr 2003.