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Wie die Bundesregierung die Bevölkerung mit einem Corona-Impfstoff versorgen will

·Lesedauer: 8 Min.

Der Bund bemüht sich, ausreichend Covid-19-Impfstoffdosen für Deutschland zu sichern. Der Plan für die Verteilung nimmt Gestalt an.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bewertete in dieser Woche die Forschung an Impfstoffen gegen das Coronavirus mit demonstrativer Zuversicht. „Stand heute wird es wahrscheinlich so schnell wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte einen Impfstoff gegen ein neues Virus geben können“, sagte der CDU-Politiker. „Wir dürfen optimistisch sein.“ Und dieser Optimismus gilt nicht nur dem Vakzin des deutschen Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer.

Das Gesundheitsministerium führt intern sechs Impfstoffkandidaten auf, bei denen bis Jahresende oder 2021 die Zulassung in der Europäischen Union beantragt werden könnte. Große Hoffnung setzt man in der Bundesregierung auch in die Forschungen der Universität Oxford mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astra-Zeneca. Ebenfalls auf der Liste stehen die Präparate der US-Unternehmen Johnson & Johnson, Moderna und Novavax sowie die britisch-französische Impfstoffkooperation der Pharmakonzerne Sanofi und Glaxo-Smithkline.

Funktionierende Impfstoffe sind der politische und epidemiologische Zielpunkt der Pandemiebekämpfung. Das Versprechen lautet: Wenn ein Großteil der Deutschen erst geimpft ist, soll das Land zur Normalität zurückkehren können. Zwei Drittel der Bevölkerung müssten einen Impfschutz bekommen, um Herdenimmunität zu erreichen – mit dieser Größenordnung wird in Berlin kalkuliert. Eine enorme logistische Herausforderung: Es geht um 55 Millionen Menschen, für die Impfstoffe beschafft und in der ganzen Republik verteilt werden müssen.

Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (RKI), erwartet daher auch, dass eine umfassende Impfkampagne gegen Sars-CoV-2 in Deutschland nicht vor 2022 abgeschlossen sein dürfte. Und Spahn macht deutlich: „An Tag eins und in den ersten Wochen und möglicherweise Monaten wird es noch nicht ausreichend Impfstoff für alle geben, die geimpft werden wollen.“

In ihren öffentlichen Äußerungen vergessen Vertreter der Bundesregierung selten das Bekenntnis zu einer fairen weltweiten Verteilung von Impfstoffen gegen das Coronavirus. Doch die Realität sieht anders auch: Auch Deutschland und die EU sind schon vor Monaten in das globale Wettrennen eingestiegen, wer sich wie viele Dosen von aussichtsreichen Vakzinen sichern kann.

Zweigleisige Beschaffung

Anfang Juni schlossen sich auf Initiative von Spahn vier EU-Staaten zu einer Impfstoff-Allianz zusammen: Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande sahen sich unter Zugzwang. Denn die USA, Großbritannien und andere Länder hatten längst begonnen, mit Herstellern potenzieller Impfstoffe Vorverträge abzuschließen. Die Bemühungen der Kerngruppe von Mitgliedstaaten um Deutschland ist seit dem Sommer in den Verhandlungen der EU-Kommission mit der Pharmaindustrie aufgegangen.

„Um eine ausreichende Verfügbarkeit von Covid-19-Impfstoffen in Deutschland möglichst zeitnah sicherzustellen, beschafft der Bund über einen europäischen Beschaffungsmechanismus Impfstoffe zentral“, beschreibt das Bundesgesundheitsministerium in der vergangenen Montag die vom Corona-Kabinett beschlossene nationale Impfstrategie.

Bei aussichtsreichen Entwicklungs- und Forschungsprojekten würden auf EU-Ebene Abnahmegarantien mit Herstellern vereinbart, sogenannte Advance Purchase Agreements. „Der Abschluss dieser Vereinbarungen sichert den Bürgerinnen und Bürgern frühzeitig einen Zugang zu erfolgreich erprobten und sicheren Impfstoffen, sobald diese in der EU zugelassen sind.“ Auf diesem Weg seien bereits bis zu 800 Millionen Dosen für die europäische Bevölkerung von verschiedenen Herstellern gesichert worden. Welches Land welchen Anteil an den Impfstoffen bekommt, hängt von der Bevölkerungszahl ab.

Am Donnerstag gab die Kommission in Brüssel dann bekannt, dass auch der Vertrag mit Biontech und Pfizer besiegelt sei. Bis zu 300 Millionen Dosen dieses Impfstoffs sind demnach für die EU reserviert – vorausgesetzt, die klinischen Studien bestätigen sich und die Behörden erteilen die Zulassung. Auf Deutschland könnten nach dem europäischen Verteilungsschlüssel mehr als 50 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs entfallen.

Spahn sprach in dieser Woche davon, dass „bis zu 100 Millionen Dosen“ des Präparats von Biontech und Pfizer für Deutschland zur Verfügung stehen könnten. Denn neben dem europäischen Vorgehen hat die Bundesrepublik noch einen zweiten Weg beschritten – über das Instrument der Forschungsförderung für heimische Impfstoffentwickler. Insgesamt 750 Millionen Euro steckte das Bundesforschungsministerium in drei ausgewählte Unternehmen: die Tübinger Biotechfirma Curevac, das in Dessau-Roßlau ansässige Unternehmen IDT Biologika und eben Biontech.

In Regierungskreisen heißt es, dass die Fördergelder auch mit der Erwartung verbunden worden seien, dass Deutschland Bezugsrechte bei den fertigen Vakzinen bekommt. Um wie viele Dosen es sich dabei genau handelt, ist unklar. Die Verträge mit den Unternehmen hält die Regierung zurück, als Erklärung für die Verschwiegenheit werden wettbewerbsrechtliche Gründe angeführt. Im September hatte Spahn lediglich gesagt, der Bund habe sich im Gegenzug für die Forschungsförderung an die drei Unternehmen „insgesamt über 40 Millionen Dosen“ gesichert.

Mehrstufige Verteilung

Die Bundesregierung geht davon aus, im ersten Quartal 2021 mit den Impfungen beginnen zu können. In der nationalen Impfstrategie heißt es: „Einige Impfstoffhersteller haben noch im Jahr 2020 eine mögliche erste Auslieferung von Impfstoffdosen an die EU-Mitgliedstaaten in Aussicht gestellt.“

Die großen Fragen sind: Wie sollen Impfstoffe möglichst flächendeckend in der Republik verteilt werden? Und wer bekommt bei der anfänglich knappen Ressource den Vorzug?

Die Antwort darauf birgt nicht nur logistische, sondern auch ethische Herausforderungen. Daher holte sich die Bundesregierung Unterstützung: Der Ethikrat, die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina und die Ständige Impfkommission verfassten ein gemeinsames Positionspapier, das sich wie eine Blaupause für das Vorgehen bei den Corona-Impfungen liest.

„Priorisierungsentscheidungen berühren ethisch wie rechtlich elementare Fragen, insbesondere des Gesundheits- und Lebensschutzes jedes Einzelnen sowie der Gerechtigkeit und der Solidarität zwischen allen betroffenen Mitgliedern einer Gesellschaft“, schreiben die drei Akteure in dem Anfang der Woche veröffentlichten Papier.

Die Politik solle sich von mehreren Zielen leiten lassen: Schwere Covid-Verläufe und Todesfälle müssten verhindert und Menschen „mit besonders hohem arbeitsbedingtem Sars-CoV-2-Expositionsrisiko“ geschützt werden. Wichtig sei auch, die Übertragung des Virus gerade im Umfeld von potenziellen Risikopatienten zu unterbinden sowie „staatliche Funktionen und das öffentlichen Leben“ aufrechtzuerhalten.

Konkret bedeutet das: Vorrang werden Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen haben. Ebenfalls oben auf der Liste dürften Beschäftigte im Gesundheitswesen stehen – vor allem, wenn sie in regelmäßigem Kontakt mit Risikogruppen stehen. Auch Berufsgruppen, die für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens eine besondere Bedeutung haben, dürften schneller einen Impftermin bekommen. In diese Kategorie fallen Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und Erzieher.

Die Impfkommission will die Prioritätensetzung bis Ende des Jahres konkretisieren. Auf Grundlage dieser Empfehlungen müsse die Politik dann eine Priorisierung festsetzen, so Kommissionschef Mertens. Die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx sprach sich dafür aus, die Regeln für den Zugang zu Impfstoffdosen auch per Gesetz festzuschreiben. Die Bundesregierung denkt bereits entlang der von Ethikern und Wissenschaftlern skizzierten Linie.

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In der vom Corona-Kabinett verabschiedeten Strategie ist von zwei Phasen die Rede: zunächst die gezielte Impfung von bestimmten Bevölkerungsgruppen, die stetig ausgeweitet wird; und dann eine „breite, dezentrale Routine-Verimpfung“, sobald ausreichend Dosen verfügbar sind.

Bund und Länder wollen in den kommenden Monaten eine neue Infrastruktur schaffen, um die Schutzimpfungen zu organisieren. Im gesamten Bundesgebiet sollen Impfzentren entstehen. Daneben sollen mobile Teams Impfungen in Gemeinschaftseinrichtungen wie Pflegeheimen vornehmen.

Folgende Aufgabenteilung ist geplant: Das Bundesgesundheitsministerium ist für die Verteilung der beschafften Impfstoffe an feste Standorte in jedem Bundesland zuständig. Auch die Bundeswehr könnte beim Transport der Präparate zum Einsatz kommen. Die Länder sollen die Impfdosen dabei ihrem jeweiligen Bevölkerungsanteil entsprechend zugewiesen bekommen. Die Landesregierungen müssen für die sichere Lagerung und die Ausgabe von Impfstoffen vor Ort sorgen. Sie sollen sich auch um das nötige Impfzubehör wie Spritzen und Kanülen kümmern.

Absehbar ist, dass je nach Impfstofftyp unterschiedliche Logistikketten aufgebaut werden müssen. So erfordern genbasierte Vakzine wie der Wirkstoff von Biontech eine durchgängige Kühlung auf rund minus 60 Grad Celsius. Für diese Ultrakaltlagerung müssen spezielle Kühlschränke und Kühltransporter angeschafft werden. Für die späteren Impfungen in der Breite der Bevölkerung setzt die Bundesregierung auf klassische Impfstofftypen, die weniger komplexe Anforderungen haben und in Arztpraxen verabreicht werden können.

Keine Impfpflicht

Die Impfaktivitäten sollen nach den Plänen der Bundesregierung zentral dokumentiert werden. In einem „webbasiertes Datenportal“ sollen Angaben zu Alter, Geschlecht und Wohnort anonym gespeichert sowie Informationen zu den verabreichten Impfstoffen festgehalten werden. Allerdings: Ob die Strategie der Bundesregierung zum Erfolg führt, hängt noch von zwei großen Unbekannten ab.

Eine davon ist die Effektivität des Impfstoffs. Die Meldungen aus der Forschung sind vielversprechend. Das Biontech-Präparat soll nach Angaben des Unternehmens mehr als 90 Prozent der Geimpften wirksam vor Covid-19 schützen. Doch noch sind die klinischen Studien nicht abgeschlossen, die Sicherheit der Vakzine durch die Zulassungsbehörden nicht bestätigt. Daher mahnte Spahn auch zur Zurückhaltung: Bei der Forschung an Impfstoffen könnten bis zuletzt noch Probleme auftreten.

Die zweite Unbekannte ist die Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Eine Pflicht soll es in Deutschland nicht geben. Ethikrat, Leopoldina und Impfkommission fordern, dass Politik und Wissenschaft „Impfängsten adäquat begegnen“ müssten. Umfragen deuten darauf hin, dass derzeit weniger als 60 Prozent der Deutschen bereit sind, sich gegen Corona impfen zu lassen. Also weniger als die Zweidrittelmarke, die von der Bundesregierung als Ziel anvisiert wird.