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Brookfield wird Mehrheitseigner bei Heizdienstleister Thermondo

Müller, Anja Köhler, Peter
·Lesedauer: 5 Min.

Ein kanadischer Investor steigt beim Unternehmen von Philipp Pausder ein. Thermondo setzt auf digitale Heiztechnik – auch im Kampf gegen den Klimawandel.

Der Gründer setzt mit seinem Unternehmen auf moderne Heizungstechnik. Vermögensverwalter Brookfield sieht Potenzial. Foto: dpa
Der Gründer setzt mit seinem Unternehmen auf moderne Heizungstechnik. Vermögensverwalter Brookfield sieht Potenzial. Foto: dpa

Philipp Pausder lacht bei der Frage, wer eigentlich prominenter sei: er, Gründer des digitalen Wärmetechnikanbieters Thermondo, oder seine Frau Verena, die einst Fox & Sheep gründete, dann die digitalen Werkstätten von Haba führte und nun für digitale Bildung kämpft. „Die Prominenz meiner Frau werde ich nicht mehr einholen“, sagt der Unternehmer. Schlimm findet er das nicht: „Ich bin stark auf das Unternehmen fokussiert.“

Und für das hat er einen Erfolg zu verkünden. Brookfield, ein börsennotierter kanadischer Vermögensverwalter, übernimmt mit 51 Prozent nun die Mehrheit an Thermondo, wie das Handelsblatt erfuhr.

Brookfield investiert vor allem in Infrastruktur und steht für Nachhaltigkeit. In Deutschland gehört dem Unternehmen unter anderem das Immobilienportfolio am Potsdamer Platz in Berlin, sonderlich bekannt ist es hierzulande aber nicht. In Investmentkreisen sind die Kanadier dagegen geschätzt, sie investierten nach der Methode Warren Buffett, heißt es. Brookfield versteht sich als Vermögensverwalter alternativer Anlageklassen, neben Immobilien investiert die Gesellschaft unter anderem in Unternehmen wie Enercare, einen der größten Anbieter von Haushaltsdienstleistungen und intelligente Energielösungen in Nordamerika.

Und nun in Thermondo. Brookfield-CEO Bruce Flatt rechnet bei seinen Private-Equity-Investments mit einer Rendite von 18 bis 20 Prozent. Besonders im deutschen Markt habe man noch viel vor, sagte Flatt dem Handelsblatt im Jahr 2019. Der Investor wolle Firmen im Mittelstand kaufen, vorzugsweise Marktführer in Nischen oder Dienstleister für die Immobilienbranche beziehungsweise die Industrie. Nun ist es ein ambitioniertes junges Unternehmen, das nicht nur Vorreiter im Wärme- und digitalen Heizungshandwerk, sondern auch Klimapionier sein möchte.

Er sei im vorigen Jahr an den Kapitalmarkt herangetreten, erzählt Pausder, aber letztlich sei Brookfield auf Thermondo zugekommen. Das Investment ist auch ein Zeichen, dass junge Unternehmen sogar in Zeiten der Corona-Pandemie größere Finanzierungsrunden abschließen können. Um wie viel Geld es dabei geht, darüber haben die Parteien Stillschweigen vereinbart.

Mitgründer keine Gesellschafter mehr

Dabei gehöre Thermondo nicht zu den wenigen Unternehmen, „bei denen es immer nur bergauf geht, so wie bei Facebook oder Zalando“, resümiert der 45-jährige Gründer. Es gab durchaus Lernkurven, und das Unternehmen musste „ins Trainingslager“, wie der frühere Profibasketballer es ausdrückt. „Jetzt sind aber die neuen Muskeln und Spielzüge trainiert, und wir sind reif für die nächste Liga.“

Die meisten bisherigen Investoren bleiben dabei. Dazu zählen HV Capital, die bis vor Kurzem noch Holtzbrinck Ventures hieß, Rocket Internet, Thermomix-Hersteller Vorwerk, Eon und die Münchener Investmentgesellschaft 10X. Pausders Mitgründer Florian Tetzlaff und Kristofer Fichtner sowie die Investitionsbank Berlin sind dagegen raus bei Thermondo, das sich in den acht Jahren seit Gründung enorm gewandelt hat.

Pausder war 2012 mit seinen Mitgründern gestartet, beide haben ihre operativen Posten 2017 abgegeben und sind nun auch keine Gesellschafter mehr. Ursprünglich war Thermondo als Vermittlungsplattform für das Heizungshandwerk gedacht. Doch so wie heute Gastronomen Bestellungen über die Lieferando-Plattform Direktbestellungen unterordnen, arbeiteten die Handwerker zuerst eigene Aufträge ab, dann die von Thermondo. Inzwischen arbeiten 440 Mitarbeiter für das Unternehmen selbst, davon mehr als die Hälfte Installateure.

Und genau da lag im Corona-Jahr eine Wachstumsbremse, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Pausder, der an Bord bleiben will. 5000 Heizungen hat Thermondo im vergangenen Jahr installiert, dieses Jahr sollen es deutlich mehr werden. Mit dem Geld des neuen Investors will Pausder auch in die eigene Akademie investieren, auch um als Arbeitgeber attraktiver zu werden.

Große Hoffnungen verbindet Pausder mit dem Klimapaket der Bundesregierung von Anfang 2020. Schließlich geht es dabei nicht nur um Strom, sondern auch um Mobilität und Wärme. Während die erneuerbaren Energien beim Strom bereits einen Anteil von mehr als 40 Prozent erobert hätten, gebe es bei Mobilität und Wärme noch enormes Potenzial. Eine Schlüsselrolle spielen in diesem Bereich Digitalisierung und allgemein technische Modernisierung.

Verkauf eigener Heizungen

Offenbar hat das auch Brookfield so gesehen. Louis Socha, Senior Vice President Investments bei Brookfield, sieht die Energielandschaft vor einem „grundlegenden Wandel“. Thermondo sei da gut gut positioniert, um in diesem Bereich führend in Europa zu werden. Pausder ergänzt: „Beim Thema Nachhaltigkeit widerspricht keiner mehr, und jetzt kommt noch Corona obendrauf, der Trend für mehr Klimaschutz wird sich weiter verstärken.“

Vor wenigen Tagen habe das wichtigste Jahrzehnt im Kampf gegen den Klimawandel begonnen, sagt Pausder. Da deutsche Haushalte mehr als zwei Drittel ihres Endenergieverbrauchs zum Heizen von Räumen verwendeten, müsste auf dem Heizungsmarkt mehr CO2 reduziert werden, um die CO2-Reduktionsziele für 2030 zu erreichen. Daher brauche er jetzt etwa Entwicklungsgelder für eine Weiterentwicklung der Wärmepumpe.

Dass nicht alle Projekte so einfach zu bewältigen sind, hat Pausder inzwischen auch erfahren. Nicht nur durch die Pandemie, die dazu geführt habe, dass Arbeitnehmer seltener wechseln wollten. Auch bei dem Projekt, das Gas gleich mit den Heizungen zu verkaufen und so den direkten Kundenkontakt zu intensivieren, ist Pausder noch nicht zufrieden. Der Gasverkauf laufe bislang nur im einstelligen Bereich des Umsatzes.

Besser sieht es bei dem Geschäft mit eigenen Heizungen aus. Thermondo bietet seit Ende 2018 in Kooperation mit Tado eine Heizungsmarke neben etablierten Unternehmen wie Vaillant oder Viessmann an. Der Anteil liege zwischen 20 und 30 Prozent, bei Solarthermie seien es 70 bis 80 Prozent. Das Manöver war riskant, weil die Hersteller auch hätten abspringen können, doch beim größten Heizungsinstallationsunternehmen in einem handwerklich und lokal geprägten Markt wollen sie offenbar dabei sein.

Genaue Zahlen nennt der Unternehmer nicht, laut „Bundesanzeiger“ lag der Verlust bei Thermondo 2018 noch bei einem Minus von 9,5 Millionen Euro. Im Jahr 2020 seien aber schon einzelne Monate profitabel gewesen, und „2021 werden wir nachhaltig profitabel“, verspricht der Zwei-Meter-Mann. Auf den einschlägigen Portalen sind die Bewertungen gut, wenngleich einem Branchenvertreter die individuellen Lösungen fehlten.

Insgesamt hat Thermondo seit Start mehr als 20.000 Kunden bedient, mit 85 Prozent davon hätte man einen Zehn-Jahres-Leasing- oder einen Wartungsvertrag für die Kundenbindung, ergänzt Pausder. Thermondo sei ein schönes Beispiel, dass Software den Menschen diene und sich der Mensch auf das konzentrieren kann, was er am besten kann: „Kunde und Entscheidungen“.

Ein paar Entscheidungen hat Pausder nun getroffen, darunter auch diese: Er frage sich jedes Jahr im Januar, ob er noch der Beste für Thermondo sei. Er hat sie mit Ja beantwortet.