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Das sind die Brexit-Folgen für Großbritannien, Deutschland und die EU

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Großbritannien verlässt die EU am 31. Dezember endgültig. Dennoch dauern die Verhandlungen weiterhin an - Folgen eines harten und eines geregelten Brexits für Großbritannien, Deutschland und die EU.

Die Brexit-Debatte beherrscht seit Jahren das Tagesgeschehen im Vereinigten Königreich und der EU. Der harte Brexit wird immer wahrscheinlicher.

Denn britische Regierungsvertreter und EU-Diplomaten konnten sich bislang nicht auf einen gemeinsamen Austrittsvertrag einigen. Geht das Land ohne Vertrag, würde der einst enge EU-Partner auf WTO-Status heruntergestuft. Das heißt, es drohen hohe Zölle und Handelshürden.

Bereits am 31. Januar 2020 hat Großbritannien die EU verlassen. Seitdem gilt eine politische Übergangsphase, die Ende 2020 ausläuft. Zuvor wurde das Austrittsdatum des Vereinigten Königreichs mehrmals verschoben.

Die Unsicherheit über das zukünftige Verhältnis der Briten zur EU, darunter auch zum wichtigen Handelspartner Deutschland, veranlasst viele Unternehmen, ihre Produktion auf das Festland zu verlegen. Es droht eine Rezession. Dabei hat die Wirtschaft bereits stark unter der Coronapandemie gelitten – die Brexit-Folgen im Überblick.

Brexit-Folgen für Großbritannien, Deutschland und die EU

Folgen des Brexits für Großbritannien

Ein harter Brexit ohne Austrittsabkommen hätte für Großbritannien und die Briten weitreichende Folgen. Das Vereinigte Königreich würde bei einem ungeordneten Austritt die Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt und auch in der Zollunion verlieren.

Experten zufolge würde damit auch das britische Pfund Sterling bis zu 25 Prozent weniger wert sein. Auch für die EU und Deutschland wären die Folgen gravierend. Sie verlieren einen wichtigen Handelspartner. Noch bis zum 31. Dezember 2020 gilt eine Übergangsphase, in der das zukünftige Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU geklärt werden soll.

Schwerwiegende Folgen für Großbritanniens Wirtschaft

Großbritanniens Exporte wären von einem ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union stark betroffen. Ein Beispiel: Großbritannien exportiert über 40 Prozent der auf der Insel gefertigten Autos in die EU. Von den 190.000 Arbeitsplätzen in dieser Sparte könnten in zehn Jahren nur noch die Hälfte bestehen. Vor allem internationale Unternehmen bereiten sich auf ein „Worst-Case“-Szenario vor.

Sie haben Großbritannien bereits den Rücken gekehrt und ihre Standorte in ein anderes EU-Land verlagert, was für einige Briten mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verbunden ist. In der Finanzbranche haben laut einer Studie von New Financial etwa 270 Firmen Teile ihres Geschäfts in andere EU-Staaten verlagert oder planen dies. Von den Umzügen sind bisher etwa 4900 Arbeitsplätze betroffen. Andere Unternehmen horten ihre Importe, die sie dringend für ihre Produkte und Produktion benötigen.

Auch die Bürgen horten. Einer Studie zufolge liegen bereits Waren im Wert von vier Milliarden Britischen Pfund (etwa 4,3 Milliarden Euro) in den Schränken und Kammern der Inselbewohner.

Fast jeder Fünfte habe damit begonnen, seinen Vorrat an Nahrungsmitteln, Getränken oder Arzneimitteln aufzustocken, teilte der Finanzdienstleister Premium Credit mit. Für die Studie wurden 1052 Verbraucher befragt, die einen Job haben.

Wer hortet, versorgt sich demnach vor allem mit Lebensmitteln (74 Prozent), gefolgt von Arzneiprodukten (50) und Getränken (46).

Eine Studie der London School of Economics schätzt, dass die britische Wirtschaft in den zehn Jahren nach einem ungeordneten Brexit um rund sechs Prozentpunkte weniger wachsen würde als wenn das Land noch in der EU wäre.

Zum Vergleich: Die Coronakrise wird über den gleichen Zeitraum gerechnet nur zwei Prozentpunkte Wachstum kosten. Der No-Deal-Effekt wäre langfristig also dreimal so hoch wie der wirtschaftliche Schaden durch Corona.

Bei einem „No-Deal-Brexit“ drohen Grenzkontrollen

Sollten sich die Briten und die EU auf kein Austrittsabkommen einigen können, müssen Waren und Personen wieder an den Grenzen überprüft werden. Das kann zu Lieferengpässen führen. Allein den Hafen von Dover nutzen jeden Tag mehr als 10.000 Lkw – nur vier Prozent davon müssen zur Zeit durch den Zoll. Sollte sich das ändern, droht der Hafen mit Staus von bis zu zwei Tagen zu verstopfen. Gleiches gilt auch für Häfen in der EU.

Des Weiteren wäre dann auch der Reiseverkehr von Zollkontrollen betroffen. Die europäischen Fluggesellschaften würden ihre Lizenzen verlieren, um aus und in das Vereinigte Königreich zu fliegen. Zwischen der EU und Großbritannien wurden Übergangsregeln vereinbart, welche bis Ende 2020 gültig sind und dafür sorgen sollen, dass der Flugverkehr wie bisher weiterläuft.

EU-Bürger brauchen von Oktober 2021 an für die Einreise nach Großbritannien einen Reisepass. Das geht aus einem Modell der britischen Regierung für die künftigen Abläufe im europäischen Grenzverkehr hervor.

Vor große Probleme wäre auch die Automobilindustrie gestellt, da sich lange Wartezeiten am Zoll negativ auswirken würden. Ein Brexit mit Abkommen könnte diese Folgen verhindern. In diesem Fall könnten sich die EU und Großbritannien zum Beispiel auf eine einheitliche Regelung der Grenzkontrollen einigen – die Wirtschaft könnte sich auf diese in einem Abkommen festgelegten Regeln einstellen.

Die Grenzfrage zwischen Irland und Nordirland

Ein Knackpunkt des Abkommens ist immer wieder die Grenze zwischen der Republik Irland und der britischen Provinz Nordirland. Bei einem ungeregelten Brexit würde dort eine EU-Außengrenze entstehen. Dieses Szenario ist durch den Nordirland-Konflikt historisch aufgeladen. Von 1969 bis 1998 haben sich an dieser Grenze Protestanten und Katholiken gewaltsam bekämpft. Historikern zufolge ist der friedliche Zustand möglich, weil die Grenze fast unsichtbar geworden ist. Das würde sich jedoch bei einem „No-Deal-Brexit“ ändern.

Für die örtliche Wirtschaft ist es ebenfalls schwierig: Mehr als 14.000 Lkws fahren täglich oft mehrmals über die unsichtbare Grenze. So produziert zum Beispiel Coca-Cola den Sirup für seine Limoade in der irischen Republik, die Flaschen werden aber in Nordirland abgefüllt und dann wieder zurück über die Grenze gebracht. So geht es mit vielen Produkten. Rund 30.000 Menschen pendeln täglich über die Grenze zur Arbeit.

Auswirkungen des Brexits auf die EU

Für die EU wäre der Austritt ihres drittgrößten Mitgliedslandes ein enormer Verlust. Besonders wichtig ist, dass diesem Beispiel nicht noch andere Mitgliedsstaaten folgen. Eines der wichtigsten Argumente der Brexit-Befürworter ist das Geld. Das Vereinte Königreich zahle jede Woche die enorme Summe von 350 Millionen Pfund Sterling an die Europäische Union, hieß es.

Großbritannien war tatsächlich der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Doch die tatsächliche wöchentliche Summe, die an die Europäische Union überwiesen wird, beläuft sich aber auf rund 160 Millionen Pfund Sterling – was rund sechs Prozent des EU-Budgets darstellt.

Der Brexit wird demnach direkte Auswirkungen auf den EU-Haushalt haben, da das Vereinigte Königreichs seine Zahlungen an die Europäische Union nach einem Austritt einstellen wird. Dies würde die EU in Form von Ausgabekürzungen, oder aber durch eine Einnahmenerhöhung spüren, die sich dann auf die übrigen Mitgliedsstaaten verteilen würde. Für Deutschland könnte das bedeuten, ab dem 1. Januar 2021 mehr einzuzahlen.

Die Zukunft der in Großbritannien lebenden EU-Bürger ist vorerst geklärt. Alle, die bis zum Brexit in das Vereinigte Königreich gezogen sind, haben bis zum 30. Juni 2021 Zeit, um das dauerhafte Bleiberecht zu beantragen und dürfen auch weiterhin vor Ort arbeiten.

Personen, die bereits länger als fünf Jahre in Großbritannien leben, erhalten sofort nach dem Antrag das dauerhafte Bleiberecht. Alle anderen erhalten dieses, wenn sie die Fünf-Jahres-Schwelle erreichen.


Für die mehr als 1,2 Millionen in der EU lebenden Briten hätte ein harter Brexit weitreichende Folgen, da die Freizügigkeitsregel der EU wegfallen könnte, wovon das Aufenthalts- und Arbeitsrecht betroffen sind. Auch bei anderen Leistungen wie etwa von Krankenkassen würden Probleme entstehen.

Folgen des Brexits für Deutschland

Ein Brexit ohne Abkommen hätte für Deutschland gravierende Auswirkungen. Dabei geht es besonders um die Exporte. Die so wichtige deutsche Autoindustrie wäre stark davon betroffen und es könnten tausende Jobs wegfallen, da die Briten mit 770.000 Pkws allein im Jahr 2017 die meisten Autos aus deutschen Werken importieren.