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Brauchen wir die Corona-Ampel? Vorstoß von Virologe Streeck stößt auf geteiltes Echo

·Lesedauer: 5 Min.

Im Handelsblatt hatte der Bonner Virologe Hendrik Streeck davor gewarnt, nur auf das Infektionsgeschehen zu schauen. Seine Ampel-Lösung birgt aber auch Risiken, sagen Kritiker.

Statt nur die reinen Infektionszahlen könnte ein Ampel-System auch andere Faktoren berücksichtigen. Foto: dpa
Statt nur die reinen Infektionszahlen könnte ein Ampel-System auch andere Faktoren berücksichtigen (Foto: dpa)

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck stößt mit seinem Vorschlag für eine „Corona-Ampel“ auf ein geteiltes Echo. „Mir ist nicht klar, für wen und auf welcher Basis eine solche Ampel bestimmt wäre“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag (CDU), dem Handelsblatt.

„Was wir vor allem brauchen, ist ein bundesweit einheitlicher, einfacher Rahmen, der einer Auslösung von einschränkenden Maßnahmen vorangeht.“ Nur so werde es in der Bevölkerung Akzeptanz auch für weitere Maßnahmen geben.

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Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Bonner Universitätsklinikum, hatte in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt davor gewarnt, die reinen Infektionszahlen zum Maßstab im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu machen. „4000 Neuinfektionen pro Tag zurzeit bedeuten nicht mehr das Gleiche, was sie im März und April bedeutet haben“, heißt es darin.

Abhilfe könne ein Ampelsystem schaffen, das auf dem Zusammenspiel von Infektionszahlen, Anzahl der Tests, stationärer und intensivmedizinischer Belegung basiert. Es müsse darum gehen, mit den vorhandenen Daten „ein intelligenteres und vorausschauendes System zu entwickeln“, schreibt Streeck.

Das Robert Koch-Institut (RKI) wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorschlag äußern. RKI-Chef Lothar H. Wieler hatte aber am Donnerstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont, dass sein Institut gesetzlich verpflichtet sei, die Zahl der Neuinfektionen zu melden, sich aber keineswegs darauf beschränke.

Das RKI betrachte neben der Infektionsdynamik weitere Faktoren wie die Schwere der Erkrankung bei Infizierten, neue Behandlungsmöglichkeiten, die Zahl der Intensivbetten und -patienten und die Auslastung der Kliniken und der Gesundheitsämter.

Eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigt

Dies alles seien Faktoren, die „wir im Robert Koch-Institut aufgrund unserer jahrzehntelangen Erfahrung alle gemeinsam bewerten und miteinbeziehen“ und die auch täglich publik gemacht würden, erläuterte der RKI-Chef. Der Frage, ob denn nicht zum Beispiel die Auslastung des Gesundheitswesens noch stärker berücksichtigt werden müsse, wich er aus.

Der Virologe warnt davor, bei der Beurteilung des Infektionsgeschehens nur auf die reinen Fallzahlen zu schauen. Foto: dpa
Der Virologe Hendrik Streeck warnt davor, bei der Beurteilung des Infektionsgeschehens nur auf die reinen Fallzahlen zu schauen (Foto: dpa)

Auch im hessischen Gesundheitsministerium betont man, dass man sich keineswegs allein von den Infektionszahlen leiten lasse. Daneben würden auch andere Faktoren berücksichtigt, etwa die Zahl der Behandlungs- und Todesfälle, die Krankheitsverläufe oder die Kapazitäten der Krankenhäuser, sagte Anne Janz, Staatssekretärin von Sozialminister Kai Klose (Grüne), dem Handelsblatt.

„Maßnahmen und Handlungsempfehlungen leiten sich von diesen vielzähligen Faktoren ab und befinden sich in regelhafter Diskussion mit den Fachkolleginnen und -kollegen der anderen Bundesländer sowie mit dem RKI.“

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Virologe Streeck ist aber der Auffassung, dass zu sehr auf das reine Infektionsgeschehen geschaut werde. Derzeit sehe man, dass nur ein geringer Anteil der Infizierten wirklich eine medizinische Versorgung benötige, schrieb er im Handelsblatt. Der prozentuale Anteil werde zwar steigen, aber auch das sei kalkulierbar. „Die reinen Infektionszahlen stellen dies nicht dar und zeigen nicht das an, worauf es ankommt“, heißt es im Gastbeitrag weiter.

„Unser Gesundheitssystem ist zwischenzeitlich besser gewappnet und wir wissen mehr über das Virus und seine Eigenschaften“, sagt dazu die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Sabine Dittmar. Dennoch sei der Sprung auf fast 5.000 Neuinfektionen „äußerst besorgniserregend“. Die AHA-Regeln – Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen – und die Kontaktbeschränkungen seien daher wichtig.

Über ein Ampelsystem werde bei den Virologen und Infektiologen leidenschaftlich diskutiert, sagte Dittmar dem Handelsblatt. „Für mich sind die Neuinfektionen und die regionale Inzidenz wichtige, aussagekräftige Parameter, um entsprechende Maßnahmen ableiten zu können, wenngleich ich mir persönlich differenzierte Angaben über die betroffenen Alterskohorten wünschen würde.“

Ampelsystem könnte zu Leichtsinn führen

Die regionale Inzidenz sagt aus, wie sich das Infektionsgeschehen in einer bestimmten Region entwickelt. Treten also Neuinfektionen beispielsweise gehäuft in einem Altenheim oder unter Schlachthofmitarbeitern auf, oder flächendeckend im gesamten Landkreis?

Das Alter der Betroffenen ist deshalb von Bedeutung, weil die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es mit zunehmendem Alter schwerere Krankheitsverläufe und mehr Todesfälle gibt. Allerdings sollte man ein Ampelsystem auch nicht überschätzen, warnt die SPD-Politikerin.

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So habe etwa Berlin trotz eines Ampelsystems einen sprunghaften Anstieg der Infektionen nicht verhindern können. Die Hauptstadt ist inzwischen als Risikogebiet eingestuft worden, weil mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen registriert wurden. Auch in anderen Metropolen wird ein Anstieg erwartet, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte deshalb am Freitag mit den Oberbürgermeistern der elf größten deutschen Städte über das weitere Vorgehen beraten.

CDU-Gesundheitsexpertin Maag betonte, die Menschen müssten wissen, woran sie seien: „Da ist der Grenzwert der Neuansteckung von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner beispielsweise gut und richtig.“ Selbst diese einfache Formel sei noch nicht Allgemeingut. „Ich warne davor, solche Basics weiter zu verkomplizieren, unabhängig davon, ob ein Modell wissenschaftlich die Lage besser abbildet oder eben nicht“, betonte Maag.

Jeder Blick auf freie Intensivbetten, Testkapazitäten oder Ähnliches könnte dazu führen, „dass sich jeder Einzelne weniger verantwortlich fühlt und entsprechend handelt“, warnte die CDU-Politikerin.