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Börsenrekorde in Corona-Zeit: Paralleluniversum oder neue Realität?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.
Befindet sich 2020 an der Börse auf der Überholspur: Tesla mit seinem Bestseller Model 3 (Foto: Tesla ©)
Befindet sich 2020 an der Börse auf der Überholspur: Tesla mit seinem Bestseller Model 3 (Foto: Tesla ©)

Die Aktienmärkte gönnen sich keine Sommerpause. An der Wall Street klettern die Kurse weiter auf neue Rekordhochs aus der Vor-Corona-Zeit. Ist das die neue Realität, die viele Anleger, die den Einstieg verpasst haben, nicht wahrhaben wollen – oder befinden sich die Weltbörsen inzwischen in einem Paralleluniversum?

Die Märkte laufen weiter als man denkt. Dieses viel zitierte Bonmot, das vermutlich zu jeder ausgeprägten Hoch- und Tiefphase an den Kapitalmärkten bemüht wurde, beschreibt perfekt die aktuelle Gemengelage an der Börse.

Die Corona-Krise hat Wirtschaft und Zeitgeist fest im Griff – allein: Die Börse feiert seit nunmehr fünf Monaten eine ausgelassene Party, die längst an eine Orgie grenzt. „Kursbewegungen wie bei Microsoft, Tesla und Amazon sind komplett verrückt. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen“, twitterte CNBC-Marktkommentator James Cramer Ende Juli.

Nasdaq und S&P 500 auf/nahe neuen Rekordhochs

Der 65-Jährige muss es wissen: Er war Hedgefondsmanager, arbeitete für Goldman Sachs, ist der Gründer der viel gelesenen Finanzwebseite TheStreet.com und als Moderator der CNBC-Sendung „Mad Money“ vor allem die wahrscheinlich meistgesehene Börsen-TV-Persönlichkeit. „Mad“ – verrückt – ist die Zirkulation des Kapitalflusses in Corona-Zeiten schon länger.

Erst brachen die Märkte binnen Wochen so erdrutschartig ein wie noch nie in der Börsengeschichte, dann wollen sie gar nicht aufhören, sich zu erholen – trotz der größten wirtschaftlichen Verwerfungen seit eben der Großen Depression. Nach immer furioseren Kursausschlägen an den US-Börsen, die vor allem von den sogenannten GAFA-Aktien nach starken Quartalszahlen angeführt werden, markierte die Technologiebörse Nasdaq in dieser Woche wieder neue Rekordhochs, während dem markbreiten S&P 500 nur noch wenige Punkte dazu fehlen – ganz so, als habe es die Corona-Pandemie nie gegeben. Individuelle Tech- oder Internetaktien haben unterdessen seit Jahresbeginn mitunter gar dreistellige Kurzzuwächse verbucht.

„Hochstände sind ein Prozess, Tiefstkurse ein Ereignis“

Die Rallye macht selbst die smartesten Köpfe der Finanzbranche ratlos, zumal die Bewertungsniveaus längst auf astronomische Höhen geschossen sind. „Hochstände sind ein Prozess, Tiefstkurse ein Ereignis“, rezitierte Hedgefondsmanager Doug Kass diese Woche ein weiteres Bonmot. Kass will signifikante Anzeichen ausgemacht haben, dass der große Bullenmarkt sich in seinem letzten Stadium befindet – wie etwa „die hohe Selbstzufriedenheit der Bullen“ oder „die Abwesenheit von Skepsis und Zweifeln“.

Die Diesmal-ist-alles-anders-Mentalität macht inzwischen auch nicht mehr vor überlebensgroßen Börsenikonen halt. „Die anhaltende Kritik an Warren Buffett ist lächerlich, albern und besitzt einen historischen Präzedenzfall. Auch in der Spätphase des Dot.com-Booms in der zweiten Hälfte 1999 wurde Buffett universell für sein fehlendes Investment in Technologieaktien kritisiert“, merkt Kass an. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Im März 2000 endete die bislang exzessivste Börsenparty mit einem Crash an den neuen Märken, der sich in einen dreijährigen Bärenmarkt ausweitete.

Bond-Guru Gundlach rechnet weiter mit großem Crash

Ob sich die Geschichte wiederholt, ist vollkommen offen – genug reimt sich nach einem viel verwendeten Aphorismus des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain bekanntlich aber zumindest. Legt man die Fundamentalanalyse von Börsenlegende Buffett zugrunde, sind die Alarmglocken unterdessen kaum zu überhören. Der sogenannte „Buffett-Indikator“, der das Verhältnis zwischen der Bewertung des Aktienmarkts und dem Bruttosozialprodukt misst, deutet mit einem Wert von über 100 Prozent auf eine Blase an der Börse, wie “Die Welt”-Journalist Holger Zschäpitz herausarbeitet.

Den totalen Ausverkauf sagt unterdessen eine der gewichtigsten Stimmen der Anleihemärkte voraus. Bond-Guru Jeff Gundlach bleibt bei seiner Prognose, dass die Märkte bis Jahresende noch einmal ihre Tiefstkurse von Mitte März testen. Nach einem nur allzu freundlichen Sommer könnte Börsianern damit ein heißer Herbst bevorstehen.