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Bitcoin-Hype: Wann platzt die Blase?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Assetklasse des Jahres: Der Bitcoin schießt immer höher (Foto: AP)


Die Begeisterung kennt keine Grenzen: Der Bitcoin ist die Anlageklasse der Stunde – und des Jahres. Um unfassbare 330 Prozent liegt die Kryptowährung seit Januar vorne. Ist der Hype gerechtfertigt?

Bill Fleckenstein hatte eine klare Meinung. „Bitcoin ist die Dot.com-Manie 3.0, nur noch eine Stufe höher. Die Leute sind so vernarrt in ihre Smartphones und Online Commerce. Jetzt haben sie eine virtuelle Währung erschaffen, mit der sie spielen und spekulieren können – und zwar in derselben Form wie vorher. Es ist aber keine Währung, sondern ein Witz.”

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Und weiter: „Jeder, der investiert ist, wird sein Geld verlieren. Der Bitcoin ist ein moderner Kettenbrief. Selbst die schlechteste Währung hat ein steuerliches Stützungssystem einer Regierung dahinter“, erklärte der legendäre Hedgefondsmanager Ende 2013, als sich die Kryptowährung erstmals der Marke von 1000 Dollar näherte.

Bitcoin-Boom: Kurse seit Jahresbeginn mehr als vervierfacht 

Knapp vier Jahre später ist klar: Wer seinerzeit in Bitcoins investiert hatte, hatte zwar in der Folge eine wilde Achterbahnfahrt durchzustehen und zwischendurch Kursverluste von fast 80 Prozent zu verbuchen, doch am Ende zeigte der Chart wieder steil nach oben. Vor allem in diesem Jahr geht der Boom weiter. Keine andere Anlageklasse hat so gut performt wie die viel diskutierte Digitalwährung, an der sich die Geister der Investmentbranche weiter scheiden.

Selbst wer erst Anfang des Jahres in das Cybergeld investierte, hätte seinen Einsatz mehr als vervierfacht: Aus Kursen von 960 Dollar sind inzwischen Notierungen von fast 4500 Dollar geworden – allein in den letzten vier Wochen hat sich der Kurs des Bitcoins mehr als verdoppelt. Die Marktkapitalisierung ist inzwischen auf 75 Milliarden Dollar angeschwollen und damit höher als der Börsenwert von Netflix.

Nordkorea-Krise setzt Kursexplosion frei 

Die Erklärungen für die Kursexplosionen sind so vage wie vielfältig. Zum einen startete der Höhenflug nach der erfolgreichen Aufspaltung (Fork) der Kryptowährung in Bitcoin und die Schwesterwährung Bitcoin Cash, die zuvor kritisch beäugt wurde, zum anderen steigt die Nachfrage in Japan, wo nach dem Volumen die meisten Bitcoins gehandelt werden, immer weiter.

Eine wahre Initialzündung erlebten die Bitcoin-Kurse unterdessen durch geopolitische Turbulenzen: Das verbale Säbelrasseln zwischen Washington und Pjöngjang beflügelte die Notierung des Cybergelds in den letzten Wochen signifikant.

Bitcoin als Ersatzwährung

Damit wird die eigentliche Bedeutung der nicht mal zehn Jahre alten Digitalwährung für die Finanzwelt offenbar: Der Bitcoin wird von Befürwortern als Ersatzwährung zu Gold beziehungsweise als Gegenentwurf zum staatlich legitimierten Papiergeldsystem („Fiat Money“) betrachtet.

In seinem White Paper beschreibt der Hacker Satoshi Nakamoto, der als Erfinder des Digitalgeldes gilt, obwohl seine Identität nie überprüft werden konnte, sein Misstrauen gegenüber dem traditionellen Währungssystem.

„Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte des Fiatgeldes ist voll von Verrat an diesem Vertrauen. Banken muss vertraut werden, dass sie unser Geld aufbewahren und es elektronisch transferieren, doch sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit einem kleinen Bruchteil an Deckung“, übt Nakamoto moderne Kapitalismuskritik.

Keine Sicherheiten und Kontrolle durch Notenbank und Regierungen

Tatsächlich leben Bitcoin-Besitzer in einer Art Paralleluniversum: Der Bitcoin-Transfer verläuft komplett anonymisiert ohne Banken – und ohne staatlichen Einfluss. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Es gibt keine Sicherheiten und Kontrolle durch Notenbank und Regierungen – und schon gar keinen fairen Wert.

Die Idee hinter der Kryptowährung ist so einfach wie universell: Ein elektronisches Zahlungsmittel zu schaffen, das bei Online-Transaktionen zum Einsatz kommt oder gegen andere Währungen getauscht werden kann und Papiergeld am Ende überflüssig machen soll.

Maximal 21 Millionen Bitcoins im Umlauf bis 2140

Seit 2010 sind Bitcoins als Zahlungsmittel (Nutzer müssen dafür auf ihrer Festplatte einen Client installieren, der eine virtuelle Geldbörse und einen geheimen Nutzerschlüssel erzeugt) im Einsatz. Die erste Transaktion hatte der Legende nach einen tatsächlich sehr alltäglichen Hintergrund: Zur Bezahlung von zwei Pizzen wurden 10.000 Bitcoins im Gegenwert von zwanzig Dollar verwendet – heute wären sie astronomische 40 Millionen Dollar wert.

Als maßgeblicher Treiber für den immer weiter steigenden Wert wird oft die Angebotsknappheit genannt – fast die Hälfte aller Bitcoins sollen sich im Besitz von nur 1000 Investoren befinden. Tatsächlich werden aktuell nur rund 16,5 Millionen Bitcoins gehandelt – und das Angebot ist begrenzt. Maximal 21 Millionen Bitcoins (Ticksymbol: BTC)  sollen bis zum Jahr 2140 im Umlauf sein.

100.000 Prozent Plus in fünf Jahren

Entsprechend treibt die Nachfrage die Kurse. Dank immer rasanter steigender Kurse und der größeren medialen Berichterstattung werden immer neue Anleger angelockt, die am Bitcoin-Boom partizipieren wollen, wodurch schließlich die Kurse in den Himmel zu schießen scheinen.

Tatsächlich haussiert die Webwährung, als würde der Finanzwelt morgen das Hartgeld ausgehen: Ende 2011 noch wurde der Bitcoin für 4,50 Dollar gehandelt – heute ist es das Tausendfache. Warum also sollten nicht in ein paar Jahren Summen von 100.000 Dollar für die Digitalwährung bezahlt werden?

Wiederholung der Internet- und Südseeblase?

„Bitcoin könnte auf eine Million Dollar schießen. Oder auf einen Dollar fallen“, sinniert Business Insider-Chefredakteur Henry Blodget über die Unmöglichkeit, einen fairen Wert zu ermitteln. „Die Logik funktioniert, sofern man bereit ist, alles zu verlieren“, erklärt der frühere Merrill Lynch-Analyst mit Verweis auf die großen Spekulationsblasen der Börsengeschichte.

Auch bei der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, der Südseeblase im 18. Jahrhundert und nicht zuletzt der Internetblase Ende des 20. Jahrhunderts kauften Anleger nicht aus fundamentalen Gründen, sondern schlicht, um dabei zu sein. Ob das beim Bitcoin anders ausgeht?

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