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Bessere Versorgung – zur Not mit weniger Kliniken: Lauterbach will nächstes Jahr an Deutschlands Krankenhäuser ran

Schon 1996 gab es Proteste der Mitarbeiter des Hamburger Hafenkrankenhauses. Die Betreibergesellschaft wollte durch die Schließung 35 Millionen Mark einsparen.
Schon 1996 gab es Proteste der Mitarbeiter des Hamburger Hafenkrankenhauses. Die Betreibergesellschaft wollte durch die Schließung 35 Millionen Mark einsparen.

Seit Jahren ist es eines der Hauptprobleme im deutschen Gesundheitswesen: Es gibt bundesweit zu viele Krankenhäuser und zu wenig Geld, diese zu betreiben; hinzu kommt wenig Personal für zu viele Patienten. Die Betriebskosten, zu denen unter anderem die Gehälter der Mitarbeiter zählen, werden von den Krankenkassen bezahlt. Für den Rest sind die Bundesländer zuständig.

Doch unter dem Strich fehlt immer wieder Geld. 1993 zahlten etwa die Länder noch 3,9 Milliarden Euro, 2019 nur noch etwa 3,2 Milliarden Euro – trotz gestiegener Kosten aufseiten der Krankenhäuser. Parallel dazu hat sich der „bestandserhaltende Investitionsbedarf“ der Krankenhäuser laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft auf 6,3 Milliarden Euro im Jahr 2021 erhöht. Die Folge: Weil die Länder zu wenig Geld für neue Operationssäle oder Diagnosegeräte zur Verfügung stellen, versuchen viele Kliniken, die Differenz auf heikle Weise auszugleichen: durch weitere Einsparungen und mehr Zuschüsse der Krankenkassen durch möglichst viele und teure Operationen. Die letzte Krankenhausreform liegt bereits 20 Jahre zurück.

Kämpfe um kleine Krankenhäuser

Experten aus allen Bereichen des deutschen Gesundheitssystems sind sich darum einig: Eigentlich müsste die Zahl der Krankenhäuser reduziert werden. Doch bislang traut sich die Politik kaum an das Thema. Denn die Schließung kommunaler Krankenhäuser bedeutet den Verlust von Arbeitsplätzen, leidenschaftliche Proteste und hinterher längere Anfahrtswege zur Behandlung. Als „irrationale Liebe der Bürger, der Politik und der Medien zu ihrem wohnortnahen Krankenhaus“, hat das Christoph Straub, Chef der zweitgrößten deutschen Krankenkasse Barmer, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einmal bezeichnet.

Doch nun will die Bundesregierung einen neuen Anlauf wagen – und hat Anfang Mai eine Expertenkommission gegründet, die Vorschläge machen soll, wie das deutsche Krankenhaussystem besser funktionieren kann. Die Reformen sollen laut Bundesgesundheitsministerium dazu dienen, Krankenhäuser stärker nach Versorgungsstufen zu ordnen. Laut dem Statistischen Bundesamt gibt es aktuell 1903 Kliniken in Deutschland, davon sind etwa 723 Häuser in privater Hand. Sie alle sollen geordnet werden in die Kategorien Primär-, Grund-, Regel- und Maximalversorgung sowie die Universitätskliniken.

Wer sitzt in der Kommission?

Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Kommission ist mit 15 Expertinnen und Experten aus der Versorgung (Pflege und Medizin), der Ökonomie, der Rechtswissenschaften und einem an das Gesundheitsministerium angebundenen Koordinator besetzt. Interessant: nur vier Kommissionsmitglieder sind oder waren praktizierende Ärzte, die auch Erfahrungen in einer Klinik sammeln konnten. Die Krankenhäuser und Krankenkassen sollen der Kommission nicht angehören, aber bei deren Arbeit angehört werden, sagte Lauterbach bei der Einberufung der Kommission. Dennoch sollen die Empfehlungen der Gruppe die Grundlage für Krankenhausreformen ab dem Jahr 2023 bilden. Das heißt zum einen: die Krankenhäuser in Deutschland haben noch mindestens ein Jahr Schonfrist, denn bis das Gremium des Gesundheitsministeriums seine Arbeit vorlegt, wird keine Klinik geschlossen.

Lauterbach hatte zuvor angekündigt, dass es keine pauschalen Klinikschließungen geben soll. Allerdings ließ sein Ministerium die Frage, ob eine Reduzierung der Krankenhäuser und Kliniken in Deutschland geplant sei, unbeantwortet und nannte auch keine Zahlen. Aus dem Arbeitsauftrag der Kommission („bedarfsgerechte Krankenhausstruktur ermitteln“) geht jedoch zwischen den Zeilen hervor, dass eine stärkere Zentralisierung nötig sein wird.

Wie viele Krankenhäuser letztendlich auf der Streichliste enden, ist also noch unklar. Denn das System, wie Krankenhäuser bundesweit verteilt werden, ist wie bei Arztpraxen hochkomplex. Sâra Aytaç war als Honorarärztin – das sind Fachärzte, die in Kliniken je nach Lage einspringen – in verschiedensten Krankenhäusern tätig. Die Unfallchirurgin kam durch ihre Erfahrungen und Eindrücke in Notaufnahmen im ganzen Land zu dem Schluss, dass es zu viele Krankenhäuser und Krankenhausbetten in Deutschland gibt.

Sie plädiert dafür, kleine Krankenhäuser schließen: „Wären es weniger, könnte man das knappe Personal besser einsetzen.“ Doch bei Krankenhausschließungen denkt jeder sofort an unterversorgte, ländliche Regionen. Deshalb ist allein die Idee der Zentralisierung von medizinischer Versorgung oft nicht populär. "Das löst in der lokalen Bevölkerung und in der Kommunalpolitik einen heftigen Aufschrei aus", berichtet der ärztliche Direktor vom Klinikum Idar-Oberstein Ulrich Frey dem „Südwestdeutschen Rundfunk“ (SWR).

Besserer Rettungsdienst, ambulante Zentren

Die Zukunft des deutschen Krankenhaussystems könnte wie folgt aussehen: Laut einem Sprecher des Gesundheitsministeriums hat die neue Kommission die Aufgabe, eine bedarfsgerechte Krankenhausstruktur zu entwickeln. Sie soll sich bei der Planung an guter Erreichbarkeit der Kliniken und einem steigenden Anteil älterer Menschen orientieren. Barmer-Chef Straub sagte der FAZ, dass dort, wo Krankenhäuser geschlossen werden, dafür die hochwertige, interdisziplinäre ambulante Versorgung wachsen muss. „Notwendig für eine gute Krankenhausversorgung ist Zentralisierung und Spezialisierung, weil mehr Erfahrung auch bessere Ergebnisse hervorbringt“, sagt der Krankenkassenvertreter.

Doch wer soll in diesen ambulanten Zentren arbeiten? Der klassische Landarzt? Fast ausgestorben. Stattdessen werden an vielen Orten sogenannte medizinische Versorgungszentren (MVZ) gegründet und Praxen zusammengelegt. Diese werden häufig betrieben von großen Klinikbetreibern. Geht jemand zum Röntgen des Knies dorthin, wird er im Zweifelsfall in die nächste Klinik verwiesen. Die Unfallchirurgin Sâra Aytaç sieht dennoch einen möglichen Weg darin, Kliniken in Kleinstädten in ambulante Therapiezentren umzubauen. Für weite Wege zur großen Klinik könne der Rettungsdienst mit zusätzlichen Hubschraubern ausgestattet werden und generell das Rettungssystem ausgebaut werden, wie die Oberärztin im Gespräch mit dem SWR vorschlägt.

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