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Berlin setzt Trend für Solarmodule am Balkon

(Bloomberg) -- Das Berliner Kondom-Startup Einhorn hat sich mit seinen veganen, fair gehandelten Latex-Produkten das Ziel gesetzt, die Umwelt zu schützen. Jetzt bringt es diese Mission vom Bett zum Balkon.

Weitere Artikel von Bloomberg auf Deutsch:

In einem Fundraising-Video wirbt der spärlich bekleidete Mitbegründer Waldemar Zeiler nun für Solarpaneele, die ohne großen Aufwand am Balkongeländer montiert werden können. Mit dem Spinoff Zweihorn Energy will er genug Module verkaufen, um ein Kohlekraftwerk zu ersetzen.

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Bei einem geplanten Verkaufspreis von 550 Euro pro Stück und 300 Watt Nennleistung könnte das schwierig werden.

Dank billiger chinesischer Module, die nach einem US-Importstopp den europäischen Markt überschwemmen, sind die Kosten für einzelne Solarmodule auf durchschnittlich 300 Euro gesunken. In Deutschland sind erschwingliche Balkonkraftwerke jetzt ein Trend. Laut Bundesnetzagentur wurden seit 2023 mehr als 360.000 davon registriert, wobei Berlin ein Hotspot ist.

Das sind gute Nachrichten für ein Land, das weiterhin mit dem Wegfall billigen Gases nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zu kämpfen hat. Deutschland hat im letzten Jahr 14 Gigawatt an Solarkapazität zugebaut, mehr als jedes andere Land in der Europäischen Union.

Die Balkonkraftwerke machen nur 150 Megawatt oder 1% der zugebauten Kapazität aus, aber sie signalisieren auch eine wichtige Veränderung. Sonnenstrom, der früher jenen vorbehalten war, die ein Dach oder Freiflächen besaßen, ist jetzt für viel mehr städtische Stromverbraucher zugänglich.

“Zum ersten Mal beschäftigen sich nicht nur die Menschen auf dem Land mit dem Thema, sondern auch die Städter”, sagt Christoph Kost, Leiter des Bereichs Energiesysteme am Fraunhofer ISE in Freiburg. “Der Trend ist in Deutschland besonders stark, da die Strompreise hier vergleichsweise höher sind.”

Es waren weniger die Energiepreise als das Klimabewusstsein und die Neugier, die Stefan Martin, einen 53-jährigen Familienvater und Wohnungsbesitzer in Berlin, zum PV-Pionier machten. In seinem mehrstöckigen Wohnhaus leben fast 100 Eigentümer, und es wäre “unendlich kompliziert” gewesen, sie alle davon zu überzeugen, eine Solaranlage auf dem Dach zu installieren.

Das ist einer der Gründe, warum sich der Ausbau von Dachanlagen bislang so verzögert. Deutschland muss seine Solarleistung fast verdreifachen, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen. Um den Prozess zu beschleunigen, haben Bundestag und Bundesrat letzte Woche das Solarpaket verabschiedet, das auch auf solche Mini-Module abzielt. Balkonanlagen dürfen nun bis zu 800 Watt Leistung haben und müssen nicht mehr beim Netzbetreiber angemeldet werden. Vermietern wird es erschwert, Einwände gegen die Anlagen zu erheben.

Nachdem er gesehen hatte, dass ein Nachbar eine Balkonanlage installiert hatte, ließ Martin auch drei Module mit insgesamt 500 Watt vom Start-up PluginEnergy installieren. “Ich musste mit meiner Frau verhandeln, da wir einige Blumenkästen entfernen mussten”, sagt Martin. “Wir haben die Kabel hinter einer Bambusmatte versteckt, und jetzt sieht es ganz ordentlich aus.”

Martin hat seine Solarmodule im April 2023 für 820 Euro bestellt und damit den Preisverfall in der Branche verpasst. Dennoch rechnet er damit, dass die Anlage etwa 10% des Stromverbrauchs deckt, einschließlich des Kühlschranks, der Standby-Geräte und der beiden Computer, die er und seine Frau im Home Office nutzen. “Wir haben im ersten Jahr etwa 115 Euro auf unserer Stromrechnung gespart”, sagt Martin, “das bedeutet, dass sich die Paneele in sieben bis acht Jahren amortisiert haben werden.”

Berlin hat einen Zuschuss von bis zu 500 Euro für ein einzelnes Plug-and-Go-Panel gewährt, um den Trend zu beschleunigen. Fast 10.000 Menschen haben sich für die Förderung beworben und zwei Drittel von ihnen haben eine Zusage erhalten, so die Behörde, die das Programm betreut.

“Das Programm erfreut sich bei allen Zielgruppen reger Nachfrage”, sagte ein Sprecher der Senatsverwaltung.

Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis die Nachfrage das überbordende Angebot einholt. Die USA haben 2022 die Einfuhr chinesischer Solarmodule mit der Begründung verboten, dass einige von ihnen von Uiguren in Zwangsarbeit hergestellt worden sein könnten. Trotz des Online-Hypes um Balkon-Anlagen gibt es in Europa immer noch mehr Paneele, als nachgefragt werden.

Discounter und Baumärkte haben begonnen, sie ins Sortiment aufzunehmen, und sogar die Energieversorger ziehen nach. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall hat im letzten Jahr 450 Balkonkraftwerke verkauft, und die Gasag, der Berliner Erdgasversorger, sieht “viel Potenzial” in seinem neuen Geschäft mit dem Verkauf von Solarmodulen.

Chinas nahezu vollständige Dominanz der Lieferkette hat Anbietern wie Einhorn zu schaffen gemacht. Mitbegründer Zeiler musste sein Ziel, 2,5 Millionen Euro per Crowdfunding einzusammeln, zurückschrauben und strebt nun nur noch ein Zehntel dieser Summe an.

Diese Woche gab der Dresdner Photovoltaikhersteller Solarwatt bekannt, dass er den Betrieb an seinem Heimatstandort Ende August bis auf Weiteres einstellen wird. Und letzten Monat schloss der Schweizer Modulhersteller Meyer Burger Technology seine nahe gelegene Modulproduktionsfabrik mit rund 500 Mitarbeitern.

Seit August haben laut SolarPower Europe 12 europäische Photovoltaikhersteller Insolvenz oder Restrukturierung beantragt, Personal entlassen oder die Produktion angesichts der Flut billiger chinesischer Module eingestellt oder verlagert.

Die jüngsten gesetzlichen Änderungen werden daran möglicherweise nichts ändern. Trotz der Zusage, die heimischen Produzenten zu unterstützen, wurden Subventionen ausgeschlossen, weshalb der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) weitere Änderungen gefordert hat.

Außerdem erlaubt das Gesetz, dass alte Zähler rückwärts laufen dürfen, wenn überschüssiger Solarstrom ins Netz eingespeist wird, so Markus Meyer, Politikchef beim Berliner Solarinstallateur Enpal. Diese Besonderheit könnte “die Energiewende tatsächlich verzögern.”

Es gibt auch ein praktisches Problem: Laut Fraunhofer ISE entscheiden sich fast keine Solarkäufer für Batteriespeicher, da diese oft teurer sind als die Module. Das bedeutet, dass die Balkonkraftwerke in Zeiten der höchsten Sonneneinstrahlung — wenn der Energiepreis billig oder negativ ist — auf Hochtouren laufen, während die Betreiber nach Sonnenuntergang, wenn die Preise steigen, das Stromnetz anzapfen müssen.

Trotz dieser Herausforderungen sieht die BEE-Vorsitzende Simone Peter (Grüne) ein enormes Potenzial in dem aktuellen Trend: “Die Regelungen zu Balkonsolaranlagen sind echte Mitmach-Booster. Sie unterstreichen erneut, was die Energiewende von Anfang an war: ein Projekt für alle.”

Überschrift des Artikels im Original:Berlin Pioneers Solar Market for Urban Renters, Not Just Owners

©2024 Bloomberg L.P.