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„Wir befinden uns in der Mitte einer Umwälzung – da müssen wir durch“

·Lesedauer: 3 Min.

Wie steht es wirklich um die deutsch-amerikanischen Beziehungen? Der ehemalige US-Botschafter John Kornblum über den Schatten der Ära Donald Trump und einen Umbruch mit weitreichenden Folgen.

John Kornblum war von 1997 bis 2001 US-Botschafter in Deutschland. Im Anschluss wechselte er als Chairman zur Investmentbank Lazard Freres in Deutschland. Später folgten Aufsichtsratsmandate bei Bayer und Thyssenkrupp.

WirtschaftsWoche: Herr Kornblum, wie steht es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen?
John Kornblum: Ich sehe ein Auf und Ab, das sehr viel mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen zu tun hat. Aber das Fundament der atlantischen Welt steht – und das nicht erst seit 50 oder 70, sondern seit 400 Jahren. Ich höre auch auf Podien und Symposien immer wieder Überlegungen, wie die Beziehungen wieder gekittet werden können. Aber meine These ist: Es ist alles in Ordnung! Das, was gerade passiert, ist das, womit man eben umgehen muss, wenn man in neue Zeiten kommt, in denen alte Weisheiten nicht mehr funktionieren.

Hat die Trump-Präsidentschaft diesen Prozess beschleunigt?
Trump ist für uns natürlich eine Katastrophe. Aber die Wurzeln der gesellschaftlichen Neuorientierung, durch die wir gerade gehen, gehen tiefer. Wir befinden uns in der Mitte einer Umwälzung – und da müssen wir jetzt durch. Ich will das nicht beschönigen, aber wir durchleben derzeit auch keine existenzielle Bedrohung. Die atlantische Welt wird bestehen und ein Fundament der Weltordnung bleiben.

Ist das Interesse der USA an Deutschland denn noch so groß wie früher einmal?
Nein, natürlich nicht. Und das haben die Europäer ein Stück weit verpasst. Seit dem 4. Oktober 1990 ist Deutschland nicht mehr der strategische Mittelpunkt der Welt. Das haben die Deutschen erst später gemerkt. Dabei haben wir ihnen früh signalisiert, dass die Amerikaner mit dem Ende des Kalten Kriegs mehr nach innen schauen werden. Und genau das ist passiert. Trotzdem kommt Deutschland eine Sonderrolle zu. Denn Merkel ist die einzige Politikerin, die für Europa sprechen kann.

Was können die Europäer tun, um das Gemeinschaftsgefühl wiederaufzubauen?
Das Interesse ist ja immer noch da. Europa ist der größte Markt, der größte Warenumschlagplatz und auch für die Internetkonzerne von enormer Wichtigkeit. Aber das Gefühl, dass wir gemeinsame Werte vertreten, ist schwächer geworden. Da muss Europa wieder mehr investieren.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass es zwischen Deutschen und Amerikanern knirscht. Es ist noch keine 20 Jahre her, dass Donald Rumsfeld Deutschland zum „Old Europe“ erklärt hat…
In der Clinton-Administration haben wir nach dem Ende des Kalten Kriegs viel in die Stärkung Europas investiert. Das fand eine Gruppe in den frühen Bush-Jahren grundfalsch und bis heute weiß ich nicht warum. Aber das waren keine Anti-Europäer. Rumsfeld hat fast jedes Jahr das Dorf bei Bremen besucht, aus dem seine Familie kam. Da gab es keine Ablehnung Deutschlands oder Europas gegenüber. Sie wollten lediglich, dass die Europäer die Welt genauso sehen, wie sie selbst.

Wird von den Verletzungen der Trump-Jahre mit Zolldrohungen und Ähnlichem etwas zurückbleiben?
Das interessiert mich überhaupt nicht. Das sind kurzfristige Probleme. Helmut Schmidt und Jimmy Carter haben auch jahrelang so gut wie nicht miteinander gesprochen. Solche Phasen gibt es, aber das kommt und geht. Die großen Linien weisen in eine andere Richtung.

Welche Rolle wird Deutschland also in Zukunft für die USA spielen?
Da stehen wir vor großen Veränderungen. Die Digitalisierung wird die Kriterien auch zwischenstaatlicher Beziehungen umwälzen. Die Welt wird in Netzwerke aufgeteilt werden und Deutschland wird der natürliche Hub nicht nur für Europa, sondern für Eurasien sein. Das Land wird der Dolmetscher für Amerika in Eurasien werden. Die Briten, der traditionelle Partner der USA in Europa, haben durch den Brexit an Einfluss verloren und nicht mehr die wirtschaftliche Kraft, um diese Rolle auszufüllen. Wir lieben die Queen und werden immer ein warmes Gefühl zu England haben, aber ein pragmatisches Gefühl haben wir zu Deutschland.

Mehr zum Thema: Handelsdefizit, Verteidigungsausgaben, Nord Stream 2: Warum sich das Verhältnis der USA zu Deutschland nicht entspannen wird – egal, wer im Weißen Haus regiert.