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Baywa-Chef Lutz: „Die Politiker reden mit uns wie mit Kleinkindern“

Hofer, Joachim
·Lesedauer: 5 Min.

Der Manager rechnet mit dem Krisenmanagement des Staats ab und nimmt derweil die Hilfe für in Not geratene Kleinbetriebe selbst in die Hand.

Vor dem Coronavirus hat Klaus Josef Lutz höchsten Respekt. Vor dem Krisenmanagement der deutschen Politik hat er den allerdings verloren. „Regelmäßig dürfen wir Wirtschaftsvertreter uns von Politikern anhören, was wir in der Corona-Pandemie zu tun und zu lassen haben“, ärgert sich der Vorstandsvorsitzende der Baywa. „Diese oft realitätsfernen Belehrungen sind für mich nicht mehr akzeptabel.“

Der Chef des größten deutschen Agrarhändlers sieht sich in jeder Hinsicht von politischen Entscheidern gegängelt. „Der Ton macht die Musik. Manchmal habe ich das Gefühl, als würden die Politiker mit uns wie mit Kleinkindern reden“, ereifert sich der Konzernlenker.

Beispiel Homeoffice: Seit fast einem Jahr arbeite der allergrößte Teil der Belegschaft der Münchener Baywa-Zentrale von zu Hause aus. So wie die Baywa hätten die meisten Firmen schnell auf die Pandemie reagiert, meint Lutz. Daher sei es völlig abwegig, die Betriebe jetzt mit einer Verordnung an die Leine zu legen.

Überdies halte sich der öffentliche Dienst selbst nicht an die Regeln, die für die Wirtschaft gelten, beklagt Lutz: „In den Amtsstuben sitzen die Beamten, und uns will der Staat gleichzeitig vorschreiben, dass unsere Leute ins Homeoffice müssen.“

Der Jurist sitzt mit der Baywa einem der international führenden Händler für landwirtschaftliche Rohstoffe vor. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 22.000 Mitarbeiter. In Süddeutschland und Österreich ist die Baywa praktisch flächendeckend in jedem Weiler vertreten, international wiederum ist sie selbst in Neuseeland aktiv. Die Baywa ist zwar börsennotiert, die Mehrheit aber halten Genossenschaftsbanken.

Daher ist auch das gesamte Unternehmen dem genossenschaftlichen Gedankengut verpflichtet. Der gebürtige Münchener führt die Baywa seit 13 Jahren. Bevor der gelernte Anwalt als Vorstandsvorsitzender im Arabellapark anheuerte, leitete er den Süddeutschen Verlag, Herausgeber der „Süddeutschen Zeitung“.

Lutz ist nicht der einzige Unternehmer, der momentan scharfe Kritik an der Krisenbewältigung in Deutschland äußert. Vor allem die vom Lockdown besonders betroffenen Händler sind empört. „Es scheint für die Politik am einfachsten zu sein, den Handel und die Gastronomie herunterzufahren. Mit dieser pauschalen Maßnahme wird aber eine ganze Branche zum Schafott geführt“, sagte Patrick Zahn, Chef der Modekette Kik, dem Handelsblatt. „Wenn ein Lockdown für nötig gehalten wird, sollte er bitte richtig hart und kurz sein - und nicht diese Salamitaktik über Wochen.“

Fahrplan zur Öffnung der Wirtschaft

An diesem Mittwoch trifft sich Kanzlerin Angela Merkel erneut mit den 16 Ministerpräsidenten, um über die weiteren Corona-Maßnahmen zu beraten. Die Wirtschaftsverbände dringen auf Öffnungen. „Die deutsche Industrie benötigt einen verlässlichen Fahrplan mit einheitlich anwendbaren Kriterien für eine sichere und faire Öffnung der Wirtschaft, wo immer dies epidemiologisch verantwortbar ist“, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

„Anstelle weiterer Kurzfristmaßnahmen und Kleinstaaterei in der Pandemiebekämpfung sollten Bund und Länder jetzt klare Perspektiven aufzeigen.“ Die schrittweise Öffnung müsse regional differenziert, aber entlang eines bundesweit einheitlichen und evidenzbasierten gesundheitspolitischen Rahmens erfolgen.

Baywa-Chef Lutz fürchtet, dass die Politik Gefallen findet an den harschen Eingriffen: „Ich habe die Sorge, dass wir auf dem Weg in die Staatswirtschaft sind“, so der Manager. Der Firmenlenker ist gut vernetzt, seit fünf Jahren amtiert er als Vizepräsident der IHK München und Oberbayern. Er weiß, wie die Wirtschaft tickt.

Und er bekommt daher schnell mit, wenn etwas nicht klappt. So wie mit den Hilfen für die von der Pandemie gebeutelten Selbstständigen. Viele kleine Betriebe hätten unverschuldet ihre Existenzgrundlage verloren, würden aber immer noch auf das von Finanzminister Olaf Scholz vollmundig zugesagte Geld warten. Dass etwas gründlich schief läuft mit den Hilfen, hat inzwischen auch mancher Politiker erkannt. „Bazooka angekündigt – nichts gekommen“, urteilt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. In den nächsten Tagen müsse das Geld endlich fließen, „sonst vernichten wir Existenzen“.

Lutz hilft derweil selbst. Der Baywa-Chef kauft Büromaterialien für seine Standorte inzwischen bei lokalen Schreibwarenhändlern ein, um die Geschäfte zu stützen. Restaurants liefern Mittagessen in die Büros, der Caterer in der Kantine in München kocht stattdessen für Obdachlose. „Natürlich können wir nicht die Welt retten. Aber wir können einen kleinen Beitrag leisten für Unternehmen, die leiden“, erläutert Lutz sein Vorhaben.

In diesen Tagen startet eine Social-Media-Kampagne, mit der Lutz um Nachahmer wirbt. „Es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Ich appelliere an andere große Unternehmen, sich dem anzuschließen.“

Baywa kommt gut durch die Krise

Die Baywa selbst ist bislang ordentlich durch die Krise gekommen. Sie könne sich diese Art der Hilfe für kleinere Firmen leisten, betont Lutz. Der Umsatz in den ersten neun Monaten 2020 ist zwar leicht um zwei Prozent auf 12,2 Milliarden Euro gesunken. Dafür ist der Gewinn vor Zinsen und Steuern um ein Drittel auf 103 Millionen Euro in die Höhe geschossen.

Im Dezember gelang Lutz noch ein wesentlicher Abschluss: Der schweizerische Investor Energy Infrastructure Partners bezahlt 530 Millionen Euro für eine Beteiligung von 49 Prozent an der Baywa r.e. In der Tochter haben die Münchener ihr Geschäft mit regenerativen Energien gebündelt.

Ökonomen fürchten inzwischen, dass der erwartete Aufschwung in den nächsten Monaten ausfällt. Er halte es durchaus für möglich, dass die europäische und deutsche Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfe, wenn eine dritte Welle kommen sollte und die Impfstoffe nicht schnell genug ausgerollt würden, sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher.

Umso wichtiger sei es jetzt, dass Politik und Wirtschaft endlich aufeinander zugingen, findet Lutz: „Auf Sicht müssen wir uns zusammensetzen und beraten, wie wir aus dem Schlamassel herauskommen.“ Eine Diskussion über Steuererhöhungen und Vermögensabgaben sei völlig daneben: „Stattdessen sollte der Staat die Voraussetzungen schaffen, dass die Unternehmen Gas geben können.“ Und zwar ungeachtet der Corona-Pandemie. Denn mit dem Virus, so ist Lutz überzeugt, werde die Welt noch lange leben müssen.