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Wie Bauerfeind den Aufschwung in die thüringische Provinz bringt

·Lesedauer: 7 Min.

Aus Überzeugung hat der Unternehmer seine Medizinproduktefirma zurück in die thüringische Heimat verlegt. Dabei musste er manche Widerstände überwinden.

Es ist ein sonniger Tag im Frühherbst. Das Vogtland um Zeulenroda zeigt sich in satten Farben, die Pflaumen sind vollreif, die Wiesen grün und weit. Und auch der Bauerfeind-Tower blinkt in der Sonne. Mit zwölf Stockwerken und 53 Metern ist es der höchste Hochhaus-Neubau Thüringens seit der Wiedervereinigung.

Von oben gibt er einen herrlichen Blick über die Landschaft frei, aber auch auf die Werkshallen, die man als Besucher in Corona-Zeiten nicht betreten darf und deren Dächer ähnlich wie viele Autobahnbrücken über Verstrebungen getragen werden, damit die Produktion von medizinischen Kompressionsstrümpfen, Bandagen, Orthesen und orthopädischen Einlagen möglichst flexibel funktionieren kann. Überall ist sichtbar: Hier ist ein Unternehmen gekommen, um zu bleiben.

Die Bauerfeind-Zentrale könnte auch in Darmstadt stehen oder Kempen, wo das Unternehmen einst im Westen beheimatet war. Sie steht aber in Zeulenroda-Triebes, einem kleinen Städtchen mit heute 16.000 Einwohnern, das aber eben auch mehr als eine Stunde von Erfurt entfernt liegt. Auch Gera als drittgrößte ostthüringische Stadt ist noch rund eine Dreiviertelstunde entfernt.

In Zeulenroda ist Hans B. Bauerfeind etwas gelungen, was man sonst eher aus Ostwestfalen oder Baden-Württemberg und Bayern kennt, wo mittelständische Familienunternehmen die jeweils größten Arbeitgeber sind. Im Landkreis Greiz, zu dem Zeulenroda gehört, ist es Bauerfeind mit rund 300 Millionen Euro Umsatz und 1100 Mitarbeitern am Ort, 1300 in Deutschland und 2100 weltweit.

Ein Indiz für die Bedeutung von Bauerfeind könnte die Entwicklung der Gewerbesteuer sein, die sich seit 1995 verachtfacht hat, in ganz Thüringen hat sich das Aufkommen dagegen nur verfünffacht.
1929 wurde das Unternehmen in Zeulenroda gegründet. 20 Jahre später ging die Familie mit Sohn Hans und Firma in den Westen. 1962 nach internationaler Ausbildung zum Textilingenieur stieg Hans Bauerfeind in das Unternehmen ein.

Er schuf Ideen, sammelte Patente und hatte einen klaren Wachstumskurs im Blick. Er expandierte, kaufte zu, internationalisierte. Weltweit ist Bauerfeind in mehr als 20 Ländern aktiv und mit dem Basketballstar Dirk Nowitzki als Markenbotschafter auch in den USA gut bekannt.

Dass es hier in Thüringen die blühenden Landschaften gibt, von denen Helmut Kohl einst vor 30 Jahren sprach, das liegt vor allem an der großen Heimatliebe von Hans Bauerfeind. Er war in diesem Ort – Zeulenroda – vor fast genau 80 Jahren geboren und getauft worden. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er hier.

Start in Thüringen war kein Selbstläufer

Auch wenn der Unternehmer schon früh durch die Welt reiste, die Sehnsucht nach der Heimat, sie blieb. Und als die Mauer gefallen war, ist Hans Bauerfeind, damals 50 Jahre alt, ziemlich schnell nach Zeulenroda gefahren. Er wollte wissen, was noch da ist, wo man anknüpfen kann, er wollte mitmachen beim Aufbau Ost. Das Engagement in der alten Heimat sei eher eine emotionale, denn eine wirtschaftliche Entscheidung gewesen, urteilen auch die Autoren der Studie „Industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland“ des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin und des Instituts für Geschichte der Technischen Universität Dresden.

Im Oktober 1990 traf sich Bauerfeind mit dem damaligen Geschäftsführer der Kompressionsstrumpffirma Anton zum ersten Mal. Die Firma war in den 1920er-Jahren ein eigenständiges Unternehmen in Zeulenroda neben anderen wie etwa Bauerfeind. Nach dem Krieg wurde die Firma Anton enteignet und zum volkseigenen Betrieb namens „VEB Strickbandagen“.

Nach der Wende hat die Familie Anton den Betrieb reprivatisiert und weitergeführt unter der Geschäftsleitung des Enkels der Firmengründer. Bauerfeind versorgte das Unternehmen zunächst mit Aufträgen und kaufte es schließlich. Die Mitarbeiter wurden alle übernommen, der Geschäftsführer blieb bis zu seinem Ruhestand in leitender Funktion im Unternehmen.

Das klingt alles sehr nach Harmonie und Drehbuch, doch der Start in Thüringen war für Bauerfeind kein Selbstläufer. Die Mitarbeiter dort hatten schlechte Erfahrungen gemacht mit Menschen aus dem Westen, die ihnen schrottreife Autos und allerlei Zeugs verkaufen wollten. Kurzum, sie waren misstrauisch, auch Bauerfeind gegenüber. Aber nach rund einem Jahr hatte sich das gegeben, erinnert sich der heute 80-Jährige.

Was sich dagegen länger als das Misstrauen hielt, war, dass in Zeulenroda alles seinen „sozialistischen Gang“ ging, sagt Bauerfeind. Ein Teil der Mitarbeiter hätte sich gesagt: „Der kann hier reden.“ „Sie hatten erwartet, dass ich mich anpasse, dem war aber nicht so, auch wenn ich ein gewisses Verständnis für die Menschen hier habe.“ Die sozialistische Einstellung sei lange erhalten geblieben.

Zugleich gab es aber auch eine Belegschaft im Westen, in Kempen. Als der Firmenchef damals 1991 erstmals seine Pläne vorgestellt hat, wieder in Zeulenroda zu produzieren, sagten die Mitarbeiter im Westen: „Lasst den mal machen“, erinnert sich Bauerfeind, der zu Beginn dieses Jahres die Geschäftsführung an den familienfremden Vorstandsvorsitzenden Rainer Berthan übergeben hat. „Und dann habe ich gemacht.“

Martina Schweinsburg, Landrätin der Region Greiz hat ihn in den vergangenen 30 Jahren als „zupackend, geradlinig und bodenständig“, kennen gelernt. „Hans B. Bauerfeind ist ein streitbarer Wegbegleiter, der kein Blatt vor den Mund nimmt, aber dem es immer um die Sache geht.“

Und sechs Jahre später steht die Firmenzentrale in Zeulenroda, die Produktion dort wird ausgebaut, auch Forschung und Entwicklung finden immer mehr in Thüringen statt. Für die Produktion im Westen hat das natürlich Konsequenzen. Als 2008 das Unternehmen in Kempen geschlossen wird, interessierten sich nur wenige Mitarbeiter dafür, mit nach Thüringen zu gehen, zwei arbeiten heute noch in Zeulenroda.

Doch mit der Verlegung des Firmensitzes nach Zeulenroda ist die Geschichte von Bauerfeind und seiner Heimatliebe noch nicht beendet. „In der ersten Zeit musste ich ja irgendwo übernachten“, erklärt der Unternehmer, der für sein Engagement auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und da stand das FDGB-Ferienheim mit 400 Zimmern mit 1000 Betten in bester Lage an der Talsperre. Dann wurde das Heim geschlossen, es verfiel. 1999 kaufte Bauerfeind es, und diesmal hatte er alle gegen sich, Berater und Banken rieten dringend von dem Investment ab. Sechs Jahre später wurde es zum Bio-Seehotel.

Förderer von Kunst und Kultur

Ganz so glatt ging es auch dabei nicht, Unternehmer wie Bauerfeind aber sehen das eher als Ansporn. Die ursprüngliche Idee, es als Konferenzhotel zu etablieren trug nicht, resümiert der Unternehmer. Es liegt zu sehr fernab der großen Städte. „Ich wollte dieser Bio-Idee zum Durchbruch verhelfen, aber auch Geld damit verdienen.“ Das gelänge seit 2012, seitdem ist die Talsperre zum Baden freigegeben und das Hotel mit der großen Spa-Anlage zieht inzwischen auch Touristen von weiter her an, zumal in diesem Corona-Jahr, in dem viele Deutsche hierzulande urlauben.

Landrätin Schweinsburg sieht Bauerfeinds Verdienst als herausragend an. Nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Förderer von Kunst, Kultur oder als Bewahrer historischer Bausubstanz. Tatsächlich hat er auch die Sanierung der Dreieinigkeitskirche in seinem Heimatort sehr großzügig unterstützt. Sein Antlitz ist dort in einem Fresko verewigt. Seinen Lokalpatriotismus habe er nicht nur mit dem Kauf des heutigen Bio-Seehotels bewiesen, sagt die Landrätin, sondern vor allem damit, „dass er die ganze Zentrale des Bauerfeind-Konzerns zurück an dessen Wurzeln – eben nach Zeulenroda – verlegte“.

In der alten Heimat arbeiten auch zwei seiner drei Kinder. Sohn Thomas leitet den Gesundschuhproduzenten Berkemann, nachdem zwei Versuche an der Spitze des Unternehmens neben seinem Vater zu wirken gescheitert waren. Die jüngste Tochter Beatrix Bauerfeind-Johnson sitzt seit 2015 im Aufsichtsrat der Bauerfeind AG. Schwester Bettina, eine promovierte Kunsthistorikerin, lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Frankreich.

Damit das Unternehmen ein Familienunternehmen bleibt, gehören die Bauerfeind AG sowie große Teile von Berkemann seit 2014 zur „Prof. Hans Bauerfeind Familienstiftung“. Es ist geregelt, dass immer mindestens ein Familienmitglied in der Stiftung tätig ist. Derzeit ist Hans Bauerfeind Vorstandsvorsitzender.

Wenn er zurückblickt, dann denkt er manchmal auch mit Blick auf die Start-ups, er habe nicht groß genug gedacht: „Die Bodenständigkeit hat auch Nachteile“, sagt er nachdenklich. Alles in allem spricht er nicht von Stolz auf das Erreichte, „aber Zufriedenheit, das ist es“.

In den neuen Bundesländern sind inzwischen 92 Prozent aller Firmen Familienunternehmen. Das Handelsblatt präsentiert auf Basis wissenschaftlicher Studien, die im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen entstanden, zehn Erfolgsgeschichten. Die Serie endet mit diesem Text. Die einzelnen Serienteile sowie Hintergründe finden Sie in unserem Dossier.