Deutsche Märkte schließen in 5 Stunden 8 Minuten

Banker kehren New York den Rücken und ziehen nach Florida

Dörner, Astrid
·Lesedauer: 8 Min.

Manhattans Finanzbranche wird sich durch Corona nachhaltig verändern. Die Wall Street der Zukunft ist kleiner – zahlreiche Banker werden im „Sunshine State“ bleiben.

Der Händler spricht offen über seine Covid-Erkrankung und die langwierigen Folgen. Foto: dpa
Der Händler spricht offen über seine Covid-Erkrankung und die langwierigen Folgen. Foto: dpa

Daniel Alpert ist auf dem Weg nach Florida, zum „Haus-Shopping“. Der Investmentbanker hat die Pandemie weitgehend in seiner Wohnung in Manhattan verbracht. Ab und zu ging er ins Büro, „aber nur, weil ich da allein war und gut denken konnte“, sagt der Mitgründer der Boutique-Investmentbank Westwood Capital.

Doch jetzt ist Schluss. „Wir haben ein Jahr lang keinen einzigen Kunden im Büro gehabt. Gleichzeitig haben wir während der Pandemie mehr Umsatz gemacht als im Jahr zuvor“, erklärt er. Daher sei es durchaus möglich, seinen Hauptsitz langsam, aber sicher in den Süden zu verlegen.

Für Alpert ist das eine Zäsur. 30 Jahre lang hat er an der Wall Street gearbeitet. Er hat den Boom und das Platzen der Tech-Blase 2000 miterlebt, genauso wie die Finanzkrise. Immer war New York das Zentrum des Geschehens. Doch die Zukunft, ist er überzeugt, wird anders aussehen.

Mit seinem Schritt ist Alpert spät dran. Seit fast einem Jahr arbeiten Händler, Portfoliomanager und Investmentbanker nicht mehr in den glitzernden Büros in Manhattan, sondern überall verstreut: am Küchentisch in ihrem Apartment in Brooklyn, im Strandhaus oder in der Berghütte in den Hamptons, in großen Häusern in den Vorstädten oder eben in Florida.

Dieser Bundesstaat, speziell die Gegend um Miami, ist dabei, zu einer „Wall Street des Südens“ zu werden. Die Banker lockt nicht nur das gute Wetter, sondern auch die vergleichsweise geringen Steuern und die relative Nähe zu New York, falls man doch noch mal bei einem Termin persönlich dabei sein muss.

Viele Banker wollen nicht in die alte Welt zurück

Die „Finanzmetropole der Welt“, als die sich New York vor der Pandemie gern gesehen hat, steht an einem Scheideweg. Jetzt, wo die Impfungen begonnen haben, wäre eigentlich das Ende der „Work from anywhere“-Phase in Sicht. Doch es zeichnet sich ab, dass viele Banker nicht zu der alten Welt zurückwollen, die sie im vergangenen März schlagartig verlassen mussten.

Leidenschaftlich wird in New York gerade über die Zukunft der Wall Street diskutiert. Wie wichtig ist die tägliche Zusammenarbeit im Büro wirklich? Wie gut funktionieren virtuelle Trading-Floors? Und was heißt es für die Stadt, wenn die Banker nicht zurückkommen und sogar noch mehr Institute abwandern?

„Wir müssen hier nicht mehr alle aufeinanderhocken und uns auf die Schultern klopfen“, ist Alpert überzeugt und spiegelt damit die Einstellung wider, die überall an der Wall Street zu hören ist. New Yorks Finanzzentrum wird nach Corona nicht verschwinden, doch es wird kleiner werden, mit verschiedenen Außenposten und jeder Menge an Freiräumen, von anderen Orten außerhalb des Büros arbeiten zu können.

Wie angespannt die Lage derzeit ist, zeigt eine Drohung von Stacey Cunningham, der Chefin der New York Stock Exchange (Nyse), der Wall-Street-Institution schlechthin. Politiker im Bundesstaat New York erwägen, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. Die Pandemie hat ein Milliardenloch in die Staatskassen gerissen, das nun mit allen Mitteln gestopft werden muss. Doch Cunningham geht das zu weit. Sollte die Steuer Gesetz werden, dann „muss das Zentrum der weltweiten Finanzbranche möglicherweise eine neue Heimat finden“, schrieb sie Mitte Februar im „Wall Street Journal“.

Die Stadt befindet sich in einer schwierigen Lage. Die geschlossenen Büros haben zu einer schweren Krise auf dem Immobilienmarkt geführt. Die Leerstände sind mit 15 Prozent so hoch wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Dabei sind Immobiliensteuern die wichtigste Einnahmequelle für die Metropole.

Die Kriminalitätsrate ist gestiegen, der Müll wird nicht mehr regelmäßig abgeholt. Die teuersten Geschäfte stehen leer. „New York ist ein Schatten seiner selbst“, sagt ein Vermögensverwalter, der nur widerwillig in die Stadt zurückgekehrt ist. Pläne, Reiche und Superreiche zusätzlich zu besteuern, machen es für viele New Yorker noch naheliegender, der Stadt den Rücken zu kehren.

Große Leere in Manhattan trifft auch die Händler

Wall-Street-Häuser wie Goldman Sachs, JP Morgan und Citigroup haben derzeit gerade einmal 15 Prozent der Mitarbeiter in den Büros. Die Deutsche Bank hat 95 Prozent ihrer New Yorker Mitarbeiter nach Hause geschickt. Nur die Trader sitzen noch in dem großen Turm an der Wall Street. Der Rest soll frühestens im Sommer wiederkommen, wenn das neue Büro am Central Park bezugsfähig ist. Die große Leere in Manhattan hat es auch für viele Restaurants, Cafés und Einzelhändler unmöglich gemacht, zu überleben.

Auch Peter Tuchman ist nicht sonderlich optimistisch. Seit 35 Jahren arbeitet er als Händler auf dem Parkett der Nyse, bezeichnet sich als „Einstein der Wall Street“ und ist eigentlich ein großer Fan von New York, vom Parketthandel, von der Spannung, von der Energie, die nur entsteht, wenn sich Menschen in unmittelbarer Nähe austauschen.

„Das Parkett ist ein Symbol für das menschliche Element in den Finanzmärkten. Es ist die großartigste Finanzinstitution der Welt“, schwärmt Tuchman, der offen über seine Covid-Erkrankung und die langwierigen Folgen spricht. Zwar habe das Geschäft auch aus der Ferne funktioniert, als die Börse Ende März wegen der Pandemie den Parketthandel vorübergehend einstellte. „Doch das war nicht das Gleiche. Das ist ungefähr so, als ob man mit einem Toyota statt mit einem Mercedes fährt“, sagt er.

Die Handelsräume lassen sich am schwierigsten zu Hause simulieren. Die UBS experimentiert in London mit Virtual-Reality-Brillen von Microsoft, die den Handelsraum zu Hause simulieren sollen.

Noch ist das ein Zukunftsprojekt. Aber Tuchman kann die Zeichen der Zeit nicht ignorieren. Bis die Mitarbeiter der Finanzindustrie sich in ihren Büros wieder wohlfühlen, „wird es länger dauern, als viele glauben. Ich hoffe natürlich, dass wir den Finanz-Hub wieder aufbauen, aber ich fürchte, dass das noch Jahre dauern wird“.

In Florida dagegen herrscht Aufbruchstimmung. Der Marketmaker Virtu Financial hat im Januar ein neues Büro in Palm Beach Gardens eröffnet, in das gut 30 Mitarbeiter aus New York verlegt werden – freiwillig, versteht sich. Auch die weltgrößte Private-Equity-Firma Blackstone hat neue Mietverträge unterschrieben, genauso wie der Hedgefonds Citadel. Ken Moelis, Chef der gleichnamigen New Yorker Boutique-Investmentbank, hat rund zwei Dutzend Mitarbeitern erlaubt, langfristig in Florida zu bleiben.

Goldman Sachs überlegt laut einem Bericht des Finanzdienstleisters Bloomberg, mit Teilen der Vermögensverwaltung nach Florida zu ziehen. Paul Singers Hedgefonds Elliott Management und die Private-Equity-Firma Colony Capital haben gleich den gesamten Firmensitz in den „Sunshine State“ verlagert.

Schon vor der Pandemie hatte es eine Reihe von Finanzfirmen vor allem aus steuerlichen Gründen in den Bundesstaat gezogen, der auch wegen seines hohen Anteils an vermögenden Senioren bekannt ist. Der Trend beschleunigt sich nun. Miamis Bürgermeister Francis Suarez verweist gern auf die niedrige Kriminalitätsrate und die hohe Lebensqualität in seiner Stadt. Die Mieten sind dort zwar auch deutlich angestiegen, liegen jedoch im Schnitt immer noch unterhalb derer von New York.

„Bringt eure Talente gern nach Miami, Stacey Cunningham. Lasst uns reden“, twitterte der Republikaner als Antwort auf die Drohung der Nyse-Chefin. Er will auch die Tech-Szene verstärkt in seine Stadt locken. Neben der Wall Street des Südens wäre auch Platz für einen Silicon Beach.

Auch der Mitarbeiter einer großen New Yorker Investmentbank hofft, dass er möglichst lange im Sonnenstaat bleiben kann. Er ist schon vor einem Jahr in ein Haus in Florida gezogen, in dem er Platz für ein Homeoffice hat und in ein paar Minuten am Strand ist. Für seine Tochter kann er sich hier eine Privatschule leisten.

„Das war in Manhattan undenkbar“, sagt der Banker, der lieber anonym bleibt. Mindestens sechs Stunden am Tag verbringt er in Zoom-Meetings, was überraschend gut funktioniere. Er fühlt sich produktiver als je zuvor. „Es gibt nichts, was ich an meinem Leben in New York vermisse“, bekennt er.

Mitarbeiter von Goldman Sachs sind zum Jahresende zurück in Zentrale

Wann die Banker zurück in die New Yorker Bürotürme müssen, ist derzeit noch ungewiss. David Solomon, der CEO von Goldman Sachs, geht nun davon aus, dass seine Mitarbeiter zum Jahresende weitgehend wieder zurück in der Zentrale sind. Die Deutsche Bank will im Juli mit ihrem Umzug beginnen, wenn es die Pandemie zulässt.

Das Frankfurter Institut ist die letzte Bank, die ihre New Yorker Zentrale tatsächlich noch an der Wall Street hat. Schon vor fünf Jahren hatte die Bank jedoch entschieden, nach Midtown zu ziehen, um näher an den Kunden zu sein.

Eine Umfrage unter den Mitarbeitern weltweit ergab, dass 80 Prozent eine Mischung aus Bürotagen und Heimarbeit bevorzugen. Die neue Zentrale in Manhattan ist so eingerichtet, dass es möglichst viel Platz für Besprechungen und gemeinsames Arbeiten gibt. Sensoren in der Decke werden zudem messen, in welchen Bereichen sich Mitarbeiter besonders häufig aufhalten. Das soll den Reinigungskräften anzeigen, wo besonders gründlich geputzt und desinfiziert werden muss.

US-Chefin Christiana Riley hat bereits angedeutet, dass sie möglichst flexibel bleiben will, um sich den neuen Realitäten anzupassen. Wenn sich abzeichnet, dass die Kunden mittelfristig nicht nach New York zurückkommen, dann könnte gut die Hälfte der bisher 4500 Mitarbeiter dort in den nächsten drei bis fünf Jahren auch in anderen Städten arbeiten.

Videodienste wie Zoom werden bestens angenommen

Die Finanzbranche ist damit in bester Gesellschaft. Technologiekonzerne wie Facebook, Google und Salesforce bereiten sich bereits darauf vor, dass das „Work from anyhwere“-Zeitalter der neue Normalzustand wird. Auch, weil Videodienste wie Zoom bestens angenommen werden.

Investmentbanker Alpert ist begeistert davon, wie gut sogenannte „Zoom-Roadshows“ funktionieren. Vor Corona war es selbstverständlich, dass Investmentbanker und ihre Kunden vor Börsengängen und Anleiheemissionen persönlich bei interessierten Investoren aufschlugen.

„Wir haben dafür Flugzeuge gemietet, damit wir schnell von Stadt zu Stadt reisen können. Das war unglaublich teuer“, sagt Alpert. Über Zoom gehe das mindestens genauso gut. „Und unsere Kunden sind nicht ausgelaugt vom vielen Reisen.“ Arbeitgeber in allen Branchen hätten erkannt, dass die Heimarbeit „effizienter und billiger ist. Das werden sie nicht wieder aufgeben“.