Deutsche Märkte öffnen in 1 Stunde 33 Minute

Banken der Euro-Zone unter Stress – Commerzbank sieht sich für Test gut gerüstet

Höhler, Gerd Louven, Sandra Wermke, Christian Maisch, Michael Osman, Yasmin
·Lesedauer: 10 Min.

Mitten in der Coronakrise liegt ein neuer Stresstest vor den großen Instituten. Ungemütlich könnte es für Banken in Griechenland, Spanien und Italien werden.

Eigentlich haben Europas Banken bereits Stress genug. Im Zahlenwerk für das vergangene Jahr zeigen sich deutlich die Spuren der Coronakrise. Finanzriesen wie die italienische Unicredit oder die französische Société Générale rutschten wegen der Folgewirkungen der Pandemie tief in die roten Zahlen. In Deutschland war es die Commerzbank, die ihre Risikovorsorge noch einmal deutlich aufstocken musste und auch deshalb einen Milliardenverlust verbuchte.

Jetzt müssen sich die 50 größten europäischen Banken mit einem deutlich düstereren Pandemie-Szenario auseinandersetzen: Die paneuropäische Aufsichtsbehörde Eba hat im Januar einen neuen Stresstest aufgesetzt, in dem zwei Szenarien durchgerechnet werden. Eines orientiert sich an den Wirtschaftsprognosen der nationalen Notenbanken. Daneben wird in einem Krisenszenario angenommen, dass sich die Corona-Pandemie massiv zuspitzt und einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung in der EU um 3,6 Prozent bis 2023 auslöst.

Zudem unterstellt das Stressszenario, dass die Arbeitslosenquote um 4,7 Prozentpunkte steigt, die Preise für Gewerbeimmobilien um über 30 Prozent abstürzen und die Aktienmärkte einbrechen. Parallel zu dem EU-weiten Stresstest der Eba plant die EZB einen eigenen Belastungscheck für 53 Institute, die sie direkt beaufsichtigt und die nicht Teil der Eba-Stichprobe sind. Dabei sollen die gleichen wirtschaftlichen Szenarien zugrunde gelegt werden. Ende Juli sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Die Sorge der Aufseher wächst. Der EU-Risikorat ESRB hat gerade erst gewarnt, dass mit der Dauer der Krise die Gefahr einer Ansteckung des Finanzsystems wächst, und die Bankenkontrolleure der EZB haben Schwachstellen in den Sanierungsplänen der von ihr überwachten Geldhäuser ausgemacht. Im Stresstest müssen die Banken nun beweisen, dass sie eine extreme Krisensituation meistern können und noch über ausreichend Kapital verfügen.

Unter besonderer Beobachtung stehen wieder einmal die Geldhäuser in Südeuropa. Nicht nur, weil diese Länder durch die Dauerkrise im Tourismus besonders tief in die Rezession gerutscht sind, sondern auch, weil die Banken schon vor der Corona-Pandemie angeschlagen waren und mit einem Berg von faulen Krediten kämpften. Die größten Probleme drohen den griechischen Instituten. In Deutschland fühlt sich die Commerzbank trotz eines Milliardenverlustes gut gerüstet für den Test.

Griechenland: Der Anteil fauler Kredite in den Bankbilanzen ist hoch

Zumindest die Abläufe haben sich inzwischen eingespielt. „Griechische Banken haben in den letzten zehn Jahren im Rahmen der Unterstützungsprogramme während der Staatsschuldenkrise sowie der üblichen Eba-Prüfungen einen Rekord in diagnostischen Übungen und Stresstests aufgestellt“, sagte Griechenlands Zentralbankchef Yannis Stournaras dem Handelsblatt.

Die Hellas-Banken tragen allerdings immer noch schwer am Erbe der Staatsschuldenkrise: Rund 35 Prozent aller Forderungen sind notleidend. Das ist der mit Abstand höchste Anteil in der Euro-Zone. Im Durchschnitt der EU-Staaten liegt die Quote der notleidenden Kredite (Non Performing Loans, NPLs) bei 2,8 Prozent. Und nun kommen infolge der Pandemie neue Kreditausfälle auf die Banken zu.

„Trotz der von der Regierung und den Banken ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen ist die Entstehung neuer notleidender Kredite unvermeidlich, insbesondere in Sektoren, die am härtesten von der Pandemie betroffen sind, wie Tourismus, Gastronomie und Handel“, warnt Notenbankchef Stournaras.

Zum Stresstest müssen in Griechenland die vier großen Banken des Landes antreten: Alpha Bank, Eurobank, National Bank of Greece und Piraeus Bank. Die Banken wollen die NPL-Quote bis Ende 2022 mit Abschreibungen und Verbriefungen unter zehn Prozent drücken.

Aber die Konsolidierung der Kreditbücher wird am Kapital zehren. Mit einer Kernkapitalquote (Tier 1) von 14,7 Prozent im Branchendurchschnitt stehen die griechischen Banken zwar nicht schlecht und nur ein bisschen schwächer als die deutschen Banken da.

Allerdings entfallen rund 55 Prozent des Eigenkapitals auf Steuergutschriften aus Verlustvorträgen – eine auch in Spanien und Italien übliche, aber umstrittene Praxis. Der Anteil dieser „weichen“ Kapitalkomponente wird sich weiter erhöhen, je mehr Eigenkapital die Banken für die Bereinigung der Kreditbücher bereitstellen müssen.

Ein Dilemma, auf das die griechische Zentralbank jüngst mehrfach hingewiesen hat: „Höchste Priorität für die griechischen Banken hat die Lösung ihrer Probleme mit der Qualität von Vermögenswerten bei gleichzeitiger Deckung des aufsichtsrechtlichen Kapitalbedarfs“, betont Stournaras.

Angesichts des geringen Geschäftsvolumens wegen der Pandemie sei dies eine besondere Herausforderung, sagt der Notenbanker. Sein Fazit: „Unabhängig von den Stresstests planen die griechischen Banken bereits – wo nötig – Maßnahmen zur Stärkung ihres Kapitalniveaus und zur raschen Reduzierung der NPL.“ Gerade erst hat es die Alpha Bank geschafft, ein Paket von notleidenden Krediten mit einem Volumen von 10,8 Milliarden Euro zu verkaufen, der zweitgrößte Deal dieser Art in Europa.

Spanien: Die Geldhäuser des Landes verfügen über komfortable Kapitalpuffer

Die spanische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um elf Prozent eingebrochen. Die Jahresergebnisse der Banken sehen ähnlich dramatisch aus: Branchenprimus Santander hat ein Minus von 8,8 Milliarden Euro eingefahren, es war der erste Verlust in der 163-jährigen Geschichte der Bank. Bei den übrigen Instituten haben sich die Gewinne mit Ausnahme der Caixabank mindestens halbiert. Trotz dieser Zahlen sieht der Notenbankchef des Landes die spanischen Institute für den Stresstest gerüstet.

„Die 2020 beobachtete Verschlechterung der Ergebnisse der Banken lag vor allem daran, dass sie präventiv Rückstellungen für Kreditrisiken in der Erwartung gebildet haben, dass das Volumen der notleidenden Kredite womöglich steigt“, erläuterte Zentralbankchef Pablo Hernández de Cos dem Handelsblatt per E-Mail. Trotzdem habe sich die Eigenkapitalquote der Banken bis zum dritten Quartal des vergangenen Jahres um 64 Basispunkte im Vergleich zum Vorjahr erhöht und „wird im letzten Quartal voraussichtlich weiter steigen“, sagt de Cos.

Im vergangenen September stand die Eigenkapitalquote der spanischen Banken bei 12,5 Prozent (CET1) und damit niedriger als bei den übrigen europäischen Instituten. „Dennoch liegen ihre Kapitalpuffer über den Anforderungen des Regulierers und bieten ein komfortables Polster“, meint Marco Troiano, stellvertretender Leiter des Financial-Institutions-Teams der Ratingagentur Scope. „Sie können damit eine Menge Verluste abfedern, bevor sie ein Problem mit ihrem Eigenkapital bekommen.“

Auch die notleidenden Kredite sind im Coronajahr 2020 nicht gestiegen – im Gegenteil. „Sie sind auf dem niedrigsten Niveau seit ihrem Höhepunkt, den sie in der vergangenen Krise erreicht haben“, erklärt der Zentralbankchef. Der Anteil der notleidenden Kredite lag in Spanien im vergangenen November bei 4,5 Prozent. Ende 2013 waren es noch 13,7 Prozent.

Allerdings droht den Banken der Höhepunkt der aktuellen Krise erst noch – wenn die Hilfsmaßnahmen der Regierung wie Kredit-Moratorien, Kurzarbeit oder das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht enden. „Dann kommt die Asset-Qualität der großen Banken unter Druck, weil sie alle einen großen Anteil an risikoreicheren kleinen und mittleren Unternehmen als Kunden haben“, warnt Troiano. Im Gegensatz dazu seien regionale Banken stärker auf private Hypotheken ausgerichtet. „Die eigentliche Herausforderung wird sein, den Bedarf an Rückstellungen gegen die Rentabilität abzuwägen. Das wird vor allem für die Regionalbanken schwierig sein, die ohnehin kaum profitabel sind.“

Sorgen bereiten den Banken Überlegungen der Regierung, den hochverschuldeten Unternehmen einen Teil der Verbindlichkeiten zu erlassen, die sie in der Krise über staatlich garantierte Kredite aufgenommen haben. Der Staat hat dabei zwischen 60 und 80 Prozent der Kreditsumme garantiert, den Rest sollten bei einem Kreditausfall die Banken übernehmen. Den Planungen zufolge sollen die Banken bei einem Schuldenerlass ebenfalls ihren Part übernehmen. Die in Anspruch genommenen staatlich garantierten Kredite belaufen sich auf rund 115 Milliarden Euro.

Die Krise hat in Spanien bereits für zwei Fusionen gesorgt: Caixabank und Bankia schließen sich zum größten Institut auf dem spanischen Markt zusammen. Die beiden kleineren Regionalbanken Unicaja und Liberbank fusionieren ebenso. Gespräche zwischen den beiden Großbanken BBVA und Sabadell sind dagegen gescheitert. „In Spanien gibt es wegen der bereits beschlossenen Fusionen wenig Spielraum für weitere Zusammenschlüsse“, sagt Joaquín Maudos, Wirtschaftsprofessor an der Universität Valencia.

Grundsätzlich sind sich Experten einig, dass die spanischen Banken zu Beginn dieser Krise in einer deutlich stärkeren Verfassung waren als am Anfang der Finanzkrise. Notenbankchef Hernández de Cos verweist auf die internationale Reform des Finanzsystems, die Restrukturierung der spanischen Banken und die aktuellen Hilfsmaßnahmen der Regierung. Das helfe, „die durch die Krise entstandenen Risiken zu mindern und zu bewältigen“.

Auch Scope-Experte Troiano ist sicher: „Die großen spanischen Banken werden keine massiven Probleme in dieser Krise bekommen.“ Ein Indiz dafür sei, dass die EZB den spanischen Instituten erlaubt hat, zehn Prozent ihrer Gewinne als Dividenden auszuschütten. „Das deutet darauf hin, dass auch die Europäische Zentralbank mit der aktuellen Lage der spanischen Institute zufrieden ist.“

Italien: Banken droht ein Rückschlag beim Abbau von Altlasten

Bislang sind die italienischen Banken recht glimpflich durch die Pandemie gekommen. Die letzte Bankenrettung ist schon mehr als ein Jahr her: Ende 2019 geriet das größte Institut Apuliens, die Banca Popolare die Bari, in Schieflage. Der Staat sprang mit 900 Millionen Euro ein.

Alle italienischen Institute haben die Altlasten an notleidenden Krediten in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgebaut. Im September lag die landesweite Quote laut den Datenanalysten von CEIC bei 6,5 Prozent. 2016 stand dieser Wert noch bei 17 Prozent. Trotz der Pandemie konnten die Institute auch im vergangenen Jahr rund 30 Milliarden Euro an notleidenden Krediten abstoßen, wie Italiens Zentralbank errechnet hat. Durch diese Anstrengungen hat sich die Eigenkapitalquote der Banken in den vergangenen sechs Jahren im Schnitt von 11,5 auf 13,95 Prozent verbessert.

Jetzt droht durch die Coronakrise allerdings ein Rückschlag: „Der Anstieg der faulen Kredite ist das größte Risiko, dem die italienischen Banken entgegentreten müssen“, betonte Italiens Notenbankchef Ignazio Visco vor Parlamentariern.

Die Regierung hat in der Pandemie viele Unternehmen gestützt, vor allem in Sektoren, die besonders von der Pandemie betroffen sind, etwa im Tourismus. Für die Beschäftigten gilt seit März 2020 ein Kündigungsschutz. Dadurch halten sich die Unternehmenspleiten in Grenzen und damit auch die faulen Kredite. „Diese künftigen Verluste sind noch von den Schutzschilden der Regierung verdeckt, dürften aber unter Stressszenarien zu steigenden Rückstellungen bei den Banken führen“, warnt ein Insider der italienischen Bankenszene.

„Bei Banken mit einer geringeren Kreditqualität erwarte ich, dass die EZB ihre Kapitalerwartungen verschärfen wird“, meint der Experte. Insgesamt dürften die fünf großen Institute Italiens aber gut abschneiden, wie bereits in den vergangenen Jahren.

Die größte Bank des Landes, Intesa San Paolo, musste die Kreditvorsorge zwar auf 2,2 Milliarden Euro aufstocken, dennoch verdiente das Institut im vergangenen Jahr noch 3,3 Milliarden Euro. Anders sieht die Lage beim Konkurrenten Unicredit aus. Angesichts der Coronakrise schrieb das Institut fast fünf Milliarden Euro auf faule Kredite ab, die Folge war ein Verlust von knapp 2,8 Milliarden Euro.

Deutschland: Finanzinstitute haben ihre Risikovorsorge erhöht

Sieben deutsche Banken müssen sich in diesem Jahr dem Stresstest stellen. Neben der Deutschen Bank und der Commerzbank sind das die Volkswagen Bank, die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die Bayerische Landesbank und die DZ Bank.

Sowohl die Banken als auch die Aufseher sehen trotz der chronisch schwachen Profitabilität der deutschen Geldhäuser keinen größeren Ärger auf die Institute zukommen. Aufsichtskreise gehen davon aus, dass die deutschen Banken „nicht schlechter als andere europäische Institute abschneiden werden“.

Das Stresstest-Szenario sei ausgewogen und die deutschen Häuser nicht wesentlich schlechter aufgestellt als andere. Im Moment bereite der Stresstest wohl keinem deutschen Bankenaufseher schlaflose Nächte, heißt es. Ende des dritten Quartals 2020 lag die durchschnittliche Eigenkapitalquote der von der EZB kontrollierten Banken bei 15,5 Prozent, 1,2 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor.

Auch die Banken selbst gehen optimistisch in den Test. Die Geldhäuser hätten ihre Risikovorsorge zuletzt weiter aufgestockt, sagt Hans-Walter Peters, Präsident des Verbands der Privatbanken BdB. Er gehe davon aus, „dass der Stresstest diese solide Ausgangsposition bestätigen wird“.

Die Commerzbank, die gerade durch eine harte Sanierung geht und 2020 einen Verlust von 2,9 Milliarden Euro verbuchen musste, fühlt sich mit einer Eigenkapitalquote von 13,2 Prozent für den Test ausreichend gerüstet. „Wir blicken dem Stresstest gut vorbereitet entgegen. Die bisherigen Stresstest-Ergebnisse haben die Stabilität und Stressresistenz der Commerzbank deutlich belegt“, sagte Firmenkundenvorstand Michael Kotzbauer dem Handelsblatt. Dabei habe sich der konsequente Abbau der Risiken in den vergangenen Jahren ausgezahlt.