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Der Börsenmantel von Lakestar ist nur etwas für erfahrene Anleger

Köhler, Peter
·Lesedauer: 7 Min.

Spacs sind eine Innovation für den deutschen Aktienmarkt – und eine noch stärkere Wette auf die Zukunft. Auf was Investoren bei diesen komplexen Produkten achten müssen.

Der erste „Spac“ an der Frankfurter Börse seit zehn Jahren feiert ein erfolgreiches Debüt. Foto: dpa
Der erste „Spac“ an der Frankfurter Börse seit zehn Jahren feiert ein erfolgreiches Debüt. Foto: dpa

Es war ein gelungener Einstand: Der Börsenmantel des Lakestar-Gründers und Techinvestors Klaus Hommels ist am Montag an der Frankfurter Börse erstmals gehandelt worden. Diese speziellen Anlagen bieten gleich mehrere Renditechancen. Vor allem aber vertrauen Investoren dabei auf den sogenannten Sponsor des Spac, denn er muss das eingesammelte Kapital sinnvoll und aussichtsreich investieren. Was Anleger wissen müssen.

Was ist ein Spac?

Ein „Spac“, also eine Special Purpose Acquisition Company, ist eine leere Unternehmenshülle, die an der Börse gelistet wird. Das gilt auch für den Börsenmantel Lakestar Spac I SE, der seit Montag an der Frankfurter Börse notiert.

Der Investor und Chef des Venture-Capital-Hauses Lakestar Advisors Klaus Hommels, hat bei Großinvestoren dafür 275 Millionen Euro eingesammelt. Er verspricht, ein Technologieunternehmen mit großen Wachstumschancen zu suchen. Dieses Unternehmen wird übernommen, auf den Spac verschmolzen und so – quasi über eine Abkürzung – an die Börse gebracht.

Oft kommen bei diesem sogenannten „De-Spac-ing“ weitere große Anleger dazu, die zusätzliche Millionen mitbringen. Die Spac-Investoren wissen vorher nur, aus welcher Branche das Zielobjekt stammen soll. „Der Sponsor sucht erst nach der Emission des Spac nach einem Übernahmeziel. Wenn der Spac beim Börsengang bereits ein bestimmtes Kaufobjekt im Auge hätte, dann müsste man das im Börsenprospekt offenlegen“, sagt Philipp Melzer, Partner bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Frankfurt.

Können Kleinanleger Anteile erwerben?

Vor der Börsennotierung konnten sich nur Profi-Anleger über eine Privatplatzierung beteiligen. Seit Montag können auch Privatanleger den Spac unter dem Tickersymbol „LRS1“ im General Standard der Frankfurter Börse kaufen. Dabei erwirbt der Anleger eine Einheit, die aus der Aktie und einem Drittel eines Optionsscheins besteht.

Die Optionsscheine werden getrennt gehandelt – unter dem Symbol „LRSW“ im Freiverkehr der Börse. „Der Optionsschein fällt und steigt überproportional zur Aktie. Dieser Warrant kann in der Regel erst ein Jahr nach dem Börsengang oder, falls dies früher eintritt, 30 Tage nach einer sogenannten Business Combination ausgeübt werden“, sagt Rechtsanwalt Melzer. Business Combination bedeutet die Übernahme eines Unternehmens durch den Spac.

Wann muss eine Übernahme erfolgen?

Der Börsenmantel soll innerhalb von zwei Jahren ein Übernahmeziel finden. Beim Spac von Hommels rechnen Beobachter aber damit, dass er relativ schnell einen Kauf in Europa mit einem Eigenkapitalwert zwischen 750 Millionen und vier Milliarden Euro ankündigen wird. „Wenn eine Vereinbarung zur Übernahme eines Unternehmens abgeschlossen wurde, dann wird eine Hauptversammlung einberufen“, sagt Rechtsanwalt Melzer. Diese müsse dann mit der hierfür vorgesehenen Mehrheit für die Transaktion stimmen, wenn der Deal zustande kommen solle.

Bis ein Übernahmeziel gefunden wird, liegt das eingesammelte Kapital auf einem Treuhandkonto und darf nur in sichere Anlagen investiert werden – fallen Minuszinsen an, will das Spac-Team von Hommels das ausgleichen. Investoren, die bei einer geplanten Übernahme nicht mitziehen wollen, können ihr Kapital zurückfordern. Das gilt auch für den Fall, dass der Spac als Zweckgesellschaft im vorher festgelegten Zeitrahmen kein geeignetes Übernahmeziel findet.

Die Sponsoren eines Spac – wie Hommels im Fall von Lakestar – erhalten typischerweise einen Anteil von 20 Prozent der Spac-Anteile gratis, sobald eine Übernahme beschlossen ist. Hommels hat aber angekündigt, dass er seine Vergütung an den Erfolg seiner Mission koppelt.

Warum macht man keinen normalen Börsengang?

Für die Unternehmen, die sich von einem Spac schlucken lassen, und ihre Eigentümer kann das ein effizienter, schneller Weg an die Börse sein. Sie müssen sich nicht selbst monatelang um Investoren bemühen, was gerade in Corona-Zeiten schwierig sein kann – und kürzen so den langwierigen Genehmigungsprozess ab.

Für die Spac-Investoren ist es eine Art Wette auf das Geschick der Initiatoren – in diesem Fall auf Hommels, der auch Gründer des Wagnisfinanzierers Lakestar Advisors ist. „Wir glauben, dass die Frankfurter Börse für Technologieunternehmen sehr attraktiv ist, dank ihres Standorts im Herzen Europas und der hier zahlreichen Möglichkeiten im Techbereich“, sagte Hommels, der Aufsichtsratschef des Spac ist, am Montag. Mit an Bord ist der ehemalige Burda-Manager Stefan Winners.

Woran hängt der Erfolg des Spacs?

Die Performance der Zweckgesellschaften ist eng verknüpft mit dem Ruf des Sponsors, bei Lakestar also Hommels. Für einen Erfolg spricht die Tatsache, dass Lakestar in der Vergangenheit in digitale Champions wie beispielsweise Facebook, Skype und die virtuelle Bank Revolut investiert hat.

Auch andere, frühere Vorstandschefs von internationalen Banken und Industriekonzernen planen die Auflage von Börsenmänteln. Der frühere Commerzbank-Vorstandschef Martin Blessing soll Medienberichten zufolge an einem Spac arbeiten, ebenso der Ex-Topmanager Tidjane Thiam von der schweizerischen Großbank Credit Suisse.

Technisch setzt sich die Rendite eines Spac aus drei Komponenten zusammen: Die Basisrendite aus kurz laufenden Zinspapieren, in die das Kapital bis zur Übernahme investiert ist, die Rendite aus den Stammaktien, wenn der Kurs nach einer erfolgreichen Übernahme steigt, plus einer Kaufoption durch den Warrant.

Wie ist die bisherige Bilanz der Spacs?

Das Debüt von Lakestar war am Montag vielversprechend. Die 27,5 Millionen Anteile waren zu einem festen Kurs von zehn Euro je Stück gestartet und dann schnell auf über elf Euro geklettert. Dieser Zeichnungsgewinn war absehbar, weil die Emission rund neunmal überzeichnet gewesen war. Nach einem Tageshoch von 11,60 Euro lag die Notierung nachmittags bei 10,90 Euro. Der Optionsschein wurde zu 1,20 Euro gehandelt.

„Die zu erwartenden Returns sind von der Wahl – und damit von der Qualität – des Sponsors stark abhängig“, sagt Lars Edler, Geschäftsführer und Chefanlagestratege von HQ Asset Management. Generell gebe es einige sehr gute Spacs mit Topmanagement-Teams – aber um diese zu identifizieren, müsse man den Markt gut kennen.

In den USA machte sich zuletzt die hohe Zahl der Emissionen eher negativ bemerkbar. Unternehmen, die über Spacs an die Börse gegangen sind, hätten im Durchschnitt drei Prozent nach drei Monaten an Wert verloren, zwölf Prozent nach sechs Monaten und ein Drittel nach zwölf Monaten, erläutert Edler, der sich auf ein Papier der Universität Stanford bezieht. Einzelne Titel, wie etwa Virgin Galactic, verbuchten allerdings hohe Kursgewinne

Wo liegen die Risiken?

Kritiker von Spacs warnen vor einem möglichen Hype, also einer Übertreibung im Markt. Letztlich muss der Anleger auf die Expertise des Sponsors vertrauen. Je näher das Ende der Laufzeit des Spac kommt, desto schlechter werden in der Regel die Deals, weil der Sponsor dringend einen Erfolg verbuchen muss.

Spacs gelten einigen Beobachtern als der „Wilde Westen der Aktienmärkte“. „Drei Viertel der 2020 gelaunchten Spacs haben noch keine Deals gemacht“, warnt Edler. Er hält es für fraglich, ob all diese Vehikel vernünftige „Targets“ – also Unternehmen zum Investieren – finden.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass diese Form des Börsengangs in Deutschland früher schon einmal gescheitert war. Als erster Börsenmantel wurde im Juli 2008 die Gesellschaft „Germany1“ von Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, dem Berater Roland Berger und dem Ex-Banker Florian Lahnstein gegründet. Ihr späteres Investment erwies sich aber als Fehlschlag. Die Übernahme des Mittelständlers AEG Power Solutions endete mit einer Pleite, die Holding wurde letztlich von der Börse genommen.

Fazit für private Anleger:

Spacs sind eine Innovation für den deutschen Aktienmarkt. Letztlich kommt es entscheidend darauf an, dass man dem Kopf hinter dem Spac ein gutes Investment in ein Technologieunternehmen zutraut – in diesem Fall also dem Sponsor Klaus Hommels.

Ihn treibt auch die Mission an, dass deutsche Start-ups und junge Technologiefirmen nicht in die USA oder nach London abwandern sollen, sondern hierzulande einen Börsenplatz erhalten. „Bei Spacs handelt es sich grundsätzlich um interessante Vehikel mit hohem Returnpotenzial – mit entsprechend hohen Risiken“, resümiert Edler von HQ. Eine gewisse Marktkenntnis – und ‚Spielgeld‘ – sollten bei Anlegern daher vorhanden sein, meint er.

Denn Anleger kaufen einen Börsenmantel, ohne dass sie das endgültige Geschäftsmodell kennen. „Privatanleger sollten daher vorsichtig mit einem Investment in einen Spac sein“, mahnt Franz-Josef Leven, Stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts. Spacs eignen sich seiner Ansicht nach vielleicht als Beimischung für bereits gut aufgestellte, sehr erfahrene Investoren.