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Was vom Börsenjahr zu erwarten ist

Droht dem Dax in diesem Jahr die Luft auszugehen? Kann man sich dem typischen Saisonverlauf folgend noch auf Kursgewinne bis Mai einstellen? Was sich aus der Gemütslage an der Börse herauslesen lässt.


Die Aktie bleibt nach Einschätzung von Anlegern auch im Jahr 2018 alternativlos – doch gleichzeitig trauen sie den Märkten nur noch wenig Kurspotenzial zu. Das geht hervor aus einer jährlichen Handelsblatt-Umfrage unter mehr als 2.300 Investoren. Für den Börsenexperten Stephan Heibel, der diese sogenannten „Sentiment“-Erhebungen auswertet, bieten die aktuell nur verhaltenen Erwartungen gute Voraussetzungen für positive Überraschungen im neuen Börsenjahr.

Denn aus Sicht der Sentiment-Theorie gilt: Wenn die große Masse von Anlegern mit steigenden Kursen rechnet und bereits investiert hat, bleiben nur wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn Anleger mehrheitlich skeptisch sind und daher zurückhaltend positioniert sind, dann könnten künftig nur noch wenige verkaufen und dadurch die Kurse nachhaltig drücken.


Die meisten Anleger rechnen in der diesjährigen Umfrage mit einem Dax-Stand von 13.900 Punkten für Ende 2018. Bezogen auf den Endstand des Vorjahres bei 12.917 Zählern entspricht dies einem Aufwärtspotenzial von rund siebeneinhalb Prozent. Nicht einmal jeder zehnte Teilnehmer rechnet mit einem Anstieg auf mehr als 14.200 Punkte. Gleichzeitig aber ist die Bandbreite nach unten wesentlich größer: Immerhin 23 Prozent befürchten, dass der Dax bis Ende Dezember letztendlich auf der Stelle treten wird. Daher ergibt sich aus der Erhebung ein gewichtetes Jahresziel von nur 13.355 Punkten. Der Median liegt bei 13.700 Dax-Zählern.

„Damit richten sich die Handelsblatt-Leser überwiegend nach den Kurszielen, die von Analysten in den vergangenen Wochen ausgegeben wurden“, sagt Marktbeobachter Heibel. Kaum jemand der Investmentstrategen prognostiziere einen Dax-Stand von über 14.000 Punkten für Ende 2018.


Und in der Tat: Die 32 Volkswirte und Analysten von in- und ausländischen Banken, die das Handelsblatt vor Kurzem in seiner traditionellen Kapitalmarktprognose befragt hat, glauben, dass der Dax bis Ende des nächsten Jahres weiter im Höhenflug bleibt. Im Schnitt sagen die befragten Banken allerdings nur einen Anstieg auf 14.009 Punkte voraus. Das wäre etwa halb so viel wie im abgelaufenen Jahr, in dem der Dax in zwölf Monaten rund 14 Prozent zulegte und damit den größten Jahresgewinn seit 2013 erzielte.

„Doch die Erfahrung zeigt, dass Analysten mit ihren Kurszielen in der Regel falsch liegen“, gibt Heibel zu bedenken. Seiner Einschätzung nach wird der Dax daher entweder deutlich über 14.000 Punkten schließen oder aber klar unter 13.500 Punkten.

Wegen der Sentiment-Ergebnisse hält er dabei zumindest vorübergehendes Überraschungspotenzial für deutlich wahrscheinlich: „Bei einem so starken Pessimismus im Markt kann ich mir nur schwer vorstellen, dass negative Ereignisse im Jahr 2018 tatsächlich auch zu einem Ausverkauf führen, da viele Anleger diese negativen Ereignisse ja schon erwarten und sich entsprechend positioniert haben“, sagt der Fachmann.


Hintergrund: Nur 16 Prozent der befragten Handelsblatt-Leser können sich überhaupt einen Kursanstieg des Dax zwischen Anfang Januar und Ende Dezember auf über 14.400 Punkte vorstellen. Das wäre in der Spitze des Jahres 2018 ein Plus von 11,5 Prozent und damit noch nicht einmal so viel, wie das deutsche Bluechip-Barometer im zurückliegenden Jahr zugelegt hat (12,5 Prozent). Das Jahr 2017 werde von den Anlegern als erstaunlich gut und nicht wiederholbar angesehen.


Warum bis zu 15.000 Dax-Punkte wahrscheinlich sind


„Aus Sicht der Sentimentanalyse haben wir stets ein besonderes Augenmerk auf das, was die Mehrzahl erwartet“, erklärt der Börsenexperte. Und genau wie im Vorjahr erwarteten die meisten, dass die Aktienmarktrally im Mai auslaufen wird. „Wenn dies aber die Erwartung der Mehrheit ist, sollte es gemäß der Sentiment-Theorie gerade genau anders kommen“, erläutert Heibel seine Schlussfolgerung.

Die Erwartung der Investoren für den Jahresverlauf richtet sich derzeit weitgehend nach dem historisch bekannten Muster: Höchstkurse werden im Frühjahr erwartet, für die Sommermonate fürchtet man dagegen die bekannte Schwäche mit einem Tief im September. Nur sehr wenige (acht Prozent) rechnen mit einem höheren Dax-Kurs zum Jahresende als im Mai. Dem typischen Saisonverlauf folgend richtet man sich also auf noch ein einige Kursgewinne bis Mai 2018 ein, dann aber glauben die Anleger, werde die Rally auslaufen.

„Falls der Dax aber wider Erwarten doch über 14.000 Punkte steigen sollte – vielleicht sogar über 14.400 Punkte – dann werden über 80 Prozent der Anleger falsch positioniert sein, sie werden zu wenig Aktien haben“, warnt Heibel. Sie würden dann den Kursen hinterherlaufen und müssten in steigende Notierungen hineinkaufen, was die Hausse weiter befeuern würde.

„Ich habe daher auf der Oberseite ein Dax-Kursziel von 15.000 Punkten für 2018 ausgegeben“, ergänzt er. Mit diesem hohen Kursziel trage er dem Umstand Rechnung, dass erfahrungsgemäß das Kursziel außerhalb der weithin erwarteten Spanne (13.500 bis 14.000 Punkten) liegen müsse.


Auf der Unterseite hingegen gebe es reichlich Unterstützung: Denn nach dem Top im Mai rechnen Anleger offensichtlich fest mit einem Ausverkauf bis zum September. Und dieser Ausverkauf wird der vorherrschenden Meinung nach so stark ausfallen, dass die alten Dax-Höchststände nicht mehr bis zum Jahresende erreicht werden können. Aus Sicht der Sentiment-Theorie ist diese Erwartung allerdings ein klarer Kontra-Indikator.


Bei der neuesten Sentiment-Erhebung handelt es sich um die bereits vierte Jahresumfrage des Handelsblatts. Bisher haben die Auswertungen den Anlegern geldwerte Informationen geliefert. So hat sich etwa die Prognose für 2017 in sehr vielen Punkten als realistisch erwiesen: Das durchschnittliche Kursziel der Leser lag bei 12.241 Punkten für den deutschen Leitindex – was einem Kursplus gegenüber Ende 2016 von nur sieben Prozent entsprochen hätte. Dass die Frankfurter Benchmark allerdings um rund 13 Prozent kletterte und damit im Vergleich zu den Anlegererwartungen bei der Handelsblatt-Umfrage doppelt so viel, war für Sentiment-Beobachter keine Überraschung.


So hatte sich Heibel vor einem Jahr klar festgelegt: „Das Risiko für Anleger sehe ich entsprechend im Jahr 2017 auf der Oberseite, dass sie den steigenden Kursen hinterherlaufen müssen“, urteilte er damals. Was sich im Nachhinein als korrekt herausstellte. Auch lag er bei seinen Einschätzungen zu den damals bevorstehenden Urnengängen in Frankreich, Niederlande und Deutschland richtig: „Wir werden bei den anstehenden Wahlen viele Überraschungen erleben“, erwartete Heibel Anfang Januar. „Doch ob diese Überraschungen bei den Wahlen im Jahr 2017 erneut zu Börsenturbulenzen führen, das bezweifle ich.“


Wo die Anleger 2018 die größten Chancen sehen


Abgefragt werden in der Handelsblatt-Umfrage nicht nur die Kurserwartungen der teilnehmenden Leser, sondern auch die ihrer Meinung nach wichtigsten Taktgeber an den Börsen. Einig sind sich die Befragten diesmal erneut bei der Bedeutung der Geldpolitik: Mit 71 Prozent wird der Europäischen Zentralbank (EZB) genau wie im Vorjahr die maßgebliche Rolle für die zu erwartende Aktienmarktentwicklung zugeschrieben. Kaum jemand unterschätzt die Bedeutung der Notenbanker.

„Kein Wunder, hängt die europäische Wirtschaft doch schon seit vielen Jahren am Tropf der Liquiditätsspritzen durch die EZB“, sagt Heibel. Der Glaube, auch ohne diese exzessive Geldausweitung wirtschaften zu können, sei verloren gegangen. Das internationale Wachstum schwappe nach Europa über, und die EZB sei unter Zugzwang, die Geldflutung schneller zurückzuführen, als sie dies derzeit beabsichtige.

EZB-Chef Mario Draghi wird 2019 abgelöst, im Jahr 2018 dürften die Rangeleien um seinen Nachfolger zunehmen. Bundesbankchef Jens Weidmann werden gute Chancen zugesprochen. Experten zufolge dürfte er die ultralockere Geldpolitik wohl schneller beenden, als Draghi das lieb sein dürfte.

Und je nachdem, wie dieser anstehende Wandel in der EZB kommuniziert wird, dürften die Finanzmärkte mehr oder weniger nervös reagieren. Die Niedrigzinsphase muss irgendwann einmal enden, daran zweifelt niemand. Umstritten ist allerdings, wie stark dieses Ende die Finanzmärkte belasten wird.

Nur als etwa halb so wichtig wie die EZB-Politik schätzen Umfrageteilnehmer derzeit die Europapolitik ein. So scheinen die Wahlen in Italien, der Weg in eine Bankenunion, ein eigener EU-Haushalt und weitere EU-Themen bei Anlegern kaum auf Beachtung zu stoßen.


Auch die Ölpreisentwicklung wird als nicht ausschlaggebend betrachtet. „Ich würde dieser Ansicht widersprechen, da wir durch den in den vergangenen Monaten stark angestiegenen Ölpreis schon bald höhere Inflationsraten sehen werden, was den Druck auf die EZB, die ultralockere Geldpolitik zu beenden, weiter erhöhen wird“, gibt Marktbeobachter Heibel zu bedenken.

An die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten Donald Trumps habe man sich offensichtlich gewöhnt. Auch die auf Eis liegenden Beziehungen zu Russland störten kaum jemanden. Und den Problemen bei der Regierungsbildung in Deutschland würden Anleger kaum eine Bedeutung für die Börsen zumessen. Daher könne sich der Sentiment-Spezialist gut vorstellen, dass gerade diese drei Themen Überraschungen für das Börsenjahr 2018 bereithalten.


Trotz ihres nur verhaltenen Optimismus für Dividendenpapiere erwarten Anleger wie schon 2017 nur bei Immobilien ähnlich hohe Investmentchancen wie am Aktienmarkt. Daneben trauen die befragten Investoren auch Industriemetallen und Nahrungsmittel-Rohstoffen einiges zu. Doch unter dem Strich sehen sie die Chancen hier trotzdem lediglich bei 50 Prozent, was die große Skepsis widerspiegelt, die gegenüber den Finanzmärkten besteht.

Rohöl- sowie Gas-Investitionen folgen mit deutlichem Abstand - und Edelmetallen attestiert für 2018 nur eine Minderheit interessante Renditechancen. Insbesondere die große Anzahl derer, die sich zu Edelmetallen gar keine Meinung gebildet hat, deutet darauf hin, dass Edelmetalle inzwischen außer Mode sind. Auch Unternehmens- und Staatsanleihen bleiben nach Meinung der Handelsblatt-Leser in den kommenden zwölf Monaten unattraktiv.

Heibels Resümee aus Sentiment-Sicht: Anleger sollten im neuen Börsenjahr den Mut aufbringen, ab und zu auch auf das Unerwartete zu setzen.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen (verschoben)

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis