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Börseninvestments: Wie lohnenswert sind Wasserstoffaktien wirklich?

Ähnlich der Dotcomblase vor 20 Jahren beflügelt die Wasserstoff-Branche derzeit die Fantasie vieler Anleger. Was steckt hinter der Euphorie?

„Die besten Wasserstoffaktien 2020“, „Hier ist noch Luft nach oben!“ und „Die zweite Chance“ – das sind Überschriften aus Börsenartikeln mit dem Thema „Wasserstoffaktien“.

Wie keine andere Branche beflügelt das leichteste aller chemischen Elemente die Fantasie der Anleger. Was für Internetaktien in der Dotcomblase vor 20 Jahren galt, gilt heute für Aktien von Firmen, die mit Wasserstoff zu tun haben.

Die Kurse von Powercell, Plug Power, Ballard Power und ähnlichen Unternehmen haben sich vervielfacht, obwohl die meisten Firmen wenig Umsatz erwirtschaften und rote Zahlen schreiben.

Weicht die Euphorie eines Tages wieder dem Fokus auf Nettogewinn, Cashflow und Eigenkapital, drohen die Kurse abzustürzen. Aber, auch das lehrt die Dotcomblase: Wo Euphorie ist, beginnt oft etwas Großes.

Der Internetboom brachte Weltkonzerne wie Google, Amazon und Facebook hervor. Ähnlich könnte es diesmal sein, wenn nach über 100 Jahren fossile Brennstoffe durch Wasserstoff abgelöst werden. Selbst wenn der Energieträger sich durchsetzen sollte, ist allerdings noch nicht absehbar, welche Hersteller davon profitieren und welche untergehen.

Ballard Power

Weltmarktführer und Pionier ist Ballard Power. Das kanadische Unternehmen aus Burnaby produziert Brennstoffzellen für Schwertransporter, Busse, Züge und Schiffe. Auch im Automobilsektor‧ ist das 1979 gegründete Unternehmen aktiv. Mit dem chinesischen Partner Weichai Power, der rund 20 Prozent an Ballard Power hält, will das Unternehmen den asiatischen Markt bedienen.

Schon zur Jahrtausendwende hatte sich die Marktkapitalisierung der Kanadier vervielfacht, als eine Aktie zeitweise mehr als 130 Dollar kostete. Doch dann mussten Investoren einsehen, dass sich die Technologie erst weit in der Zukunft kostendeckend einsetzen lässt – wenn überhaupt. Der Kurs stürzte auf unter einen Dollar ab.

Viel weiter verbreitet sind Autos mit Brennstoffzell-Antrieb zwei Jahrzehnte später immer noch nicht. Vom alten Kurshoch ist die Ballard-Power-Aktie weit entfernt, doch der Kurs hat sich binnen eines Jahres vervierfacht. Ballard Power ist aktuell mit 2,2 Milliarden Dollar bewertet. Das entspricht fast dem 20-Fachen des für 2020 erwarteten Jahresumsatzes von 120 Millionen Dollar. An Gewinne ist ebenso wenig zu denken wie im ersten Aufschwung vor mehr als zwei Jahrzehnten.

Nel Asa

Die norwegische Firma Nel Asa mit Sitz in Oslo ist auf die Herstellung, Speicherung und den Vertrieb von Wasserstoff spezialisiert, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Seit fast 100 Jahren stellt Nel Geräte zur Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff sowie Wasserstoff-Tankstellen her.

Nel arbeitet an sogenannten Rotolyzers, einer Technik, die in der Wasserstoffproduktion als bahnbrechend gilt. Das System ist fast hundert Mal kleiner als herkömmliche Anlagen und kann von einem Ort zum anderen bewegt werden. Die Firma mit Standorten in Skandinavien, Asien und den USA hat Tankstellenketten, Logistikunternehmen und Ölkonzerne als Kunden.

So setzt Nikola Motor, ein kleiner Konkurrent von Tesla, auf die Brennstoffzelle. Die Infrastruktur stellt Nel bereit. Doch Vorsicht, Nikola Motor ist ein Start-up und von wenigen Investoren abhängig. Würden die sich zurückziehen, wäre das Geschäft von Nel in Gefahr. Dessen Umsätze wachsen bislang bescheiden: von 47 Millionen Euro 2018 auf voraussichtlich 55 Millionen im abgelaufenen und möglicherweise gut 80 Millionen Dollar im laufenden Geschäftsjahr. Schwarze Zahlen sind auch hier nicht in Sicht.

Powercell

Diese dürfte Powercell 2019 erwirtschaftet haben. Analysten rechnen mit einem Nettogewinn von 44 Millionen Euro nach einem Verlust von sechs Millionen im Jahr davor. Der Gewinn dürfte vorerst einmalig bleiben. 2020 erwarten Analysten einen einstelligen Millionenverlust.

Das schwedische Unternehmen ging aus einer Ausgliederung des Volvo-Konzerns hervor und liefert Brennstoffzellsysteme an Kunden in der Energie-, Telekommunikations- und Automobilbranche. In Norwegen arbeitet Powercell gemeinsam mit Nel an Wasserstoffantrieben für emissionsfreie Schiffe. Auch ist Powercell Partner im deutschen Projekt Autostack, das aus einer Initiative des Verkehrsministeriums entstand. An ihm sind BMW, Daimler, VW und Ford beteiligt.

Plug Power

Das US-amerikanische Unternehmen Plug Power entwickelt und produziert Wasserstoff-Brennstoffzellsysteme, womit konventionelle Batterien in Geräten und Autos ersetzt werden sollen. Vor drei Jahren kaufte Amazon 50 Millionen Plug-Power-Aktien. Der Handelsriese will die Brennstoffzellantriebe in seinen Zentren einsetzen, etwa bei Gabelstaplern. Auch Walmart, Fiat-Chrysler und die Deutsche Post zählen zu den Kunden.

Mit gut 200 Millionen Euro Jahresumsatz zählt Plug Power zu den größten Unternehmen in der Branche. Allerdings steigen mit den Umsätzen auch die Verluste: von 66 Millionen Euro im Jahr 2018 auf fast 80 Millionen Euro im abgelaufenen Jahr. Mit jedem eingenommenen Euro verbrennt Plug Power 40 Cent.

Air Liquide und Linde

Wer sein Geld weniger risikoreich anlegen will, setzt auf zwei etablierte Konzerne, die Unternehmen in aller Welt mit Sauerstoff, Wasserstoff und anderen Gasen beliefern. Air Liquide und Linde beherrschen die gesamte Wasserstofflieferkette: von der Produktion über die Verflüssigung und Speicherung bis zur Verteilung und dem Betanken wasserstoffbetriebener Fahrzeuge. Im kanadischen Québec baut Air Liquide eine 20-Megawatt-Anlage, bei der Wasserstoff kohlenstofffrei erzeugt wird.

Linde kooperiert mit dem britischen Wasserstoffspezialisten ITM Power. Ziel ist die Lieferung von Wasserstoff, der mit Ökostrom hergestellt wird, für industrielle Großprojekte. Die Kurse beider Großkonzerne sind stark gestiegen, doch die Unternehmen sind von den euphorischen Bewertungen der reinrassigen Wasserstoffaktien weit entfernt.