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Trotz Corona: Private Vermögen steigen auf ein Rekordhoch

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Der Aktiencrash hat Vermögende nur kurz belastet. Weltweit stiegen die privaten Vermögen im ersten Halbjahr auf knapp 195 Billionen Euro. In Deutschland gibt es dabei Überraschungen.

Insgesamt stiegen die Vermögen der deutschen Privathaushalte im ersten Halbjahr um 1,3 Prozent. Foto: dpa
Insgesamt stiegen die Vermögen der deutschen Privathaushalte im ersten Halbjahr um 1,3 Prozent. Foto: dpa

Jahrhundert-Rezession, Lockdown, Aktiencrash. Das Jahr 2020 wird mit vielen Negativrekorden in die Geschichte eingehen. Doch die Sparer werden weltweit insgesamt mit „einem blauen Auge“ davonkommen. Davon ist Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, überzeugt, nachdem der Versicherungskonzern weltweit Daten zur Vermögensbildung in 57 Ländern ausgewertet hat.

Das Ergebnis: Die rasche Erholung an vielen Aktienmärkten und die höhere Sparrate werden dazu führen, dass die privaten Vermögen in diesem Jahr weltweit wohl um 3,3 Prozent auf mehr als 198 Billionen Euro steigen werden.

Das wäre ein neuer Rekordwert, nachdem sich die Brutto-Vermögen der Menschen rund um den Globus schon 2019 auf den Rekordstand von mehr als 192 Billionen Euro erhöht haben und dabei mit 9,7 Prozent das stärkste Wachstum seit dem Jahr 2005 verzeichneten. Im ersten Halbjahr legten die privaten Vermögen auf 194,6 Billionen Euro zu.

Zum Brutto-Gesamtvermögen zählen Bargeld und Bankeinlagen, angelegtes Geld in Versicherungen und Pensionskassen sowie Anlagen in Wertpapieren und Fonds. Im ersten Halbjahr des laufenden Ausnahmejahres erhöhten sich diese Vermögen laut Allianz-Schätzungen um 1,5 Prozent. Der geschätzte Einbruch von 4,3 Prozent im ersten Quartal ist damit mehr als wettgemacht.

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben sich die meisten Aktienmärkte so schnell wie nie zuvor von ihrem Tief erholt. Zum anderen trugen die öffentlichen Unterstützungsprogramme und die gestiegenen Bankeinlagen zum Vermögensanstieg bei.

Nullzinsen als „süßes Gift“

Zu den öffentlichen Unterstützungsprogrammen zählen die staatlichen Hilfspakete für Arbeitnehmer und Unternehmen und die Geldpolitik. Die Notenbanken weltweit senkten die Leitzinsen und fluteten die Märkte mit Liquidität.

Nach Ansicht von Subran hat „die Geldpolitik das Vermögen gegen Corona quasi immunisiert“. Mittel- und langfristig seien Null- und Negativzinsen aber „ein süßes Gift“, das die Vermögensbildung über Zinsanlagen untergrabe. Zunächst reichen aber auch ohne Zinsen offensichtlich die höheren Sparraten, um die privaten Vermögen steigen zu lassen.

Deutsche sparen weniger auf Konten als andere Länder

Arne Holzhausen, Leiter Insurance und Wealth Markets bei der Allianz, erklärt die gestiegenen Sparquoten sinngemäß so: In den Zeiten des Lockdowns sackte der Konsum deutlich ab, die Menschen wurden angesichts des weltweiten Herunterfahrens der Wirtschaft zum Sparen gezwungen. Jetzt wo das Leben zumindest zum Teil wieder in normalen Bahnen verlaufe, sei die Sparquote immer noch hoch, weil die Menschen jetzt mehr aus Vorsicht sparen und ihr Geld zusammenhalten.

In Deutschland stiegen indes Spareinlagen auf Bankkonten laut Allianz weniger als in anderen Ländern. Im ersten Halbjahr erhöhten sich die Bankeinlagen um 3,5 Prozent. In Frankreich war der Anstieg der Bankeinlagen mit sechs Prozent deutlich höher, ebenso wie in China mit neun und den USA mit zehn Prozent. Das zeigt laut Holzhausen, dass die Deutschen noch relativ gut durch die Krise gekommen sind. „In Deutschland wird mehr konsumiert, die Deutschen sind eher bereit Geld auszugeben.“

Insgesamt stiegen die Vermögen der deutschen Privathaushalte im ersten Halbjahr um 1,3 Prozent und sollten laut Allianz im Gesamtjahr um 2,7 Prozent auf 6,8 Billionen Euro zunehmen. Voraussetzung dafür ist, dass die Märkte sich bis Jahresende stabil halten, die Corona-Fallzahlen nicht wieder deutlich steigen und die Wirtschaft nicht erneut einbricht. Im vergangenen Jahr stieg das Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte um 7,2 Prozent auf knapp 6,7 Billionen Euro. Das war ebenfalls bereits ein Rekordwert.

Das Geldvermögen in Deutschland vermehrte sich damit im vergangenen Jahr so stark wie seit der Jahrhundertwende nicht. Der Zuwachs bleibt indes immer noch leicht unter dem westeuropäischen Durchschnitt von 7,6 Prozent.

Beim Netto-Geldvermögen – also den Vermögenswerten ohne Immobilien abzüglich Schulden – blieb Deutschland mit einem pro Kopf-Vermögen von knapp 57.100 Euro auf Rang 18 in der Liste der reichsten Länder. Angeführt wird die Liste unverändert von den USA mit umgerechnet fast 210.000 Euro, gefolgt von der Schweiz und Singapur.

Deutsche sind keine Aktienmuffel mehr

Noch erstaunlicher als der nur vergleichsweise geringe Anstieg der Bankeinlagen in Deutschland ist, dass die Deutschen mehr in Aktien investieren. „Das Bild des übervorsichtigen deutschen Sparers und des Deutschen als Aktienmuffel gibt es so nicht mehr“, sagt Holzhausen. In den vergangenen drei Jahren haben die Deutschen rund 20 Prozent ihrer neuen Ersparnisse direkt in Aktien angelegt, in den vergangenen sechs Jahren waren es immerhin 5,8 Prozent.

Damit sind die Deutschen mit Bezug auf direkte Aktienkäufe sogar noch aktiver als die US-Bürger. In den USA legten die Privatanleger laut Allianz zwischen 2013 und 2019 nur 0,7 Prozent direkt in Aktien an. Die US-Anleger bevorzugen börsengehandelte Indexfonds. Allerdings könnte sich das in Zeiten der Pandemie geändert haben. US-Handelsplattformen für Kleinanleger wie zum Beispiel Robinhood verzeichneten zuletzt deutlich steigende Umsätze.

Aber auch in Deutschland geht der Trend zur Direktanlage in Aktien offensichtlich weiter. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Direktbank ING Deutschland haben deutsche Privatanleger im ersten Quartal des laufenden Jahres Aktien für 14 Milliarden Euro gekauft und damit sogar 15 Prozent ihrer frischen Ersparnisse in Aktien investiert. Nach Angaben der Postbank nutzen zudem viele Anleger den Absturz der Aktienmärkte von Mitte Februar bis Ende März zum Einstieg an der Börse.

Auffällig ist auch, dass der Home Bias – also die Bevorzugung heimischer Aktien – in Deutschland nicht so ausgeprägt ist wie häufig unterstellt wird. Mit 54 Prozent entfielen laut Allianz in den vergangenen sechs Jahren mehr Käufe deutscher Privatanleger auf ausländische Aktien als auf deutsche. Ihr Anteil am gesamten Aktienbesitz ist damit von 25 Prozent Ende 2013 auf 38 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Ungleiche Vermögensverteilung auch in Deutschland

Insgesamt halten die Deutschen indes immer noch das meiste Geld auf Bankkonten. Im Jahr 2018 – neuere Daten gibt es nicht – verwahrten die Deutschen 40 Prozent ihres Geldes auf Bankkonten, 35 Prozent in Versicherungen und Pensionen und 25 Prozent in Wertpapieren. Privatanleger in Nordamerika hatten dagegen im vergangenen Jahr knapp 53 ihrer Ersparnisse in Aktien angelegt. Das liegt aber mehr an den Entscheidungen der Vergangenheit als an den Käufen in den vergangenen Jahren.

Allerdings trauen sich vor allem Haushalte mit höherem Einkommen an die Börse. Der Allianz zufolge gibt es auch Deutschland noch immer etwa 30 Prozent Haushalte ohne nennenswertes Geldvermögen. Deutschland ist damit laut Holzhausen „weiterhin eines der Länder, wo die Vermögen relativ ungleich verteilt sind“.

Auch weltweit hat sich das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich vergrößert. Die reichsten zehn Prozent – 52 Millionen Menschen in den 57 untersuchten Ländern mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen von 240.000 Euro – besaßen zusammen rund 84 Prozent des gesamten Vermögens von 192 Billionen Euro. Unter ihnen besitzen die Superreichen mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen von 1,2 Millionen Euro fast 44 Prozent.

Die Wohlstands-Kluft wird voraussichtlich durch die Pandemie noch größer. Sie sei schließlich nicht nur ein Rückschlag für die Globalisierung, sondern erschüttere besonders in Ländern mit niedrigerem Einkommen Bildungs- und Gesundheitswesen, betonen die Autoren des „Global Wealth Report“. Und nutzen diese Erkenntnis für einen Aufruf zur Globalisierung: „Wenn sich immer mehr Volkswirtschaften nach innen wenden, wird die Welt insgesamt ein ärmerer Ort sein.“