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Die Börsen-Megatrends sind stärker als die China-Angst

Immer weniger Aktien hängen vom Konjunkturverlauf ab, immer mehr werden von den großen Trends beflügelt. Den Dax kann das schon im Frühjahr auf 14.000 Punkte und höher treiben.

Besonders tiefe Spuren hat die Krise um das Coronavirus bisher an den Rohstoffmärkten hinterlassen. Rohöl kostete zum Jahreswechsel noch knapp 70 Dollar je Barrel, danach folgte der Absturz auf fast 50 Dollar. Der Kupferpreis hatte sich schon aus seinem alten, mehrjährigen Abwärtstrend befreit und war bis auf 6200 Dollar je Tonne vorgedrungen; dann kam es zum Rückschlag auf fast 5500 Dollar.

Durchgeschüttelt werden die Rohstoffmärkte wegen der Schwäche des größten Abnehmerlandes China. Diese Schwäche der chinesischen Wirtschaft dürfte angesichts der unsicheren Lage um die Folgen der Viruskrankheit erst einmal anhalten. Beide Preiskurven, der wichtigste Energie- und Rohstoff schlechthin und das wichtigste Industriemetall, bleiben wacklig.

Für manche Unternehmen sind günstige Rohstoffpreise von Vorteil. Auf der Einkaufsseite werden etwa die Chemiker entlastet, ebenso große Treibstoffverbraucher wie die Lufthansa. Allerdings, da beide in ihrem operativen Geschäft durch die Folgen der chinesischen Viruskrankheit belastet sind, drückt sich das unterm Strich eher in schwachen Kursen aus: So kann Lufthansa nicht von niedrigeren Treibstoffkosten profitieren, sondern leidet stärker unter den Einschränkungen des Verkehrs und der Angst vor einem chinesischen Konjunkturrückgang, der auf das internationale Transportgeschäft durchschlagen würde.

Auch für die Autowerte, die ohnehin durch den Umbruch in ihrer Branche unter Druck stehen, ist die neue Unsicherheit der chinesischen Wirtschaft ein Risiko. Zwar sehen die jüngsten Verkaufszahlen deutscher Hersteller nicht schlecht aus, Daimler konnte seinen Marktanteil in China zuletzt sogar ausbauen. Dennoch bleibt die Gefahr einer empfindlichen Abschwächung des chinesischen Markts.

Wacklige Kupferpreise sind in der Regel ein Indikator für ein Abdriften der Konjunktur. Danach wäre die jüngste, nur leichte Erholung der führenden Volkswirtschaften schon wieder gefährdet. Bezeichnenderweise drehen derzeit an den Börsen Aktien aus den konjunktursensiblen Branchen (Auto, Chemie, Anlagen, Maschinenbau, Stahl) wieder vermehrt nach unten.

Besonders spannend im Dax wird es bei Industrieikone Daimler. Das Unternehmen steht nach dem Abgasskandal und den Erfolgen des E-Autos mitten im Umbruch. Für die Aktie spricht, dass Daimler im Kerngeschäft Fahrzeuge erfolgreich ist, das Unternehmen hohen Substanz- und Markenwert hat und letztlich sogar ein Kandidat für eine Übernahme oder Fusion ist, weil es – im Gegensatz zu BMW oder VW – keine festen Familienaktionäre gibt. Kurzfristig kommt es darauf an, ob der Aktie die Stabilisierung zwischen 40 und 45 Euro gelingt.

Infineon wieder Favorit, Telekom findet Anschluss, RWE unter Strom

Dass der Dax trotz neuer Konjunkturrisiken und angeschlagener Industrieaktien auf Rekordkurs ist, hat einen entscheidenden Grund: Der Aufschwung im Dax wird mittlerweile vor allem von den Aktien getragen, die relativ wenig von der allgemeinen Konjunktur abhängen und deren eigene Branchen- und Unternehmensentwicklung nach oben zeigt.

Die Deutsche Bank, die zwar im Index bisher erst knapp zwei Prozent Gewicht hat, profitiert von der Hoffnung auf den Turnaround, neuen Aktionären und einer abermaligen Kapitalspritze. Kurzfristig könnte sich die Aktie zwischen 9 und 12 Euro festsetzen.

Einen kräftigen Schub bekommt die Deutsche Telekom durch die Erlaubnis ihrer US-Tochter, die Fusion mit dem Konkurrenten Sprint nun anzugehen. Beflügelt wird die Telekom zudem durch die Aussicht auf die bevorstehende Dividendensaison und die Tatsache, dass die Aktie eine klassische Renditealternative zu konjunktursensiblen Titeln ist.

In Lauerstellung befinden sich Fresenius und FMC. Beide Aktien haben eine längere Durststrecke hinter sich, die mit Unsicherheiten über Entgelte auf dem wichtigen US-Markt zusammenhängt und den Schwierigkeiten privater Krankenhäuser hierzulande. Weltweit ziehen Gesundheits- und Pharmawerte seit längerem an (im Dax besonders die Darmstädter Merck), ein gutes Vorzeichen für die nächsten Monate.

Die aktuellen Favoriten im Dax, zu denen darüber hinaus die beiden Energiewerte E.On und RWE sowie die Versicherer Allianz und Münchener Rück gehören, machen sich im Indexverlauf viel stärker bemerkbar als die eingebremsten Konjunkturaktien. Selbst SAP hat seinen jüngsten Schwächeanfall weggesteckt und dürfte wieder Anschluss finden an den weltweiten Rekordlauf der großen Technologieaktien.

Fazit für den Dax: Das Risiko eines Konjunkturrückschlags infolge einer Abschwächung in China besteht. Derzeit ist das eine zusätzliche Hypothek für die ohnehin angeschlagenen Industrieaktien. Die Mehrheit im Dax allerdings, die von Megatrends beflügelt wird (Technologie, Internet, Energiewende, Gesundheit, Sicherheit), hat für die allgemeine Marktrichtung eine viel größere Bedeutung.

Der Dax hat nicht nur mit Bravour seine wichtige Untergrenze von 12.900 bis 13.000 Punkten verteidigt, sondern nun sogar neue Höchstkurse erreicht. Für die nächsten Wochen wäre es gut, wenn er bei kurzfristigen Schwankungen nicht mehr unter die Zone 13.400 bis 13.600 Punkte rutscht. Schon bis März könnte er dann die Marke von 14.000 Punkten nehmen. Die starke Performance der wichtigen US-Indizes ist dafür eine gute Vorlage.