Deutsche Märkte geschlossen

Autoverband warnt vor langer Durststrecke durch die Coronakrise

Die Coronakrise stellt die Autoindustrie vor völlig unkalkulierbare Herausforderungen. Selbst die Wende zur Elektromobilität ist in Gefahr.

Die Parkplätze vor dem VW-Werk haben sich geleert. Eine zweiwöchige Produktionspause beginnt. Foto: dpa

Die deutsche Automobilindustrie steht vor einer schwierigen Zeit. Lastwagen mit Fahrzeugteilen bleiben aufgrund der Coronavirus-Pandemie an der vielfach geschlossenen deutsch-polnischen Grenze hängen, was zu Versorgungsengpässen bei großen Automobilherstellern führt.

Kleineren Zulieferern brechen die Aufträge weg, was in sehr kurzer Zeit zu massiven Liquiditätsproblemen führen kann und zu einer Überlebensfrage der Unternehmen wird. Die wenigen jetzt noch verkauften Fahrzeugen kommen nicht auf die Straße, weil die Zulassungsstellen geschlossen haben.

„Wir werden lange mit drastischen wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen haben“, warnte am Donnerstag Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Gerade vielen kleineren Unternehmen aus dem mittelständischen Zulieferbereich müssten jetzt schnell liquide Mittel bereitgestellt werden. Staatliche Stellen und Kreditinstitute sollten sich an ihre Zusagen halten und wirklich unbürokratisch helfen.

Sorgen macht sich die Autobranche auch wegen der geschlossenen Grenzen in Europa. Die einzelnen Nationalstaaten gehen dabei nach ihren eigenen gesetzlichen Vorgaben vor, ohne dass es dabei eine einheitliche europäische Regelung gibt. Aus Sicht des VDA könnte das zu einem Problem werden, wenn die jetzt europaweit verkündeten Werksschließungen aufgehoben werden. Blieben Grenzen weiterhin geschlossen, wäre die Teilversorgung der Autofabriken weiterhin nicht garantiert, wenn die Produktion eigentlich wieder losgehen soll.

„Wir brauchen in Europa einheitliche Entscheidungen für einen vernünftigen Hochlauf, nachdem diese Krise abgeklungen ist“, forderte VDA-Präsidentin Müller. Innerhalb der EU sei eine stärkere Kooperation der Mitgliedsstaaten nötig. Gerade Länder wie Polen und Tschechien hatten sich an den vergangenen Tagen zu extrem harten Beschränkungen im öffentlichen Leben entschieden, um die Gefahr durch das Coronavirus einzugrenzen.

Kfz-Zulassungsstellen sind geschlossen

Bei bestehenden Lieferketten etwa für die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten kommt es zu Verzögerungen, weil die Infrastruktur für die Logistik nicht mehr überall reibungslos funktioniert. „Zulassungsstellen und Werkstätten müssen offen bleiben“, lautet deshalb die Forderung von Verbandschefin Müller. „Andernfalls können für die Versorgung der Menschen wichtige Fahrzeuge nicht ausreichend gewartet werden.“

Viele Kfz-Zulassungsstellen in Deutschland sind bereits geschlossen worden. Dadurch werden an manchen Orten keine neuen Lkw mehr für den Straßenverkehr zugelassen, was zu zusätzlichen Lücken in der Logistik führen kann.

Wie einschneidend und dauerhaft die Belastungen für die deutsche Automobilindustrie sind, lässt sich nach Angaben des Verbandes heute seriös nicht sagen. Die Branche befinde sich in einer „nie dagewesenen Situation“. Erst nach einer gewissen Beruhigung werde es möglich sein, die tatsächlich entstandenen Kosten und Belastungen zu quantifizieren.

In diesem Jahr müssen alle europäischen Automobilhersteller verschärfte Emissionsgrenzen beim Kohlendioxid einhalten. Dazu werden viel neue Elektromodelle und Plug-in-Hybride gebraucht. Die Coronakrise könnte jedoch dazu führen, dass die neuen E-Modelle nicht mehr rechtzeitig entwickelt und produziert werden. Außerdem ist auch eine starke Zurückhaltung der Kunden nach einer gewissen Normalisierung denkbar: Neue Elektroautos werden in einer Situation von Unsicherheit nicht gekauft.

Trotzdem wird in Verbandskreisen aktuell keine Notwendigkeit gesehen, von den in diesem Jahr geltenden verschärften Grenzwerten abzurücken. Die Branche wolle diese Vorgaben unverändert einhalten. Wenn aber beispielsweise die Ladeinfrastruktur in diesem Jahr nicht wie vorgesehen ausgebaut werden könnte, seien die avisierten Verkaufsziele bei Elektrofahrzeugen möglicherweise nicht zu erreichen.