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Die Apple Vision Pro ist da – und ihre unheimlichen Nebenwirkungen könnten unser Gehirn verändern

Die Apple Vision Pro könnte unheimliche Nebenwirkungen mit sich bringen. - Copyright: Apple; Mike Kemp/In Pictures via Getty Images; Alyssa Powell/BI
Die Apple Vision Pro könnte unheimliche Nebenwirkungen mit sich bringen. - Copyright: Apple; Mike Kemp/In Pictures via Getty Images; Alyssa Powell/BI

Die Kritiken sind da und die Fachpresse lobt das Apple Vision Pro-Headset weil es hält, was das Unternehmen verspricht. Es ist gut durchdacht, Video und Sound sind verblüffend präzise. Auch die gestische Steuerung im Stil von "Minority Report" ist zukunftsweisend. Niemand weiß genau, wofür es gedacht ist oder ob größten VR-Fans 3500 Dollar (etwa 3245 Euro) dafür ausgeben werden. Aber hey – das sind eben Gadgets.

Dennoch ist dies eine neue Gadget-Ära. Die Apple Vision Pro verwendet wie die ähnlich ausgestatteten Headsets Quest 3 und Quest Pro von Meta das sogenannte "Passthrough"-Video. Das bedeutet, dass Kameras und andere Sensoren Bilder von der Außenwelt aufnehmen und im Gerät wiedergeben. Sie füttern euch mit einer synthetischen Umgebung, die der realen Umgebung nachempfunden ist. Dazu gehören auch Apple Apps und andere nicht reale Elemente, die vor euch schweben. Apple und Meta hoffen, dass diese virtuelle Welt so fesselnd ist, dass ihr sie nicht nur besuchen werdet. Sie hoffen, dass ihr dort leben werdet.

Merkwürdige und unangenehme Folgen für das Gehirn

Das könnte leider einige sehr merkwürdige und unangenehme Folgen für das menschliche Gehirn haben. Forscher haben herausgefunden, dass ein weitverbreitetes, langfristiges Eintauchen in VR-Headsets die Art und Weise, wie wir die Welt – und einander – wahrnehmen, tatsächlich verändern könnte. "Es gibt jetzt Unternehmen, die dafür plädieren, dass man viele Stunden am Tag in diesen Headsets verbringt", sagt Jeremy Bailenson, Leiter des Virtual Human Interaction Lab in Stanford. "Man hat viele, viele Menschen, die das Gerät viele, viele Stunden lang tragen. Und alles verstärkt sich in großem Maßstab."

Das bedeutet: Unsere Gehirne sind im Begriff, ein massives, gesellschaftsweites Experiment zu durchlaufen. Es könnte unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum neu verdrahten und es noch schwieriger machen, sich darauf zu einigen, was Realität ist.

Die kurzfristigen Nebenwirkungen der virtuellen Realität sind hinlänglich bekannt. Menschen in synthetischen Umgebungen neigen dazu, Entfernungen falsch einzuschätzen, sowohl aus der Ferne als auch aus der Nähe. Das ist keine Überraschung: Selbst im realen, dreidimensionalen Universum unterliegt unsere Fähigkeit, zu bestimmen, wie nah oder weit etwas entfernt ist, allen möglichen externen Faktoren.

Virtuelle Umgebungen mit ihrer geringeren Auflösung und synthetischen 3D-Darstellung verschlimmern das Ganze noch – was besonders schlimm ist, wenn ihr zu den Nutzern gehört, die Videos von sich selbst beim Skateboarden oder Autofahren posten, während ihr ein Mixed-Reality-Headset tragt. Ihr denkt, dass eure Hände an einer bestimmten Stelle sind, aber in Wirklichkeit sind sie an einer anderen. Und schon fahrt ihr mit eurem Auto durch einen Supermarkt.

Auch Objekte in einem Headset können durcheinander gebracht werden. Das nennt man Objektverzerrung. Die Dinge werden verzerrt und ändern ihre Größe, Form oder Farbe, vor allem, wenn ihr euren Kopf bewegt. Eine Videowiedergabe kann nicht mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit und Wiedergabetreue eurer Augen und eures Gehirns mithalten.

Mit der Apple Vision Pro kann man auch Apps steuern. - Copyright: Apple
Mit der Apple Vision Pro kann man auch Apps steuern. - Copyright: Apple

Virtuelle Scheinwelt führt zu Wahrnehmungseffekten

All dies sind, wie die IT-Fachleute sagen, bekannte Probleme. Für ein paar Minuten oder eine Stunde, etwa um ein Spiel zu spielen oder einen Film zu sehen, sind sie ein kleines Ärgernis. Aber eine Brille, die die Wahrnehmung verändert, tagelang zu tragen – wie Bailensons Forscherteam es getan hat – macht die Probleme schlimmer. Viel schlimmer.

Das Team trug Apple Vision Pros und Quests einige Wochen lang auf dem Universitätsgelände und versuchte, all die Dinge zu tun, die sie auch ohne sie getan hätten (mit einem Betreuer in der Nähe, falls sie stolpern oder gegen eine Wand laufen würden). Sie litten unter der "Simulatorkrankheit" – Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl. Das war seltsam, wenn man bedenkt, wie erfahren sie alle mit Headsets aller Art waren. Und sie spürten alle Entfernungs- und Verzerrungseffekte: Sie dachten, die Aufzugknöpfe seien weiter von ihren Fingern entfernt, oder hatten Schwierigkeiten, das Essen zum Mund zu führen. Aber wie jeder von uns passten sie sich an – ihre Gehirne und Muskeln lernten, ihre neue Sicht auf die Welt zu kompensieren.

Mehr zum Thema: Die ersten ausführlichen Testberichte für Apples Vision Pro liegen vor: Das sagen die ersten Nutzer über die 3500-Euro-Brille

Das scheint eine Lösung zu sein – aber sie ist es nicht. Wenn sich Menschen lange genug an eine veränderte Wahrnehmung gewöhnen, beginnt die reale Welt in die entgegengesetzte Richtung falsch auszusehen. Wenn du eine Brille trägst, die deine Sicht auf den Kopf stellt, musst du dich wieder anpassen, wenn du die Brille abnimmst. Je länger man sich in einer Scheinwelt aufhält, desto länger halten die seltsamen Wahrnehmungseffekte an. Wer also seinen Arbeitstag in einer Apple Vision Pro verbringt, geht abends vielleicht mit einem falsch kalibrierten Orientierungssystem und einem Kater wie nach der Einnahme von Magic Mushrooms nach Hause.

An dieser Stelle wird das Passthrough-Video außerordentlich wichtig. Der Cyberpunk der alten Schule stellte sich die virtuelle Realität als eine allumfassende synthetische Umgebung vor. Die Techies der neuen Schule schlugen eine erweiterte Realität mit digitalen Pop-ups vor, die auf durchsichtigen Linsen im Stil von Google Glass schweben. Aber beide Ansätze haben ihre Grenzen. Vollständige, sinnentkoppelnde VR ist nicht viel mehr als Nischenunterhaltung. AR neigt hingegen dazu, sowohl ihre Anwendungen als auch die reale Welt schlecht aussehen zu lassen. Vom visuellen Standpunkt aus gesehen ist Passthrough die am wenigsten schlechte Lösung - aber die sozialen Folgen sind unheimlich.

Da Passthrough die Realität einfängt und dann wiedergibt, kann es im Laufe der Zeit eine beunruhigende, distanzierende Wirkung haben. Als Bailensons Kollegen tatsächlich versuchten, mit Menschen zu sprechen, verwandelte sich die Welt in ein riesiges, verwirrendes Zoom. Video-Chats, das haben wir alle schon erlebt, sind von verzögerten Antworten und verpassten sozialen Hinweisen geprägt. Die Gespräche verlieren an Subtilität, aber für eine Besprechung reicht es aus. Aber Passthrough verstärkt den Effekt: Die Personen, mit denen ihr sprecht, erscheinen unwirklich. Aus der Nähe sehen sie wie Avatare aus. Aus größerer Entfernung sind sie nur noch Teil des Hintergrunds.

Bailenson beschreibt das als ein Gefühl der sozialen Abwesenheit. Andere Menschen sind einfach nicht ganz da. Er drückt es zwar nicht so aus, aber ich möchte warnen: Die langfristige Verwendung von Passthrough-Headsets könnte dazu führen, dass wir andere Menschen als Nicht-Menschen wahrnehmen – als Nicht-Spieler-Charaktere in einem gamifizierten "Uncanny Valley".

Objekte sind nicht mehr objektiv

Wir alle leben in unserer eigenen Wahrnehmungsblase. Jeder Mensch hat leicht unterschiedliche Wahrnehmungsschwellen – wir sehen Farben etwas anders, hören unterschiedlich gut, sind mehr oder weniger empfindlich für verschiedene Gerüche. Und all das verarbeiten wir mit Gehirnen, die zunächst durch unsere Gene und dann durch lebenslange neuronale Veränderungen, durch Denken und Handeln einzigartig eingestellt sind.

Aber im Allgemeinen sind wir uns über einige Gemeinsamkeiten einig. Selbst wenn euer Blau ein wenig anders aussieht als meines, können wir uns darauf einigen, welche Farbe der Himmel hat. Vielleicht ist meine Toleranz für Chilischoten höher als eure, aber wir erkennen sie alle, wenn wir sie essen.

Infografik: Wie verbreitet ist Apple Pay? | Statista
Infografik: Wie verbreitet ist Apple Pay? | Statista

Headsets machen die Wände dieser Sinnesblasen noch dicker und schwieriger zu überbrücken. Es fehlt uns schon an politischem Zusammenhakt. Wenn Millionen von Amerikanern stundenlang VR-Headsets tragen, werden wir uns vielleicht nicht mehr über unsere physische Realität einigen können. Die Headsets werden Dinge in unsere visuelle Welt bringen, die für alle anderen nicht da sind. Die Objekte sind nicht mehr objektiv.

Und das ist noch nicht alles: "Diese Headsets können der realen Welt nicht nur Dinge hinzufügen, sie können sie auch löschen", so Bailenson. Er bemerkte die seltsame Editierfunktion von VR zum ersten Mal, als er ein Spiel auf dem Quest 3 spielte, bei dem Teile der realen Wände um ihn herum "herausgeschnitten" und durch eine virtuelle Szene ersetzt wurden. "Ich beschäftige mich schon eine Weile mit VR und AR", sagt er. "Und ich habe noch nie erlebt, dass das Löschen so gut funktioniert."

Eine persönliche, editierbare Welt in einem Headset zu haben, ist vielleicht cool für Menschen - aber wahrscheinlich nicht für die Menschheit. - Copyright: Apple
Eine persönliche, editierbare Welt in einem Headset zu haben, ist vielleicht cool für Menschen - aber wahrscheinlich nicht für die Menschheit. - Copyright: Apple

Auf den ersten Blick scheint das ziemlich toll zu sein. Steckt ihr in einem überfüllten Bus fest? Löscht Sie alle und ersetzt sie durch die Erste-Klasse-Kabine eines Jumbo-Jets. Ihr hasst aufdringliche Werbetafeln? Dann ersetzt alle kommerziellen Bilder durch beruhigende Ausblicke eurer Wahl.

Die Gemeinsamkeiten werden verschwinden

Aber was passiert, wenn die Apple-Vision-Technologie gut genug ist, um zum Beispiel Obdachlose zu löschen? Oder Regenbogenflaggen? Ihr seht, worauf ich hinaus will – buchstäbliche Auslöschung. Als der Science-Fiction-Autor William Gibson das Konzept des Cyberspace entwickelte, beschrieb er es als "einvernehmliche Halluzination". Das ist das genaue Gegenteil: Milliarden diskreter, nicht geteilter Halluzinationen, jede einzelne eine Schneeflocke für sich.

"Was wir erleben werden, ist, dass bei der Verwendung dieser Headsets in der Öffentlichkeit die Gemeinsamkeiten verschwinden", sagt Bailenson, "Die Menschen werden sich am selben Ort befinden und gleichzeitig visuell unterschiedliche Versionen der Welt erleben. Wir werden die gemeinsame Basis verlieren".

Zugegeben: Jeder flippt immer aus, wenn es um neue Verbrauchertechnologien geht. Die Reaktionen sind fast immer dieselben. Die neue Form des sensorischen Inputs wird den Kindern schaden! Sie ist eine gefährliche Ablenkung! Sie ist sozial entfremdend! Das haben sie über das iPhone gesagt, über den Walkman … verdammt, vor einem halben Jahrtausend haben sie das über das Buch gesagt. Neue Technologien kommen auf und wir passen uns an.

Und ich muss mich nicht auf meine Nerdigkeit stützen, um mir lustige Sci-Fi-Anwendungen für Passthrough vorzustellen. Das wirkliche Potenzial der Apple Vision Pro liegt in der Fähigkeit, die unsichtbare Informationsmetastruktur der Welt zu sehen - Übersetzungs-Overlays oder Pop-up-Tags, die die Namen und Pronomen von Menschen anzeigen und woher man sie kennt. Aber auch Wegbeschreibungen oder ein mit dem Benutzerhandbuch verbundener Röntgenblick für den Zusammenbau eines Ikea-Couchtisches. Verknüpfung meiner Einkaufsliste mit den Gängen, die ich im Supermarkt aufsuchen muss. Vielleicht kann ich sogar meine Sehkraft über das hinaus erweitern, was meine Augen können, und in den ultravioletten Bereich sehen oder elektrische Felder wahrnehmen. Ja, Passthrough hat Grenzen, aber es könnte auch Superkräfte haben.

Wie ich ist Bailenson kein Freak: Er liebt VR und findet die neuen Headsets toll. Er weiß, dass die Bildschirme mit der Zeit eine bessere Auflösung und ein schnelleres Rendering erhalten werden. Neue Algorithmen werden Verzerrungen minimieren. Es ist nicht die Technologie, die ihn beunruhigt. Es geht darum, wie sehr wir in sie eintauchen werden.

"Die Welt wird schon in Ordnung sein", sagt er, "die Menschen passen sich den Medien an. Diese Headsets sind unglaublich. Aber philosophisch gesehen glaube ich nicht, dass wir diese Headsets jeden Tag stundenlang tragen müssen."

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Das haben wir schon einmal erlebt – und zwar erst vor kurzem. Vor etwa zehn Jahren hat niemand über die Folgen nachgedacht, die sich ergeben, wenn Millionen von Menschen in unüberschaubare soziale Netzwerke gedrängt werden. Und wir alle wissen, wie das ausgegangen ist. Jetzt stehen wir kurz davor, Millionen von Menschen in Helme zu stecken, die uns alle unsere eigenen, veränderbaren Realitäten geben. Deshalb ist die Art von Forschung, die Bailenson über Passthrough-Headsets durchführt, so wichtig: "Ich ermutige alle Wissenschaftler, zu versuchen, sie zu verstehen", sagt er.

In der Zwischenzeit, während er seine Arbeit macht, solltet ihr vielleicht nicht vergessen, die Apple Vision Pro ab und zu abzunehmen. Je länger ihr sie anbehaltet, desto mehr verwandelt ihr euch in ein menschliches Versuchskaninchen. Und zwar eines mit einer sehr, sehr schlechten Tiefenwahrnehmung.

Adam Rogers ist ein leitender Korrespondent bei Business Insider in den USA.

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