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Coronakrise ruft Zocker auf den Plan

Nach turbulenten Handelswochen pendelt sich die Stimmung wieder auf einem neutralen Niveau ein. Allerdings treten wohl verstärkt Zocker in Aktion.


Das sommerliche Wetter hat offenbar Einfluss auf den Aktienmarkt. „Die Sonne scheint, Ferien stehen vor der Tür – vielleicht nehmen auch die Aktienmärkte in den nächsten Wochen mal den Gang raus, laufen vielleicht einfach nur seitwärts mit moderaten Ausschlägen nach oben und unten“, meint Stephan Heibel nach Auswertung der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment.

Noch vor einer Woche hatte er vor einem Rücksetzer beim Dax gewarnt. Dieser Rutsch erfolgte am Montag mit Kursen unterhalb von 11.600 Punkten, anschließend stieg der Dax wieder und erreichte ein Wochenplus von mehr als drei Prozent.

Dieser Rücksetzer am Montag hat bei vielen Anlegern ein wenig für Erleichterung gesorgt. Das ist deutlich an der Stimmungsumfrage ablesbar. „Doch alles ging viel zu schnell, nicht alle Kaufwünsche konnten schnell genug umgesetzt werden“, erläutert der Inhaber des Analysehauses Animusx.

Somit sind nicht alle Umfragewerte neutral. Es gibt aber nur noch kleinere Ungereimtheiten, die insgesamt keine deutliche Kursbewegung erwarten lassen.

Für Heibel trieben zwei Anlegergruppen die Rally in den vergangenen Wochen voran. Zum einen waren es Anleger, die Angst hatten, Kursgewinne zu verpassen. Zum anderen lösten viele ihre Short-Positionen auf und sorgten damit ebenfalls für steigende Kurse.

Denn solche Short-Spekulationen funktionieren nach folgendem Muster: Beim Kauf eines Put-Produkts verkauft die Bank im Hintergrund den Basiswert. Und wenn ein solches Derivat verkauft wird, muss die Bank den Wert wieder kaufen.

Doch diese beiden Anlegergruppen treten offenbar wieder in den Hintergrund. Zwei andere Aspekte dürften Heibels Meinung nach nun in den Vordergrund rücken: Daten zur Konjunkturerholung und Zocker.

Zocker jubeln Corona-Verliererpapiere in die Höhe

„Wir haben derzeit zwei Märkte: Corona-Gewinneraktien, die nachhaltig ansteigen, sowie Corona-Verliererpapiere, die von Zockern immer wieder in die Höhe gejubelt werden, bei Rücksetzern dann jedoch überproportional Federn lassen“, beobachtet er.

Zu den Gewinneraktien: „Es ist inzwischen deutlich sichtbar, welche Unternehmen als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen werden“, meint der Sentimentexperte. Denn die Lage normalisiert sich und lässt einen besseren Blick auf die fundamentalen Werte zu. Weltweit werden positive Konjunkturdaten veröffentlicht. Corona-Ausbrüche sind regional begrenzt, die Normalisierung der Kontaktsperren erfasst jedoch alle Industrienationen.

Zu den Zockern: Diese Anlegergruppe kauft, ohne auf fundamentale Werte zu achten, Aktien von Unternehmen, die gestern noch kurz vor der Pleite standen und heute vom Konjunkturprogramm ihrer Regierung oder von der Liquiditätsschwemme der Notenbanken gerettet werden.

Als Beispiele nennt er den Kursverlauf von Deutsche Bank und Commerzbank. „Unseren Banken stehen große Kreditausfälle bevor, sie dürfen bis zum Jahresende die säumigen Zahler dafür nicht einmal zur Verantwortung ziehen“, meint Heibel. Dennoch sei die Aktie der Commerzbank bereits wieder um 44 Prozent gestiegen, die der Deutschen Bank sogar um 69 Prozent.

Doch in der vergangenen Woche gab es den Rücksetzer: Die Commerzbank verlor vier Prozent. Die Deutsche Bank legte weniger als der Dax zu, hatte aber in der Woche zuvor bereits zehn Prozent abgegeben.

Weltuntergangsstimmung ist verflogen

Entsprechend dem Dax-Wochenplus von mehr als drei Prozent ist die Weltuntergangsstimmung verflogen, die Ende der vergangenen Woche noch unter den Anlegern herrschte. Die Stimmung ist momentan neutral. Das zeigen die aktuellen Umfragewerte.

Auch die Verunsicherung ist deutlich zurückgegangen: Nachdem in den beiden Vorwochen steigende Kurse für immer mehr Unbehagen bei nicht investierten Anlegern gesorgt haben, ist dieser Wert deutlich zurückgegangen, von minus 3,8 auf aktuell minus 2,3.

Offenbar war die Korrektur zu kurz, als dass alle Anleger davon profitieren konnten. Dann wäre der Wert deutlicher gestiegen. Doch ein Teil konnte die Korrektur nutzen, um sich neu zu positionieren.

Richtiger Optimismus will dennoch nicht aufkommen. Die Zukunftserwartung ist auf minus 1,9 zurückgegangen. Noch immer ist die Mehrzahl der Anleger davon überzeugt, dass sich das aktuelle Kursniveau nicht halten wird. Bären dominieren die Erwartungshaltung bei der Kursentwicklung in drei Monaten.

Entsprechend sind auch schon wieder kaum Anleger bereit, neue Investitionen einzugehen. Die Investitionsbereitschaft ist auf minus 0,2 abgesackt, mit 68 Prozent geben mehr Anleger als sonst an, noch nicht zu wissen, ob sie in den kommenden zwei Wochen zu- oder verkaufen möchten.

Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, ist ein wenig angestiegen. Es sind also weniger Short-Hebelprodukte im Vergleich zu Call-Derivaten in deren Depots. Vermutlich haben Privatanleger einen kleinen Teil ihrer Absicherungspositionen gegen fallende Kurse aufgelöst.

Institutionelle Anleger fürchten die kommenden Wochen

Die Profis hingegen, die sich über die Frankfurter Eurex absichern, haben ihre Long-Positionen geschlossen und große Absicherungspositionen gekauft. Das Put/Call-Verhältnis ist binnen weniger Tage von einem extrem niedrigen auf ein extrem hohes Niveau gesprungen. Das zeigt: Institutionelle Anleger haben Angst vor den kommenden Börsenwochen.

In den USA ist von einer solchen Reaktion nichts zu sehen. Das Put/Call-Verhältnis der Chicagoer Terminbörse ist weiterhin extrem niedrig, signalisiert also große Long-Spekulationen auf steigende Kurse.

Auch US-Fondsmanager sind in der vergangenen Woche wieder eingestiegen, die Investitionsquote ist um fünf Prozentpunkte auf 88 Prozent angestiegen. Unter US-Privatanlegern dominieren weiterhin ganz klar die Bären. Der auf technischen Markdaten basierende Angst-und-Gier-Indikator des S & P 500 zeigt mit einem Wert von 51 Prozent weiterhin eine neutrale Marktverfassung an.

Mittlerweile zeigen auch kurzfristige technische Indikatoren wie der „S & P Short Range Oscillator“ eine neutrale Stimmung an. Der wird anhand mehrerer Marktindikatoren berechnet, einschließlich Preisänderungen und Marktbreite. Die Prognose des Indikators liegt auf einem Zeitraum von fünf bis zehn Tagen. Er ist von seinem historischen Hoch von vor zwei Wochen nunmehr auf die Nulllinie zurückgefallen.

Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.