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Anleger greifen zu griechischen Bankaktien

Griechische Bankaktien sind nichts für schwache Nerven. Doch viele Analysten sehen ihre Zukunft positiv, auch wenn die faulen Kredite noch ein großes Problem sind.

Wer vor zehn Jahren Aktien der griechischen Piraeus Bank kaufte, hat fast 100 Prozent seines Geldes verloren. Nahm ein Anleger hingegen das Papier Anfang dieses Jahres ins Depot, hat er seinen Einsatz fast verdreifacht. Das Wort Volatilität beschreibt nur unzureichend, was bei den griechischen Bankaktien abläuft.

Als krisenfeste Anlage für die Altersvorsorge sind sie völlig ungeeignet. Dafür lassen die Charts von Piraeus, Alpha Bank, National Bank of Greece (NBG) und Eurobank die Herzen der Zocker umso höherschlagen. Zumal jetzt. Denn viele Analysten empfehlen griechische Finanztitel wieder zum Kauf.

Die Großbank HSBC, die bereits bisher die Alpha Bank als Kaufempfehlung führte, setzte vergangene Woche auch die drei anderen systemischen Institute Eurobank, NBG und Piraeus von „halten“ auf „kaufen“. Die HSBC-Analysten verweisen darauf, dass sich das Wirtschaftsklima und das Verbrauchervertrauen in Griechenland verbessern.

Mit dem Amtsantritt der wirtschaftsfreundlichen konservativen Regierung im Juli haben sich nach Einschätzung der Experten die makroökonomischen Perspektiven verbessert, wovon die Banken profitieren dürften. Auch die Analysten von JP Morgan und der Deutschen Bank sind positiv gestimmt für griechische Banken.

Die jetzt veröffentlichten Quartalszahlen bestätigen die Analysten in ihrer zuversichtlichen Bewertung. Die Piraeus Bank konnte ihren Nettogewinn im dritten Vierteljahr gegenüber dem Vorquartal auf 40 Millionen Euro verdoppeln. Die Eurobank steigerte ihr Ergebnis sogar von sechs auf 56 Millionen Euro.

Die National Bank of Greece meldete 171 Millionen Euro Nettogewinn nach 122 Millionen im Vorquartal. Nur bei der Alpha Bank ließen höhere Rückstellungen für Kreditrisiken den Nettogewinn gegenüber dem Vorquartal von 59 auf knapp fünf Millionen Euro schrumpfen. Die siebenjährige Finanzkrise bescherte den griechischen Banken schwere Turbulenzen.

Im Frühjahr 2015 lösten der damalige Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis mit ihrer Konfrontationsstrategie gegenüber den Euro-Partnern eine massive Kapitalflucht aus. Nur mit der Einführung von Kapitalkontrollen konnten die Banken vor dem Ausbluten bewahrt werden. Am Jahresende folgten ein Reverse-Split und eine Kapitalerhöhung. Es war bereits die dritte seit 2013.

Die vier systemischen Institute mussten in den Krisenjahren mit insgesamt 50,6 Milliarden Euro rekapitalisiert werden. Davon kamen 42,3 Milliarden vom staatlichen Bankenrettungsfonds HFSF und 8,3 Milliarden von privaten Investoren. Das Ergebnis: Die Altaktionäre verloren 99,9 Prozent ihres Geldes.

Inzwischen haben sich die Banken stabilisiert, wie Griechenland insgesamt. Im Oktober setzten die Ratingagenturen Scope und Standard & Poor’s Griechenlands Kreditwürdigkeit um eine Stufe herauf. Das Land rangiert zwar immer noch zwei beziehungsweise drei Stufen unter der Schwelle zur Liga der investitionswürdigen Schuldner.

Dennoch fielen die Renditen der griechischen Staatsanleihen in den vergangenen Wochen auf den tiefsten Stand, seit Griechenland 2001 den Euro einführte. Davon profitieren die Banken nicht nur mit Buchgewinnen bei ihren Beständen griechischer Staatsanleihen. Die sinkenden Bondrenditen erleichtern ihnen auch die Refinanzierung am Kapitalmarkt.

Die Kunden fassen ebenfalls wieder Vertrauen in die Geldinstitute. Nachdem die griechischen Banken in der Krise fast die Hälfte ihrer Einlagen verloren, steigen die Depositen seit gut zwei Jahren wieder. Im September beliefen sich die Einlagen der Unternehmen und privaten Haushalte auf 139 Milliarden Euro, gegenüber 131 Milliarden im Jahr zuvor.

Belastung durch Kredite

Auch die Analysten von Bank of America Merrill Lynch entdecken die Hellas-Banken wieder. Sie haben jetzt nach langer Pause die griechischen Geldinstitute wieder in die Liste der von ihnen beobachteten Banken aufgenommen. Als Kaufempfehlung nennen sie die Eurobank. Begründung: Als erster der griechischen Banken werde es ihr gelingen, schon 2021 die Quote der notleidenden Forderungen unter die Zehnprozentmarke zu drücken.

Die faulen Kredite: Sie sind die schwerste Hinterlassenschaft der Krise. Branchenweit werden mehr als 40 Prozent aller ausgereichten Darlehen nicht mehr bedient oder sind akut ausfallgefährdet. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Euro-Zone liegt die Quote bei 3,3 Prozent. Die Summe der notleidenden Forderungen (NPE) entspricht in Griechenland mit 75,4 Milliarden Euro 40 Prozent des diesjährigen Bruttoinlandsprodukts – ein gewaltiger Berg.

Aber die Banken arbeiten daran, ihn abzutragen. In den vergangenen zwölf Monaten haben sie bereits faule Kredite von über 15 Milliarden Euro aus den Bilanzen getilgt. Jetzt wollen sie das Tempo beschleunigen. Mit Umschuldungen, Verbriefungen und dem Verkauf von Forderungen an Kreditverwerter will die Alpha Bank die Quote der NPEs von derzeit 44 Prozent bis Ende 2022 unter zehn Prozent drücken.

Noch ambitionierter ist das Ziel der NBG. Sie will den Anteil der Problemkredite von aktuell 34,2 Prozent in den kommenden drei Jahren auf fünf Prozent herunterfahren. Die Eurobank plant, die Quote von 31,1 Prozent bereits bis Ende 2021 auf 8,8 Prozent zu drücken. Den längsten Weg hat die Piraeus Bank vor sich.

Das Institut hatte in den Krisenjahren mehrere kleinere griechische Banken übernommen und damit Marktanteile gewonnen, sich mit den Übernahmen aber auch viele faule Kredite eingehandelt. Ende 2018 hatte die Bank mit 51 Prozent die branchenweit höchste Quote an NPEs. Piraeus-CEO Christos Megalou will im Rahmen seiner „Agenda 2023“ bis Ende 2023 den Anteil unter zehn Prozent drücken.

Mit einer Kernkapitalquote (Tier 1) von 16,5 Prozent im Branchendurchschnitt sind die griechischen Banken auch im europäischen Vergleich wieder recht solide aufgestellt und fühlen sich für die Zukunft gut gerüstet. Der Lackmustest steht an. Im kommenden Jahr wird die europäische Bankenaufsicht Eba den nächsten Stresstest durchführen.