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Anleger feiern euphorisch das neue Börsenjahr – Jetzt kommt die Zeit der Gewinnabsicherung

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Die aktuellen Daten beim Dax-Sentiment zeigen: Die Rally befindet sich in einer späten Phase. Welche Schlüsse Anleger daraus ziehen sollten.

Die neuen Dax-Rekordstände haben für eine extreme Euphorie unter den Anlegern gesorgt. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse der wöchentlichen Handelsblattumfrage Dax-Sentiment unter mehr als 4000 Investoren.

Das könnte für einen baldigen Ausverkauf sprechen. Denn Euphorie gilt laut Sentimentanalyse als Kontraindikator, weil – vereinfacht formuliert – in solchen Phasen sehr viele Anleger investiert sind und bei fallenden Kursen diese Börsianer als Käufer ausfallen, um die Abwärtsbewegung zu stoppen.

Die Euphorie hat mittlerweile einen Wert von 6,1 erreicht. Nur vier Mal in den vergangenen sechs Jahren gab es beim Dax-Sentiment eine ähnliche Partystimmung. Anschließend folgte drei Mal eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten.

Einmal jedoch schoss der Dax weiter ungebremst in die Höhe. Das war Ende 2015, als die US-Notenbank erstmals nach zehn Jahren den Zins anhob. Die Angst vor der Zinswende war zuvor groß, doch nach der ersten Zinserhöhung setzten die Aktienmärkte ihre Rally fort.

Erstmals seit längerer Zeit besteht nun für die kommenden Tage die Gefahr eines heftigen Ausverkaufs. Doch Stephan Heibel, der die wöchentliche Umfrage auswertet, würde nicht alles darauf setzen, dass die Kurse abrutschen. „Die Sentimentumfrage ist hervorragend geeignet, um Tiefpunkte im Markt auszumachen“, erläutert er, „aber bei einem Top ist die Trefferquote eher mäßig.“

Sein Ratschlag: Gewinne sichern. „Je nach Position und Strategie ist es niemals verkehrt, einige Teilgewinne zu realisieren“, meint der Inhaber des Analysehauses Animusx. Den Rest könne man je nach Risikoneigung durch sogenannte Trailing-Stops absichern.

Dabei wird der Stop-Preis in einem festgelegten Folgeabstand (Trailing-Wert) an den Kurs gekoppelt. Wenn dieser Wert steigt und somit der Abstand größer als der Trailing-Wert ist, wird der Stop-Preis nach oben angepasst.

Damit können Anleger die Rally, sollte sie ungebremst weiterlaufen, noch ein wenig mitnehmen. „Ich würde den Trailing-Stop-Loss aber nicht zu eng setzen“, meint Heibel. Das gelte besonders bei Positionen mit hohen Kurszuwächsen. Denn dann besteht die Gefahr, durch eine kleine Korrektur aus dem Markt geworfen zu werden und eine durchaus mögliche Fortsetzung der Rally zu verpassen.

Auch der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Sentiments spricht dafür, Gewinne zu sichern. Er hat mit einem Wert von 17,5 ein extrem hohes Niveau erreicht. Das bedeutet, dass die Rally in einem sehr späten Stadium ist – Gewinnmitnahmen sind in einer solchen Situation niemals falsch.

Laut dem Sentimentexperten positionieren sich die Anleger derzeit für das angelaufene Jahr, dabei sind sie konsequent und handeln frühzeitig. Dieser Prozess könne noch ein paar Tage dauern, doch irgendwann wird das frische Neujahrskapital eingesetzt sein, und es wird zu einer Verschnaufpause kommen, vielleicht sogar zu einer Korrektur.

Doch grundsätzlich erfolgte der Start in das neue Börsenjahr mit drei positiven Entwicklungen: Es gibt einen Corona-Impfstoff, die Tage der Corona-Pandemie sind also gezählt. Die Amerikaner haben einen neuen US-Präsidenten gewählt, die Tage von Donald Trump sind also ebenfalls gezählt. Und es gibt ein Brexit-Abkommen, die Briten sind raus aus der EU, und dennoch bleiben wichtige Handelsabkommen bestehen.

„Es ist also nachvollziehbar, dass die Stimmung überschwappt“, meint Heibel. Auf diese Lage müsse kein böses Erwachen folgen, sondern vielleicht einfach nur eine gesunde Konsolidierung, eine Verschnaufpause, die zur Abkühlung ausreicht, bevor die Rally weitergeht.

Die aktuellen Umfrageergebnisse

Vorsicht ist dennoch angebracht: Die Stimmung ist mit einem Wert von 6,1 euphorisch und wird begleitet von extremer Selbstzufriedenheit, die mit 5,0 ein nie zuvor gekanntes Niveau erreicht hat.

Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung über die künftige Entwicklung an den Aktienmärkten eingebrochen. Der Zukunftsoptimismus ist auf 0,4 eingebrochen, Bullen und Bären halten sich fast die Waage. Entsprechend ist die Investitionsbereitschaft mit nur 0,7 ebenfalls gering. Das war's, scheinen viele Anleger nach dem Jahresschluss-Sprint im Dax und dem guten Start ins neue Jahr zu denken.

Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, ist nur leicht negativ und zeigt somit eine nur geringe Absicherungsneigung an. Die Profis, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, kaufen verstärkt Call-Optionen, spekulieren also auf eine Fortsetzung der Rally. Auch in den USA zeigt das Put/Call-Verhältnis der Chicagoer CBOE starkes Interesse an Call-Spekulationen. An Absicherungen denken derzeit nur wenige.

Fondsmanager haben ihre Investitionsquote wieder auf 94 Prozent (plus elf Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) nach oben geschraubt. US-Privatanleger sind jedoch nur noch moderat bullisch, der Bullenüberhang beträgt nur neun Prozentpunkte.

Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ für die US-Aktienmärkte zeigt mit 70 Prozent zwar Gier an, ist aber noch nicht in einem extremen Bereich. Das gilt auch für andere kurzfristige technische Indikatoren.

Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentiment-Umfrage informieren, und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.