Deutsche Märkte geschlossen

Analyse: Wladimir Putin hat Russland in der Ukraine eine strategische Niederlage beschert – das könnte sein Regime bedrohen

Russlands Präsident Wladimir Putin gerät wegen des Ukraine-Krieges in Russland unter Druck  - Copyright: Valery Sharifulin/TASS via Picture Alliance
Russlands Präsident Wladimir Putin gerät wegen des Ukraine-Krieges in Russland unter Druck - Copyright: Valery Sharifulin/TASS via Picture Alliance

In den rund zwei Jahrzehnten, die Russlands Präsident Wladimir Putin an der Macht ist, hat er viel Zeit und Geld in den Aufbau und die Modernisierung des russischen Militärs gesteckt. In dieser Zeit baute Putin auch den Ruf Russlands als einer Macht auf, mit der politisch und militärisch zu rechnen ist - nicht zuletzt durch seine entscheidende Rolle im Krieg des syrischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Putin wurde als einer der mächtigsten Politiker der Welt angesehen

Doch der Krieg in der Ukraine hat das russische Militär, das Putin jahrelang aufgebaut hat, schwer dezimiert. Die werfe nun auch Fragen zu seinem Machterhalt auf, sagte Russland-Experten und Militäranalysten in Gesprächen mit Business Insider

"Der Krieg Russlands gegen die Ukraine war eine strategische Niederlage. Bislang konnte der Kreml seine strategischen Ziele nicht erreichen und hat aber riesige Kosten verursacht, sagte uns George Barros, Militäranalyst am Institute for the Study of War (ISW). Er urteilt sogar: "Das russische Militär muss neu aufgebaut werden."

"Die konventionelle Bodenarmee, die Russland in den letzten zwei Jahrzehnten aufgebaut hat, um ein modernes Militär zu schaffen, wurde in den letzten sechs Monaten des Krieges in der Ukraine weitgehend degradiert und zu einem großen Teil zerstört", fügte Barros hinzu. "Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die konventionellen russischen Bodentruppen in der Ukraine einen schweren Schlag erlitten haben. Sie muss wieder aufgebaut werden."

Obwohl es schwierig ist, die Zahl der Todesopfer zu schätzen, gehen US-Militärs von bis zu 80.000 toten russischen Soldaten aus. Unter den Toten waren auch viele hochrangige Offiziere, darunter Generäle.

Es werde wahrscheinlich "eine Generation dauern, um das russische Offizierskorps wieder aufzubauen", sagte Barros. Dies werde "definitiv langfristige strategische Auswirkungen darauf haben, wie Russlands konventionelles Militär insgesamt bewertet wird".

Bisher hat Putin eine allgemeine Mobilmachung vermieden, um die erheblichen Truppenverluste in der Ukraine auszugleichen. Der Staatschef hat allerdings im August angeordnet, die Zahl der Soldaten ab 2023 um 137.000 zu erhöhen. Dieses ehrgeizige Ziel wird von einigen als unerreichbar angesehen und als Anzeichen dafür gewertet, dass das russische Militär durch den Krieg in der Ukraine ausgehöhlt wurde.

In einem aktuellen Geheimdienstbericht des britischen Verteidigungsministeriums heißt es, dass die Elite-Panzerarmee der 1. Garde und andere Einheiten der westlichen Armeen schwere Verluste erlitten haben. Dies deute darauf hin, dass "Russlands konventionelle Streitkräfte, die der NATO entgegenwirken sollen, stark geschwächt sind". Das Ministerium fügte hinzu, dass "es wahrscheinlich Jahre dauern wird, bis Russland diese Fähigkeit wieder aufgebaut hat".

Das russische Militär hat in der Ukraine erstaunliche Mengen an Ausrüstung verloren oder zurückgelassen. Schätzungen zufolge hat Russland seit Beginn des Krieges Ende Februar Tausende gepanzerte Fahrzeugen verloren. Diese Verluste haben das russische Militär gezwungen, veraltete Ausrüstung aus der Sowjetzeit, wie z. B. T-62-Panzer, aus den Lagern zu holen.

"Nicht annähernd so stark, wie wir dachten"

Russlands Militär wurde bisher allgemein als das zweitstärkste Armee der Welt eingestuft - nur übertroffen von den USA.

Doch Russlands katastrophale Leistung im Ukraine-Krieg "wird die Einschätzung der militärischen Stärke Russlands dramatisch verändern", sagte uns Robert Orttung, Professor für internationale Angelegenheiten an der George Washington University. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Russland und der Ukraine.

Das russische Militär ist "nicht annähernd so stark, wie wir dachten", sagte er.

Vor einigen Jahren schien Russland den Krieg in Syrien zu gewinnen, und "die russische Strategie schien die westliche Strategie im Nahen Osten zu schlagen", so Orttung. Syrien habe der Moskauer Propaganda über seine militärische Stärke großen Auftrieb gegeben.

"Die Propaganda konnte erfolgreich sein, weil Russlands tatsächliche Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld an Orten wie Syrien ziemlich stark zu sein schienen", sagte Orttung. "Wenn sie nun nicht in der Lage sind, ihre Ziele zu erreichen, wenn sie nicht in der Lage sind zu zeigen, dass es eine Integration zwischen den am Boden kämpfenden Männern, der Luftwaffe und den anderen Einheiten gibt, dann wird das diese Propaganda viel weniger effektiv machen."

Zu Beginn der Invasion wurde erwartet, dass Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew innerhalb weniger Tage einnehmen würde. Doch die ukrainischen Streitkräfte leisteten mithilfe vom Westen gelieferter Waffen und Ausrüstung größeren Widerstand als von Moskau erwartet. Den russischen Streitkräften gelang es nicht, Kiew einzunehmen. Sie konzentrierten sich stattdessen auf den Süden der Ukraine und die östliche Donbass-Region Obwohl in dieser Region seit 2014 - dem Jahr, in dem Russland die Krim annektierte - ein Krieg zwischen vom Kreml unterstützten Rebellen und ukrainischen Streitkräften tobte, machte Russland auch im Donbass dort nur allmähliche Fortschritte.

Anfang September startete die Ukraine eine Gegenoffensive, die die russischen Streitkräfte zum Rückzug zwang und große Gebiete im Süden und Osten des Landes zurückeroberte.

Wie geht es weiter mit Wladimir Putin in Russland?

Angesichts der verheerenden Truppenverluste und der Tatsache, dass russische Streitkräfte auf der Flucht sind, befindet sich Putin in einer zunehmend prekären Lage.

"Stärke ist die einzige Quelle für Putins Legitimität", erklärte Abbas Gallyamov, ein ehemaliger Redenschreiber Putins, in der New York Times. "Wenn sich herausstellt, dass Putin keine Stärke hat, wird seine Legitimität gegen Null sinken- Gallyamov sagte der New York Times, wenn die ukrainischen Streitkräfte "die russische Armee weiterhin so aktiv zerstören, wie sie es jetzt tun", dann könnte dies die Forderungen der Eliten nach einer Ablösung Putins "beschleunigen"

Einige Russland-Beobachter sehen Putins Regime inzwischen in Gefahr. Michael McFaul, ein ehemaliger US-Botschafter in Russland, twitterte am Mittwoch: "Putin hat sich in der Ukraine übernommen. Das ist der Anfang vom Ende des Putinismus in Russland".

In Russland selbst regt sich ungewohnte öffentliche Kritik. Lokale russische Parlamentarier forderten die Absetzung Putins wegen des Ukraine-Krieges. Sie gehen damit das potenziell tödliche Risiko ein, einen Staatschef offen zu kritisieren, der dafür bekannt ist, abweichende Meinungen rücksichtslos zu unterdrücken. Selbst die Propagandisten des Kremls in den russischen Staatsmedien tun sich schwer, weiterhin positive Einschätzungen über den Verlauf des Krieges abzugeben

"Sowohl im Fernsehen als auch auf lokaler Ebene sind erste Anzeichen von Unzufriedenheit mit der Führung des Kremls und der Erkenntnis zu erkennen, dass der Krieg nicht zu Russlands Gunsten verläuft", so Orttung. Zusammengenommen werfen diese Entwicklungen "Fragen über Putins Image in der Bevölkerung und seine Fähigkeit auf, dieses Bild der Kompetenz zu vermitteln"

Trotz dieser Herausforderungen und der Beeinträchtigung der Wahrnehmung von Russlands Stärke ist Orttung aber nicht davon überzeugt, dass dies das Ende für Putin bedeutet.

"Ich würde Putin jetzt nicht abschreiben", sagte er. "Viele Leute, auch ich, haben vorausgesagt, dass er die Macht abgeben wird oder dass sein Ende unmittelbar bevorsteht. Aber er hat eine Menge Stärken - die wichtigste Stärke ist, dass er jede Alternative zu sich ausgeschaltet hat.

"Es ist nicht klar, wer ihn ersetzen würde, und all die Leute um ihn herum - sie sind darauf angewiesen, dass er an der Macht bleibt, um ihre eigene Macht zu erhalten. Sie haben ein Interesse daran, dass er dort bleibt. Und er hat mehr als 22 Jahre in einem ziemlich schwierigen Umfeld, nämlich der russischen politischen Szene, überlebt", fügte Orttung hinzu. "Die meisten Eliten denken, dass sie mit Putin wahrscheinlich besser dran sind."

Dieser Artikel erschien zuerst bei Business Insider in den USA. Das Original lest ihr hier.