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Alkohol: Jeder Dritte trinkt während Corona mehr — daran merkt ihr, ob euer Konsum riskant ist

·Lesedauer: 8 Min.

Alleine zu Hause — kein Kino, Restaurantbesuch oder nettes Zusammensitzen mit Freunden. Offenbar trinken die Deutschen in Zeiten der sozialen Isolation dafür mehr Alkohol. Anzeichen dafür gab es bereits im Frühjahr: Auf Anfrage der Deutschen Presseagentur hatte der Nürnberger Marktforscher GfK angegeben, dass von Ende Februar bis Ende März rund ein Drittel mehr Weinflaschen gekauft wurden als in den gleichen Monaten im Jahr 2019. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin und Korn gab es eine Steigerung — von 31,2 Prozent.

In einer Umfrage des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) und dem Klinikum Nürnberg, in der etwa 3.200 18- bis 80-jährige Bundesbürger über ihr Verhalten in der Corona-Zeit befragt wurden, gaben 37 Prozent der Deutschen auch selbst an, dass sich ihr Alkoholkonsum erhöht habe. Und: 40 Prozent der Raucherinnen und Raucher sagten, dass sie auch mehr rauchen würden. Die Daten der Online-Erhebung zeigen, dass vor allem Befragte mit geringerer Schulbildung und höherem subjektivem Stressempfinden in der Zeit des Shutdowns vermehrt zu Alkohol und Tabak gegriffen haben.

Aus dem Gläschen zum Essen wird öfter eine Flasche Wein

Robert Kecskes von der GfK wies darauf hin, dass gestiegene Verkaufszahlen nicht unbedingt bedeuten müssten, dass wirklich mehr getrunken werde. Der Wein zu Hause würde bei vielen Menschen lediglich den Wein im Restaurant oder der Lieblingsbar ersetzen, den sie auch sonst getrunken hätten. „Die Menschen konsumieren nicht unbedingt mehr, sondern woanders — nämlich wieder mehr zu Hause anstatt in Kantinen, Restaurants und Kneipen“, sagte er. Trotzdem gaben die Befragten der zweiten Umfrage selbst an, insgesamt mehr zu trinken als normalerweise.

Dass die Pandemie Alkoholmissbrauch begünstigt, berichtet auch der "BR": So habe sich bei der Selbsthilfe-Vereinigung "Anonyme Alkoholiker" die Zahl der Anrufe und die Zahl der neuen Teilnehmer bei ihren Treffen seit März fast verdoppelt. Auch die Zahl trockener Alkoholiker, die wieder rückfällig geworden sind, seien gestiegen, berichtet dort die Leiterin der Regensburger Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme.

Was also, wenn aus dem Gläschen zum Essen öfter mal eine ganze Flasche wird? Gefährlich wird es, wenn der Alkohol zur Stressbewältigung missbraucht wird, sagen Psychologen. Viele Menschen haben zurzeit mehr Stress, machen sich Sorgen um ihre Gesundheit, ihren Job, ihre Freunde und Familie, und Bewältigungsstrategien wie Sport oder Ausgehen fallen weg. Da mag es naheliegen, das Karussel im Kopf mit Alkohol zumindest vorübergehend zum Verstummen zu bringen. Dies aber birgt ein hohes Risiko dafür, auf längere Sicht eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln.

Wenn drei von sechs Kriterien vorliegen, spricht man von einer Alkoholabhängigkeit

Laut dem ICD (International Classification of Diseases), einem weltweit anerkannten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, gibt es sechs Kriterien, von denen mindestens drei in den vergangenen zwölf Monaten erfüllt sein müssen, um von einer Alkoholabhängigkeit zu sprechen.

  • Craving, also das starke Verlangen nach Alkohol

  • Kontrollverlust über den Alkoholkonsum bezüglich Beginn und Menge

  • Toleranzentwicklung: Dieselbe Menge hat nicht mehr dieselbe Wirkung: Betroffene müssen immer mehr trinken, um ihr Level zu halten

  • Einengung auf das Trinken und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen. Man zieht das Trinken anderen Aktivitäten vor

  • Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen — diese können gesundheitlich, psychisch oder sozial sein

  • Körperliches Entzugssyndrom bei Reduzierung der Menge oder Abstinenz

Treffen mindestens drei dieser Kriterien zu, sprechen Ärzte von einer Alkoholabhängigkeit. Doch auch wer darunter liegt, sollte auf seinen Konsum achten.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) empfiehlt, dass Frauen maximal zwölf Gramm Alkohol und Männer maximal 24 Gramm Alkohol pro Tag trinken sollten. Ein Standardglas Alkohol enthält ungefähr zehn Gramm reinen Alkohol. So viel ist zum Beispiel in einem Glas Bier (0,25 l), einem Glas Wein oder Sekt (0,1 l) oder einem Schnaps (4 cl) enthalten.

Außerdem sollte man laut BzgA an mindestens zwei oder mehr Tagen in der Woche nüchtern bleiben. Denn: Egal ob nur ein Glas am Tag — wenn das Trinken zur Gewohnheit wird, lässt sich dies schwer wieder abgewöhnen.

Die vier Phasen der Alkoholsucht

Vom amerikanischen Physiologen Elvin Morton Jellinek stammt die Einteilung des Verlaufs der Alkoholkrankheit in vier Phasen. Jellinek hatte dazu im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO in den 1930-er Jahren mehrere tausend Fallgeschichten von Alkoholikern analysiert. Auf der Grundlage seiner Untersuchung wurde Alkoholismus durch die WHO als Krankheit anerkannt. Noch heute wird dieses Verlaufsmodell in der Suchttherapie verwendet.

Vorphase: Der Betroffene trinkt immer häufiger. Meist setzt er den Alkohol gezielt ein, um seine Probleme oder unangenehme Situationen zu bewältigen. Das Trinken wird als Hilfsmittel wahrgenommen und bereits in dieser Zeit verliert die Person das Interesse, andere Lösungen zu suchen. In der ersten Phase fällt jedoch weder dem Betroffenen selber noch seinen Verwandten oder Freunden auf, dass etwas nicht stimmen könnte.

Anfangsphase: Nun wird der Alkohol immer wichtiger für den Betroffenen. Er wird nicht mehr als Genussmittel gesehen, sondern als Hilfe in schwierigen Situationen. Langsam weicht der Betroffene von seinem üblichen Verhalten ab: Er trinkt heimlich und viel mehr als sonst. Außerdem drehen sich seine Gedanken häufig um Alkohol, besonders in Stresssituationen. Auch Blackouts und regelmäßige Gedächtnislücken kommen vor.

Kritische Phase: Der Alkoholiker verliert immer mehr die Kontrolle. Er fängt schon früh am Tag mit dem Trinken an oder trinkt viel mehr als angemessen. Häufig haben die Betroffenen ein „Erklärungssystem“, also Gründe, warum sie trinken können und sollten. Auch das soziale Umfeld bekommt nun von dem Problem mit. Häufig sprechen sie ihn auf seine „Fahne“ an, kritisieren ihn oder machen ihm das Trinkverhalten zum Vorwurf. Dadurch steigen die Bemühungen des Erkrankten, seinen Konsum zu verheimlichen.

Gleichzeitig gelingen dem Alkoholiker einige Dinge nicht mehr, sei es beruflich oder in persönlichen Beziehungen. Dadurch steigt der Stress, was den Konsum wiederum fördert. Um sich das eigene Scheitern nicht einzugestehen, kompensiert er sein Verhalten, wirkt häufig großspurig oder überheblich. Auch aggressives Verhalten kommt häufiger vor. Spätestens dadurch kommt es nun zu Konsequenzen im Beruf und Familienleben.

Chronische Phase: Das zwanghafte Trinken führt zum vollständigen Kontrollverlust. Dem Alkoholiker ist dies mittlerweile egal — er tut alles, um sich das Trinken zu ermöglichen. Über mehrere Tage betrinkt sich er ununterbrochen. Dies führt zu schweren körperlichen und psychischen Beschwerden. Sinkt der Alkoholspiegel, treten Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche oder Angstgefühle auf. Die Wertevorstellung des Trinkers bricht zusammen: Er vernachlässigt seine Körperpflege, private und berufliche Verpflichtungen und sucht sich neue Kontaktpersonen, mit denen er trinken kann — meist andere Alkoholiker, die ihm keine Vorwürfe machen. Außerdem kann es zum sogenannten Alkoholdelirium kommen. Der Alkoholiker ist teilweise nur getrübt bei Bewusstsein, es kommt zu Halluzinationen und Orientierungslosigkeit.

Was ihr tun könnt, wenn jemand in eurem Umkreis zum Trinker wird

Gerade jetzt in der Corona-Krise sei es wichtig, Menschen nicht alleine zu lassen, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Erst recht nicht mit Alkohol im Haus. „Alkohol wird in der Europäischen Region in übermäßigen Mengen konsumiert und fordert zu viele Opfer. Während der Covid-19-Pandemie sollten wir wirklich hinterfragen, welche Risiken wir eingehen, wenn wir Menschen im Rahmen einer Ausgangssperre in ihren Häusern mit einer Substanz einsperren, die schädlich ist sowohl im Hinblick auf ihre Gesundheit als auch im Hinblick auf die Auswirkungen ihres Verhaltens auf andere, einschließlich Gewalt“, erklärt Carina Ferreira-Borges, Leiterin des Programms für Alkohol und illegale Drogen beim WHO-Regionalbüro für Europa.

Die Alkoholsucht betrifft nicht nur den Alkoholiker, sondern auch die Angehörigen und Freunde. Das Verhalten belastet sie und bringt sie in eine gewisse Co-Abhängigkeit. Oft übernehmen sie Verantwortung, die der Alkoholiker nicht mehr tragen kann. Und: Sie geben sich häufig selbst die Schuld und denken, sie könnten etwas an der Situation ändern.

Das Ansprechen und Lösen des Problems ist für Angehörige oft eine schwierige Aufgabe. Denkt dran: Es handelt sich um eine Krankheit, die von Fachärzten mit der richtigen Therapie behandelt werden kann. Für euch ist wichtig, vor allem für euch selbst zu sorgen. Tipps dazu findet ihr zum Beispiel beim Blauen Kreuz:

  • Gebt euch nicht weiter die Schuld am Suchtverhalten eures Partners, Freundes oder Elternteils.

  • Werdet selbst aktiv und holt euch Hilfe!

  • Sprecht offen mit einer vertrauensvollen Person über eure persönlichen Probleme.

  • Bleibt nicht allein! Schließt euch einer Selbsthilfe-Gruppe an. Mit anderen Angehörigen könnt ihr euch austauschen.

  • Beginnt, wieder eure Interessen zu pflegen.

  • Tut nicht weiter die Dinge, die euer suchtkranker Angehöriger tun müsste.

Problematisch: Supermärkte werben mit Alkohol gegen Einsamkeit

Einige Supermärkte machen sich den Lockdown und die damit verbundene Einsamkeit zunutze. „Vermeiden Sie im Lockdown soziale Kontakte! Mit diesen 6 können Sie trotz Kontaktbeschränkungen feiern“, heißt es in einer lokalen Edeka-Werbung. Darunter zu sehen: Sechs hochprozentige Alkoholmarken.

https://twitter.com/geraeuschbar/status/1329117408607473666

„Alle alkoholkranken Mitmenschen können sich herzlich bei Edeka bedanken“, schreibt ein Twitter-User dazu.

Und auch Netto wirbt mit dem eigenen Alkohol-Sortiment.

https://twitter.com/sarapeschke/status/1318815385119055875

Tatsächlich zeigt eine Auswertung von 15 Studien aus dem Jahr 2016, dass Alkoholwerbung Lust auf Alkohol macht und eine positive Einstellung zu Alkohol fördert. Eine weitere Studie zeigt, dass besonders Jugendliche für Alkoholwerbung empfänglich sind. Das Ergebnis: Je mehr Werbung junge Menschen sehen, desto wahrscheinlicher trinken sie auch.

Ihr möchtet mit jemandem über euren Alkoholkonsum sprechen?

Die Sucht- & Drogen-Hotline ist rund um die Uhr für euch da: 01805 31 30 31.

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