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Der Abgang der Top-Manager ist ein Fehlstart für die neue Siemens Energy

Vor der Abspaltung des Siemens-Energiegeschäfts geht die halbe Führungsmannschaft. Doch vielleicht kam das reinigende Gewitter gerade noch rechtzeitig.

Wenige Wochen vor der Abspaltung des Energiegeschäfts von Siemens werfen der designierte Siemens-Energy-Vorstandschef Michael Sen und sein Finanzvorstand Klaus Patzak hin. Foto: dpa

Was für ein Drama! Nur wenige Wochen vor der Abspaltung des Energiegeschäfts von Siemens werfen der designierte Siemens-Energy-Vorstandschef Michael Sen und sein Finanzvorstand Klaus Patzak hin.

Im Ringen um die Aufteilung der Ressourcen, um den Grad der Unabhängigkeit und die Finanzierung hat Sen offenbar zu hoch gepokert. Für den geplanten Börsengang der Siemens Energy, der eigentlich der krönende Höhepunkt der Aufspaltung des Traditionskonzerns sein soll, ist das kein gutes Omen.

Denn das Projekt stand schon bisher unter keinem guten Stern. Die Diskussionen um die Siemens-Beteiligung an der umstrittenen Kohlemine in Australien hatten an der Reputation auch von Siemens Energy gekratzt, das noch stark von der konventionellen Energieerzeugung abhängig ist.

Zudem sind die Zahlen im Kraftwerksgeschäft und bei den Erneuerbaren Energien weiter mau. Und das Börsenumfeld ist in Zeiten der Corona-Krise natürlich denkbar schlecht.

Nun also verabschiedet sich auch noch die halbe Führungsmannschaft. Bei all diesem Chaos hilft es Siemens, dass die Sparte im Herbst im Zuge eines Spin-Offs an die Börse kommen soll. Man muss also nicht, wie bei einem klassischen IPO, Käufer für die Aktien finden. Die Anteilsscheine des neuen Unternehmens werden automatisch in die Depots der Siemens-Aktionäre gebucht. Dadurch ist man etwas unabhängiger vom aktuellen Börsenumfeld.

Zudem hat der Konzern möglicherweise gerade noch rechtzeitig die Reißleine gezogen. Hinter den Kulissen schwelte der Streit schon seit vielen Wochen. So soll Sen laut Industriekreisen auf eine möglichst niedrige Beteiligung von Siemens zum Beispiel zwischen 25 und 30 Prozent gedrungen haben.

Kaeser konnte die Gräben nicht schließen

Vorstandschef Joe Kaeser, Vize Roland Busch und Finanzvorstand Ralf Thomas dagegen wollten demnach lieber eine stärkere Siemens-Beteiligung, wenn auch unter 50 Prozent. Auch sollen sie Sen sehr anspruchsvolle Business‐Pläne verordnet haben. Zudem wollten sie Spekulationen zufolge Siemens Energy hohe zentrale Kosten und margenschwache Einheiten aufbürden. Sen aber war es wichtig, dass das neue Unternehmen möglichst unbelastet starten kann.

Auch Kaeser, der Sen einst zurück zu Siemens geholt hatte, gelang es nicht, die Gräben zu schließen. Er soll Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy werden.

Siemens muss nun den Investoren die Vorgänge rasch erklären, und die Verunsicherung bei den Mitarbeitern beenden. Immerhin ist es gut, dass die Fronten gerade noch rechtzeitig vor der offiziellen Abspaltung geklärt wurden.

Es ist verständlich, dass die verbleibende Siemens AG und die in die Unabhängigkeit strebende Tochter das Beste für sich herausholen wollten. Doch wenn eine Einigung nicht möglich ist, ist eine Trennung beizeiten noch die beste Lösung. Denn die Grundidee, dem seit Jahren kriselnden Energiegeschäft durch Verselbstständigung wieder eine Zukunftsperspektive zu geben, ist weiter nicht verkehrt.