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Nach Abgang als Pitch-CEO: Christian Reber launcht Wunderlist-Nachfolger

Drei Jahre lang hat Christian Reber sein To-do-Listen-Tool Superlist vorbereitet. Nun kommt es auf den Markt. - Copyright: dpa/ Thilo Rückeis
Drei Jahre lang hat Christian Reber sein To-do-Listen-Tool Superlist vorbereitet. Nun kommt es auf den Markt. - Copyright: dpa/ Thilo Rückeis

Mit Neuanfängen kennt sich Christian Reber inzwischen aus. Der Seriengründer zog im vergangenen Herbst mit seiner Familie von Berlin fest nach Mallorca. Im Januar 2024 entschied er sich dann, als CEO von seinem zweiten Startup Pitch zurückzutreten. Heute, nach drei Jahren Entwicklungszeit, bringt Reber sein neustes Projekt Superlist an den Start – was streng genommen der Abschluss seiner ursprünglichen Erfindung Wunderlist ist. In der kostenlosen Anwendung konnten Nutzer früher Aufgaben und Notizen festhalten und managen. Mit dem Nachfolger will der Berliner nachholen, was nach dem Millionen-Verkauf seiner To-do-Listen-App an Microsoft im Jahr 2015 nicht mehr möglich war. „Wir wollten mit Wunderlist schon immer eine App bauen, die sowohl für Teams als auch für Individual-Nutzer funktioniert“, sagt der Gründer.

Für User, die damit sowohl private Erledigungen als auch berufliche Aufgaben strukturieren können, hat das vor allem praktische Vorteile – und für Rebers Startup finanzielle. So erschien ihm der Exit damals logisch, da dem Markt für Produktivitäts-Software für Konsumenten seiner Einschätzung nach ein Knick drohte. Das Problem: Selbstorganisations-Apps wie Evernote erfuhren zwar ein großes Nutzerwachstum, viele der Nutzer wollten für die Services aber nicht zahlen. Reber beobachtete dieselbe „Schwachstelle“ bei Wunderlist.

Wunderlist-Nachfolger: Reber verarbeitet Trauer und wittert Business-Opportunität

Obwohl Microsoft ihm nach dem Kauf zugesichert hatte, die Software nicht groß verändern zu wollen und Reber uns sein Produktteam weiter daran arbeiten zu lassen, kam es anders. Wunderlist wurde in das hauseigene Tool Microsoft To-do integriert und die Marke verschwand vom Markt – Rebers Vision war damit futsch. Ein Rückkaufversuch via X, was 2019 noch Twitter war, scheiterte ebenfalls.

Für Reber bringt der unternehmerische Neuanfang mit Superlist daher vor allem eine psychologische Komponente mit – und er geht seinem Business-Instinkt nach: „Es ist eine Mischung aus emotionaler Reaktion, der Trauer um Wunderlist, Eigenbedarf, weil ich selbst keinen Task-Manager mehr nutze, seitdem Wunderlist nicht mehr da ist, und Business-Opportunität“, sagt der Gründer im Interview. "Ich sehe da wirklich die Möglichkeit, nochmal eine große Firma rund um Produktivitäts-Software in Europa zu schaffen." Das perfekte technische Hilfsmittel, um tägliche Aufgaben und Prioritäten sowohl privat als auch beruflich zu ordnen, fehle aus seiner Sicht noch.

Reber zufolge bestünde in der Software-Welt „seit Ewigkeiten“ dasselbe Problem: Auf der einen Seite würden Produkte für den einzelnen Anwender entwickelt, wie zum Beispiel die To-do-Listen-App Things oder das Apple Notizen-Tool Notes. Für die Zusammenarbeit von Nutzern eigneten sich diese jedoch nicht: „Sobald diese Tools im Business eingesetzt werden, brechen sie, weil sie nicht skalierbar sind“, sagt Reber. Auf der anderen Seite würden Mitarbeiter in größeren Unternehmen mit Projekt-Management-Software wie Notion, Asana oder Basecamp arbeiten. „Das Individuum kommt damit überhaupt nicht mehr klar, weil man in einem Sumpf aus Aufgaben versinkt und nicht mehr durchblickt, was heute eigentlich zu erledigen ist.“

App kommt als Free- und Pro-Version auf den Markt

Bei Superlist werde beides nun in einer einfachen Umgebung zusammengeführt: Nutzer können sich privat anmelden, andere Team-Mitglieder, Partner und Freunde zu dem Tool einladen sowie selbst Listen von Teams beitreten. Reber nimmt als Beispiel Freiberufler, die für verschiedene Unternehmen arbeiten, und zwischen Kontexten oft wechseln müssen. Gleichzeitig seien bestehende Apps wie Slack, Google-Kalender, das E-Mail-Postfach und Zoom in den Aufgaben-Manager integriert, sodass Superlist zum zentralen Ort für jegliche Aufgaben, Notizen und To-do-Listen werden könne.

Reber verspricht dabei einen nahtlosen Übergang zwischen den privaten und professionellen Workspaces. Er gesteht aber auch: „Wir müssen noch sehr viel verbessern und werden durch den Launch nun sehr viel lernen.“ In Zukunft sei etwa geplant, Arbeitsprozesse in dem Tool abzubilden, sodass Aufgaben automatisiert an Mitarbeiter übergeben werden können. Bisher unterstütze eine KI dabei, aus E-Mails und Chat-Nachrichten strukturierte Aufgaben zu formulieren.

Das Startup setzt auf ein klassisches Saas-Modell: In der kostenlosen Version können Nutzer mit bis zu fünf Leuten gleichzeitig an Listen arbeiten, unbegrenzt private Erinnerungen und Listen erstellen und über einige Programm-Integrationen verfügen. Für größere Teams von bis zu 25 Leuten, die Dateien und To-dos teilen, kostet Superlist monatlich acht Dollar (umgerechnet rund 7,40 Euro). Ab zehn Dollar (9,20 Euro) im Monat sind die Zahl der Teammitglieder sowie die App-Funktionen unbegrenzt. Ab heute können Nutzer Superlist in den App-Stores kostenlos herunterladen.

Nach Streitereien: Reber stellt Führungsteam mit Niklas Jansen neu auf

Eigentlich wollte Reber mit Superlist schon früher auf den Markt kommen. Mit seinen Mitgründern, mit denen er das Startup im Jahr 2020 startete, lief es jedoch nicht rund. Auf die Probleme will Reber im Gespräch nicht genauer eingehen. Es habe typischen „Founder Clash“ gegeben und Vertrauen auf allen Seiten gefehlt, sodass er sich nach zwei Jahren dazu entschied, das Team um den früheren CEO Steffen Kiedel (Ex-Wunderlist) umzubauen. Weiterhin als Co-Gründer bei Superlist aktiv sind Marcel Käding (Ex-Wunderlist) und Chef-Produktdesigner Brandon Arnold. Neu an seine Seite holte der Berliner den Blinkist-Gründer Niklas Jansen, mit dem Reber bereits den eigenen Investment-Fonds Interface Capital aufgebaut hat. Jansen, heutiger CEO von Superlist, habe die Firma komplett umgekrempelt. Die Software hätten sie nochmal neu entwickelt. „Das war super schmerzhaft für uns, weil man nach zwei Jahren Arbeit nicht nochmal von vorne anfangen will, aber so ist das eben manchmal“, sagt Reber.

Für sich selbst hat der Berliner von Anfang an entschieden, „nur“ als Chairman und Gründer bei Superlist aufzutreten. Aktuell arbeite der Unternehmer einen Tag pro Woche für die App und unterstütze das Team bei strategischen Fragen, dem Aufstellen einer Roadmap sowie bei der Qualitätsoptimierung. „Das macht mir super Spaß, weil ich gemerkt habe, dass meine Stärke vor allem darin liegt, aus Nichts etwas zu erzeugen, sprich Teams zusammenzuführen, eine Produktvision zu erstellen und von null auf eins zu gehen“, sagt Reber. Er fügt an: „Meine Stärke liegt nicht darin, Firmen maximal groß zu skalieren. Das ist einfach nicht meine Leidenschaft, das musste ich selbst erstmal erkennen und das hat ein paar Jahre gedauert.“

Cherry Ventures, EQT und Reber investierten bisher 13,5 Millionen Euro in Superlist

Die restlichen Tage in der Woche kümmere sich der Unternehmer um sein VC Interface Capital. Investieren bereite ihm derzeit besonders viel Spaß, außerdem gefiele es ihm, unabhängiger zu sein und weniger als Geschäftsführer an eine Firma gebunden sein zu müssen. In Superlist steckte Reber etwa rund 1,5 Millionen Euro seines Vermögens. Weitere zwölf Millionen Euro kamen bereits lange vor der Fundingkrise, in den Corona-Jahren 2020 und 2021, durch die Berliner Beteiligungsfirma Cherry Ventures und das schwedische VC EQT Ventures zusammen. Das Geld habe das Startup damals für die Entwicklung der Software und Marke gebraucht und mit einem Teil davon das Team eingestellt.

Das Team will Reber diesmal bewusst klein halten, um schnell profitabel zu wirtschaften. Bei seiner zweiten Firma Pitch, die eine Software für Präsentationen entwickelt hat, und über 125 Millionen Euro (135 Millionen US-Dollar) von namhaften VCs wie Tiger Global einsammelte, mussten erst im Januar – zeitgleich zu Rebers Rücktritt – zwei Drittel der Belegschaft gehen. Reber bedauerte den Schritt in einem Linkedin-Post, erklärte aber, dass sich Pitch aufgrund der „himmelhohen“ Erwartungen von Investoren zu einem organisch wachsenden, profitablen Unternehmen entwickeln müsse. „Man muss ehrlich sagen, dass ich mit Pitch auf harte Art und Weise lernen musste, dass Venture Capital nicht immer gut skaliert, wenn die Software nicht schnell genug mitkommt“, bemerkt Reber heute selbstkritisch.

Bei Superlist sei nun die Hoffnung, zügig Umsätze zu machen, das Produkt an den Markt zu bringen und die Firma profitabel zu machen. Dem Unternehmer schweben dabei jährlich wiederkehrende Einnahmen (ARR) von zehn Millionen Euro vor. Erst beim Erreichen des Breakeven würde Reber auch weiteres VC-Geld in Erwägung ziehen. „Trotzdem glaube ich, dass riskante Projekte immer Wagniskapital brauchen werden“, so der Gründer.

Obwohl es Reber vor fast neun Jahren noch anders gesehen haben mag, hat der Gründer inzwischen einen positiven Blick auf seinen damaligen Exit gewonnen. „Für uns war im Nachhinein der Wunderlist-Verkauf das Beste, was passieren konnte. Das habe ich in dem Moment nicht so realisiert, aber Jahre später verstanden.“ Die finanzielle Unabhängigkeit, die ihm der 200 Millionen Dollar-Verkauf brachte, hätte er womöglich sonst nicht erreicht. Superlist will der Gründer trotzdem nicht zu früh an einen Käufer verlieren.