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Ein 85-jähriger Milliardär verklagt seinen eigenen Zwillingsbruder

Der Unternehmer wurde über Monate belauscht. Der Prozess gewährt Einblicke in das Leben einer der verschwiegensten Familien Großbritanniens.

Sie gelten als zurückhaltend und verschwiegen – deshalb ist dieser Prozess eine kleine Sensation: Der britische Milliardär und Unternehmer Sir Frederick Barclay hat seinen Zwillingsbruder Sir David und dessen drei Söhne verklagt, weil diese ihn heimlich abgehört haben.

Die Familie der beiden 85 Jahre alten Brüder, die einst als Dekorateur und Maler ins Berufsleben eingestiegen waren, gehört zu den reichsten Großbritanniens. Zum Firmenimperium gehört unter anderem die konservative Tageszeitung „Daily Telegraph“, die Handelsgruppe „The Very Group“, die auch Finanzdienstleistungen anbietet und das Londoner Luxushotel Ritz.

Genau dort, im Wintergarten, wurden Sir Frederick Barclay und seine Tochter Amanda über Monate hinweg belauscht. Seinem Anwalt zufolge zog er sich gern dorthin zurück, um eine Zigarre zu rauchen.

Die Abhöraktion flog im Januar auf, als eine Überwachungskamera einen der Söhne Davids beim Hantieren mit der Abhöreinrichtung festhielt. Daraufhin verklagten Frederick und Amanda ihre Verwandten wegen Vertrauensbruch und Verletzung der Privatsphäre.

Der Prozess vor dem Londoner High Court gewährt nun Einblicke in das Leben einer der verschwiegensten Familien des Landes. Laut dem Richter ging es in den abgehörten Gesprächen um Firmenzukäufe und -verkäufe. Einzelne Familienmitglieder wollen ausgezahlt werden. Es hatte auch im Herbst Berichte gegeben, dass die Barclays Käufer für die Telegraph-Titel und das Ritz suchten. Bislang ist jedoch kein Deal zustande gekommen.

Die einflussreichen Brüder, die seit den 1950er-Jahren gemeinsam unternehmerisch tätig waren, investierten in Handel, Hotellerie und Medien, wurden 2000 zu Rittern geschlagen. Sie leben auf der kleinen Kanalinsel Brecqhou und in Monaco – und gelten als Steuerflüchtlinge, denn viele ihrer Unternehmen sind in Steueroasen angemeldet.

Der Anwalt der Kläger zitierte im Gericht nun den russischen Dichter Leo Tolstoi: „Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“