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Wie eine 26-Jährige die konservative Baubranche digitalisiert

·Lesedauer: 5 Min.

Laura Tönnies vernetzt mit ihrem Start-up Corrux die Maschinen auf Baustellen. Nun soll ein Ex-Manager von Trumpf helfen, das Geschäftsmodell zu skalieren.

In der Baubranche ist von der Digitalisierung oft noch wenig zu spüren. „Gebaut wird heute oft ähnlich wie vor 100 Jahren“, sagt McKinsey-Partner Jan Mischke. Während viele andere Sektoren durch digitale Technologien deutlich produktiver geworden seien, hinke die Bauwirtschaft mit jährlich nur rund einem Prozent Produktivitätszuwachs in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich hinterher.

Die 26-jährige Laura Tönnies ist angetreten, dies zu ändern. Mit ihrem Start-up Corrux hat sie eine Software-Plattform entwickelt, mit der Menschen, Maschinen und Prozesse auf Baustellen in einer zentralen Oberfläche miteinander vernetzt werden können.

Bei Investoren wie Bauunternehmen stößt der Ansatz auf großes Interesse, denn auch am Bau hoffen viele auf den Durchbruch der Digitalisierung. Aufgrund der sehr guten Baukonjunktur habe es lange keine akute Notwendigkeit gegeben, die Effizienz der Prozesse zu steigern, sagt Roland Riethmüller, Chef des Bundesverbands Digitales Bauwesen. „Dies ändert sich jedoch in letzter Zeit spürbar.“

Große Pilotprojekte von Corrux haben gezeigt, dass Datenmanagement, Simulation und digitale Konzepte zur Fortschrittsverfolgung wie in der produzierenden Industrie auch auf Baustellen funktionieren. Die Plattform überwacht den Einsatz von Baumaschinen wie zum Beispiel Baggern und Bohrgeräten und analysiert die Daten. „Nun geht es darum, das daraus entstandene Geschäftsmodell zu skalieren“, sagt Laura Tönnies.

Dabei helfen soll ihr ein namhafter Neuzugang: Andreas Witt, Ex-Softwarechef bei Trumpf, wechselt zu Corrux. Bei dem Maschinenbauer habe er bewiesen, welche Rolle Technologie bei der Transformation klassischer Industrien spielen kann, sagt Tönnies. „Nun wird er bei Corrux mit seinen Erfahrungen maßgeblich dazu beitragen, dies auch in der Bauindustrie anzuwenden.“

Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 haben viele produzierende Unternehmen bereits ihre Maschinen vernetzt und nutzen Elemente wie den „digitalen Zwilling“, bei der ein digitales Abbild eines realen Objekts erstellt wird, und die vorausschauende Wartung.

„Gerade im Tiefbau gibt es ähnliche Prozesse wie in der Fertigungsindustrie“, sagt Tönnies. Viele Arbeitsschritte wiederholten sich sehr oft, gleichzeitig müsse die Lieferkette mit Material aufrechterhalten werden. „Diese Regelkreise kann man nur mit einem ganzheitlichen Technologieansatz, eben einem Betriebssystem, das auf dem Bauprozess liegt, abbilden.“

Laura Tönnies ist mit dem Thema aufgewachsen. Ihre Mutter war Bauingenieurin, der Vater Architekt. So fühlt sie sich in der oft männerdominierten Branche wohl. „Es macht auch Spaß, sich mit dem typischen Baulöwen zu unterhalten, der 50 Jahre Baukompetenz mitbringt.“

Milliardenschwerer Markt

Studiert hat sie allerdings Mathematik und Philosophie. „Das Studium war die natürliche Verlängerung der Interessen meiner Jugend.“ Doch direkt im Anschluss wandte sie sich wieder der Baubranche zu. Ihre Beobachtung: „Die Prozesskette in der Bauindustrie ist extrem fragmentiert. Damit die Wirtschaftlichkeit zukünftig gewährleistet werden kann, müssen Abläufe digitaler werden.“

Auch Verbandschef Riethmüller betont, dass die Projekte am Bau wegen höherer Individualisierungs- und Qualitätsanforderungen immer anspruchsvoller werden. „Die Komplexität der Prozesse und Geschäftsmodelle im Planungs- und Baubereich wird weiter steigen.“

Und all das soll zu einem Digitalisierungsschub auf den Baustellen dieser Welt führen. Das Marktforschungsunternehmen Counterpoint schätzt, dass weltweit bis 2025 rund 6,8 Millionen vernetzte schwere Baumaschinen verkauft werden. Corona könnte die Entwicklung beschleunigen. „Die Digitalisierung der Bauwirtschaft nimmt Fahrt auf und hat sich durch die Covid-19-Krise noch verschärft“, sagt Jan Mischke von McKinsey.

In der Baubranche insgesamt, die derzeit weltweit elf Billionen Dollar Wertschöpfung generiert, könnten laut einer McKinsey-Studie die jährlichen Gewinne mithilfe der Digitalisierung innerhalb von 15 Jahren um bis zu 265 Milliarden Dollar im Jahr gesteigert werden.

Viele Bauprojekte werden inzwischen in immer größerem Umfang digital geplant. Zudem liefern viele Maschinenbauer verstärkt vernetzbare Anlagen für die Baustelle. Es können zudem zusätzliche Sensoren an den Maschinen installiert werden. Corrux nutzt all diese Daten und stellt in Planungssystemen ein digitales Abbild des Fortschritts auf der Baustelle zur Verfügung.

So kann bei drohenden Verzögerungen frühzeitig gegengesteuert werden. Ergibt die Analyse zum Beispiel, dass zu viele unausgelastete Maschinen auf dem Gelände sind, können diese anderswo eingesetzt werden.

Es geht aber nicht nur um Auslastung und vorausschauende Wartung. „Unsere Software modelliert den Bauprozess, erkennt die relevanten Stellschrauben zur Erhöhung der Profitabilität und zeigt diese klar auf“, sagt Tönnies.

Ein einfaches Beispiel: Beim Bau des neuen Stammstrecken-Tunnels für die Münchener S-Bahn kann die Digitalisierung helfen, dass die Qualität bereits während des Bauprozesses sichergestellt wird. Und gerade bei staatlichen Bauprojekten wird so die Nachbetrachtung des Baustellenprojekts digital ermöglicht. „Wir liefern die Daten, die notwendig für einen leichten Überblick sind.“

Die Konkurrenz wächst

Die Gründung stemmte Tönnies ohne Unterstützung der klassischen Programme. Als Mentor stand aber Josef Brunner zur Seite, der seine IoT-Firma Relayr vor zwei Jahren für 300 Millionen Dollar an die Munich Re verkaufte, und CEO blieb. Die beiden Unternehmer sind befreundet, in der Frühphase arbeitete das Corrux-Team sogar in Räumen von Relayr. „Josef Brunner war so etwas wie der emotionale Mitgründer“, sagt Tönnies.

Brunner war erster Investor und auch an der frühen Seed-Runde signifikant beteiligt. „Corrux konzentriert sich nicht auf die Maschine, sondern darauf, den Gesamtprozess zu optimieren, das hat mich von Anfang an begeistert“, sagt er. Er sei fest davon überzeugt, dass jeder hochfragmentierte Markt irgendwann professionalisiert und konsolidiert wird. „Die Baubranche wird hier keine Ausnahme sein.“

Noch offen ist, wer das Betriebssystem der Zukunft stellen wird. Tönnies sieht gute Chancen für Corrux. „Ich möchte, dass wir in unserer Industrie in Deutschland ein Zeichen der globalen Digitalität setzen.“ Das junge Unternehmen konkurriert zum einen mit anderen Newcomern wie dem norwegischen Start-up Cognite. Auf der anderen Seite versuchen Softwarespezialisten wie Nemetschek, in das Segment zu drängen.

Bei der letzten Finanzierungsrunde im Jahr 2019 sammelte Corrux gut drei Millionen Euro ein. Leadinvestor war Target Partners. Zudem beteiligte sich unter anderem der US-Investor Sean Dalton. Eine größere Finanzierungsrunde dürfte bald anstehen, um das Geschäft breit auszurollen.

Mentor Brunner ist zuversichtlich, dass das gelingt. Die Gründerin habe „unglaublich viel Energie“ und unternehmerische Weitsicht, sagt er. Daher habe Corrux beste Voraussetzungen. „Unternehmen werden durch Unternehmer erfolgreich.“