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117 Bewerbungen für einen Job: High Potentials über die Arbeitssuche in Corona-Zeiten

·Lesedauer: 4 Min.

Die Konkurrenz auf dem Bewerbermarkt nimmt während Corona massiv zu. Das Nachsehen haben vor allem Berufseinsteiger, wie diese Einblicke zeigen.

Die Zahlen sind eindeutig – und sie sehen vor allem für Berufseinsteiger schlecht aus: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Karriereplattform LinkedIn ist die Zahl der Stellenausschreibungen im Frühjahr um gut 20 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig verdoppelte sich die Anzahl der Bewerbungen pro Stelle zwischen März und Mai.

Gerade Bewerber mit wenig oder gar keiner Berufserfahrung haben bei solch einer Konkurrenzsituation das größte Nachsehen. Damit hat die Coronakrise den Arbeitsmarkt gedreht.

Konnten sich gut ausgebildete Studienabsolventen in einigen Branchen in Zeiten des Aufschwungs beinahe aussuchen, wo sie arbeiten wollten, ist es in Corona-Zeiten selbst für High Potentials schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. Wie gehen gut ausgebildete Top-Talente mit dieser Situation um. Vier Berufseinsteiger erzählen von ihrer Jobsuche in der Krise.

Mareike Kolkmann, 27: „Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt gut bin, in dem was ich mache.“

Acht Monate hat die Chemieingenieurin Mareike Kolkmann nach der geeigneten Stelle gesucht. Der lange Bewerbungsprozess hat vor allem ihrem Selbstbewusstsein einen Dämpfer versetzt, sagt sie:

„Als ich mein Studium im August 2019 beendet habe, hatte ich richtig Lust, mich zu bewerben und anzufangen zu arbeiten. Aber erst einmal wollte ich die Zeit nach dem Studium genießen. Im Dezember habe ich dann begonnen zu suchen und auch viele spannende Stellen im Bereich Nachhaltigkeit gefunden, die zu mir gepasst hätten.

Mit Corona habe ich gemerkt, wie die Anzahl der Stellenausschreibungen abgenommen hat. Die vielen Absagen haben sehr an meinem Selbstwertgefühl genagt. Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt gut bin in dem, was ich mache. Glücklicherweise habe ich viel Bestätigung von meinem Umfeld bekommen und schließlich hat es geklappt mit meinem Traumjob. Im Oktober fange ich als Projektingenieurin in der Abwasserreinigung an.“

Pia-Luisa Otte, 24: 40 Bewerbungen und noch immer keine Stelle.

Die Wirtschaftspsychologin Pia-Luisa Otte hat viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung an einer Privatuni in Hamburg investiert. Die Erwartungen an ihren ersten Job hat sie mit jeder Absage nach unten geschraubt.

„Ich habe schon während meiner Masterarbeit im Mai angefangen, mich zu bewerben. Wenn mich jemand vor der Coronakrise gefragt hätte, ob ich mir Sorgen um den Berufseinstieg mache, hätte ich Nein geantwortet. Aber jetzt habe ich etwa 40 Bewerbungen geschrieben und immer noch keine Stelle.

Die Konkurrenz ist sehr groß und ich bekomme oft zu hören, dass ich zu wenig Berufserfahrung hätte – auch bei Einsteigerpositionen. Das ist total frustrierend. Mittlerweile sehe ich mich auch in anderen Branchen und Städten um. Vor Corona habe ich mit einem ganz anderen Einstiegsgehalt gerechnet als jetzt. Wenn mich jemand danach fragt, würde ich am liebsten ‚egal‘ antworten.“

Fabian, 25: „Die Unternehmen können sich gerade die Rosinen rauspicken.“

Fabian möchte nicht, dass ein neuer Arbeitgeber weiß, dass er 117 Bewerbungen schreiben musste, um einen Job zu bekommen. Deshalb haben wir seinen Namen geändert.

„Ich habe mein Studium an der Schnittstelle von Wirtschaft und Naturwissenschaften als Jahrgangsbester abgeschlossen. Danach habe ich erst mal als Werkstudent bei einer Unternehmensberatung gearbeitet und damit gerechnet, dort auch übernommen zu werden. Als Corona kam, gab es dort aber einen Einstellungsstopp, sodass ich im Mai angefangen habe, mich woanders zu bewerben.

Ich habe dann insgesamt 117 Bewerbungen abgeschickt und wurde zu 13 Gesprächen eingeladen. Die Unternehmen haben mir gesagt, dass sie mehr gute Bewerber hatten als in den vorherigen Jahren. Die konnten sich die Rosinen rauspicken. Meist gab es dann jemanden, der noch besser war als ich. Aber jetzt habe ich endlich ein Jobangebot, mit dem ich sehr zufrieden bin. Im November soll es losgehen.“

Johannes Jerg, 26: „Vor Corona dachte ich: Es kommt ja immer noch was Besseres.“

Für den Wirtschaftswissenschaftler haben sich in der Coronakrise zwei Zusagen in Absagen verwandelt. Die Zeit der Jobsuche hat er genutzt, um sich selbstständig zu machen.

„Da ich während meines Studiums in Mannheim und Ulm schon viele Praktika bei großen Unternehmen gemacht hatte, dachte ich, dass es schon nicht so schwer werden würde mit dem Berufseinstieg. Schon vor Studienabschluss hatte ich einen Arbeitsvertrag vorliegen, den ich aber aus persönlichen Gründen nicht unterschrieben habe. Ich dachte damals, es kommt ja immer noch was Besseres.

Zwei mündliche Zusagen, die ich schon vor Corona hatte, wurden wieder zurückgenommen. Dann musste ich 200 Bewerbungen schreiben, um etwas zu finden. In der Zeit habe ich mich selbstständig gemacht und Aufgaben im Lektorat oder beim Homepage-Aufbau übernommen. Das kam bei den Bewerbungen sehr gut an und ich werde das neben meinem neuen Beruf als Content Manager bei einem Sensorikunternehmen auch weitermachen.“