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Überraschendes Angebot der Metall-Arbeitgeber

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Überraschendes Angebot der Metall-Arbeitgeber

In der Tarifrunde für 3,9 Millionen Beschäftigte haben die Arbeitgeber in Bayern ein frühes Angebot vorgelegt. Bei der Arbeitszeit wird es aber keine Bewegung geben, warnt Verhandlungsführerin Angelique Renkhoff-Mücke.


Lange sah es nach verhärteten Fronten aus, noch bevor die Tarifverhandlungen für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie überhaupt richtig begonnen hatten. Provoziert fühlten sich die Arbeitgeber dabei gar nicht so sehr durch die Lohnforderung der  IG Metall von sechs Prozent. Als viel größere Kröte erwies sich die 28-Stunden-Woche, die die Gewerkschaft den Beschäftigten ermöglichen will – mit teilweisem Lohnausgleich.

Doch nun haben die bayerischen Metall-Arbeitgeber überraschend schon in der zweiten Runde der Verhandlungen, die traditionell regional geführt werden, ein Angebot vorgelegt. Sie bieten den Beschäftigten für die Monate Januar bis März 2018 eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro an. Ab April soll es dann eine Tariferhöhung um zwei Prozent bei einer Gesamtlaufzeit von 15 Monaten geben. „Wir wollen schon vor Ende der Friedenspflicht ein klares Signal an unsere Mitarbeiter und die IG Metall senden, dass wir die gute wirtschaftliche Lage der Branche anerkennen und die Beschäftigten auch angemessen daran teilhaben lassen wollen“, sagte die Verhandlungsführerin des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (VBM), Angelique Renkhoff-Mücke, dem Handelsblatt (siehe Interview auf der folgenden Seite).

Das klare Signal ist aber bei der Gewerkschaft nicht angekommen – im Gegenteil: „Dieses Angebot der Arbeitgeber ist eine Provokation und nicht verhandlungsfähig“, schimpfte der Verhandlungsführer und Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Jürgen Wechsler. Tatsächlich hatten die Arbeitgeber auch 2013 und 2015 schon Lohnerhöhungen von sogar etwas mehr als zwei Prozent angeboten. 2016 hatten sich beide Seiten auf eine Entgelterhöhung von insgesamt 4,8 Prozent in zwei Stufen und 150 Euro Pauschale bei 21 Monaten Laufzeit geeinigt.

Die wirtschaftliche Lage habe sich seither aber nicht verschlechtert, ganz im Gegenteil, argumentiert die IG Metall. Die Auftragsbücher sind voll, für das laufende Jahr können die Unternehmen der Branche im Schnitt mit vier Prozent Gewinnmarge rechnen. Die Gewerkschaft orientiert ihre Tarifforderung deshalb nicht nur an der erwarteten Produktivitätssteigerung und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank, sondern kalkuliert auch eine „Umverteilungskomponente“ von bis zu drei Prozent ein. Angesichts der guten Wirtschaftslage sei das Entgeltangebot der Arbeitgeber völlig inakzeptabel, sagte Wechsler.


Das Thema Arbeitszeit habe die andere Seite dabei schlicht ignoriert, kritisiert der Gewerkschafter. Die IG Metall will erreichen, dass alle Beschäftigten ihre Arbeitszeit auf Wunsch bis zu zwei Jahre lang auf bis zu 28 Stunden absenken können. Derzeit gilt in Westdeutschland tariflich die 35-Stunden-Woche, im Osten sind es 38 Stunden. Reduzieren Beschäftigte ihre Arbeitszeit, weil sie sich um Kinder unter 14 Jahren oder pflegebedürftige Angehörige kümmern wollen, soll ihnen ein Teil des entgangenen Lohns nach Gewerkschaftsvorstellungen pauschal mit 200 Euro im Monat ersetzt werden. Schichtarbeiter, die kürzer treten, sollen 750 Euro im Jahr erhalten.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte die Arbeitszeitforderung vor Beginn der zweiten Verhandlungsrunde noch einmal bekräftigt: Die Arbeitgeber seien gesellschaftlich verpflichtet, es Arbeitnehmern zu ermöglichen, Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Neue Arbeitszeitmodelle seien im Interesse der Industrie selbst. „Die Branche leistet sich bis heute, dass wir nur 20 Prozent Frauen beschäftigen. Wenn sie Fachkräfte in Zukunft will, braucht sie Arbeitszeitmodelle, die es attraktiv machen, in der Metall- und Elektroindustrie zu arbeiten.“

Auch Bayerns Bezirksleiter Wechsler bekräftigte, dass über die Themen Entgelt und Arbeitszeit nur im Paket verhandelt werde. Am 31. Dezember endet die Friedenspflicht, ab 1. Januar sind Warnstreiks möglich. Thorsten Gröger, IG-Metall-Verhandlungsführer für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, kündigte bereits Warnstreiks an. In seinem Tarifbezirk hatten die Arbeitgeber am Mittwoch ein inhaltsgleiches Angebot vorgelegt. Angesichts des auf beiden Seiten emotional aufgeladenen Themas Arbeitszeit halten Beobachter es nicht für ausgeschlossen, dass es in der Metall- und Elektroindustrie erstmals seit 2003 sogar wieder zu einem Erzwingungsstreik nach Urabstimmung kommen könnte.


Verhandlungsführerin Renkhoff-Mücke machte dagegen ganz klar, dass sich die Arbeitgeber beim Thema Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich nicht bewegen würden. Sollten sie der Gewerkschaftsforderung nachgeben, entstünde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Betrieben, wo für gleiche Tätigkeiten unterschiedliche Stundenentgelte gezahlt würden. „Wir setzen jetzt auf die Einsicht der IG Metall, dass ihre Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich ungerecht und rechtswidrig ist“, betonte Renkhoff-Mücke.

Außerdem dürfe die von der Gewerkschaft eingeforderte Flexibilisierung keine Einbahnstraße sein. Bisher ist vertraglich geregelt, dass maximal 18 Prozent der Beschäftigten eines Betriebes bis zu 40 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Die Arbeitgeber fordern, diese Begrenzung ganz aufzuheben. Zum einen müsse ja jemand die Arbeit der Kollegen machen, die ihre Arbeitszeit reduzierten. Zum anderen steige aber auch das tarifliche Monatsentgelt eines Beschäftigten, der 40 Stunden arbeite, um mehr als 14 Prozent, rechnet Renkhoff-Mücke vor.

Die dritte Verhandlungsrunde in Bayern findet am 15. Januar 2018 statt. Bis dahin kann es schon erste Warnstreiks gegeben haben. Am Donnerstag kommender Woche wird in den anderen wichtigen Tarifbezirken Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in zweiter Runde verhandelt. Seit 1999 hat immer einer der drei Bezirke einen Pilotabschluss erzielt, der dann von den übrigen Regionen übernommen wurde.


Interview mit Verhandlungsführerin Renkhoff-Mücke

Über den bisherigen Verlauf der Tarifrunde sprach das Handelsblatt mit der  Verhandlungsführerin des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie, Angelique Renkhoff-Mücke. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Familienunternehmens Warema Renkhoff, eines Herstellers von Sonnenschutzsystemen im unterfränkischen Marktheidenfeld.

Frau Renkhoff-Mücke, es ist relativ ungewöhnlich, dass die Arbeitgeber schon in der zweiten Verhandlungsrunde ein Angebot vorlegen. Warum preschen sie jetzt vor?

Wir wollen schon vor Ende der Friedenspflicht ein klares Signal an unsere Mitarbeiter und die IG Metall senden, dass wir die gute wirtschaftliche Lage der Branche anerkennen und die Beschäftigten auch angemessen daran teilhaben lassen wollen. So erklärt sich auch, dass wir ein deutlich höheres Angebot gemacht haben als in der Vergangenheit. Verglichen mit anderen Branchen liegen wir da auf Augenhöhe.

Man hat in den vergangenen Wochen aber den Eindruck gewonnen, dass der IG Metall das Thema Arbeitszeit wichtiger ist als Geld.
Wir haben in der zweiten Verhandlungsrunde tatsächlich mehr über die Arbeitszeit geredet. Die IG Metall hat akzeptiert, dass mehr Flexibilität auch für die Arbeitgeber ein wichtiges Anliegen ist.

Sie wollen deshalb die Regelung ändern, dass maximal 18 Prozent der Beschäftigten eines Unternehmens bis zu 40 Wochenstunden arbeiten dürfen. Wollen sie die Quote erhöhen oder ganz abschaffen?
Wir wollen sie ganz abschaffen. In der Beschäftigtenbefragung der IG Metall haben ja 32 Prozent der Befragten angegeben, dass sie gerne länger arbeiten würden. Diesen Wunsch können wir im Rahmen der geltenden Quoten gar nicht erfüllen. Wir wollen aber eventuelle Mehrarbeit mit jedem Mitarbeiter individuell festlegen, die 35-Stunden-Woche bleibt der Anker.

Die IG Metall fordert eine 28-Stunden-Woche für alle mit Teillohnausgleich für Eltern, pflegende Angehörige und Schichtarbeiter. Zeichnet sich da bereits eine Lösung ab?
Beim Lohnausgleich liegen wir komplett über Kreuz. Wie soll ich einer Mitarbeiterin, die schon immer nur 20 Wochenstunden gearbeitet hat, erklären, dass sie künftig weniger Stundenlohn erhält als die Kollegin, die wegen der Kindererziehung auf 28 Stunden geht? Da können wir uns nicht bewegen, und da werden wir uns nicht bewegen. Außerdem ist Arbeitszeitverkürzung in Zeiten des Fachkräftemangels das falsche Signal.

Was sagt die IG Metall dazu?
Die sagt, es gebe keinen Fachkräftemangel in Deutschland. Doch die Betriebe spüren etwas anderes. Die Zeit, bis eine offene Stelle besetzt werden kann, steigt deutlich.  

Wenn Bayern jetzt das erste Angebot vorlegt, streben Sie dann auch den Pilotabschluss an?
Das werden die kommenden Wochen zeigen. Wir drängen uns nicht auf, aber wir stünden bereit.