Deutsche Märkte geschlossen

Ölpest in Sibirien: Präsident Putin drängt den reichsten Russen zum Handeln

Forscher meinen, die Havarie bei Norilsk könne auch Folge des Klimawandels sein. Der Staatschef hat allerdings schon einen Verantwortlichen für die Katastrophe.

Die Umweltkatastrophe hinter dem Polarkreis, bei der 21.000 Tonnen Diesel und Chemikalien eines Kraftwerks des Industrieriesen Norilsk Nickel in die Tundra und Flüsse ausgelaufen sind, ruft jetzt Präsident Wladimir Putin auf den Plan. Der Kremlchef übergoss den Haupteigner und Präsidenten des Metallgiganten Norsilsk Nickel, Wladimir Potanin, bei einer Videokonferenz vor führenden staatlichen Ökologen und Regierungsvertretern mit Spott und Häme.

„Wie viel kostet so ein Tanklager?“ fragte Putin den Chef des weltgrößten Nickel-, Kupfer-, Platin- und Palladium-Produzenten immer wieder. Nur um ihn danach vor allem anderen Konferenz-Teilnehmern zu belehren: „Hätten Sie den Tank vorher ausgetauscht, wäre nicht solch ein ökologischer Schaden entstanden und ebenso wenig ein so großer finanzieller. Schauen Sie jetzt genau bei allem in der Firma nach“, wies Putin den vom Magazin „Forbes“ jüngst mit einem Vermögen von 19,7 Milliarden Dollar zum reichsten Russen Gekürten an.

Zudem drohte er mit hohen Strafen und Ermittlungen der Behörden. Potanin hatte zuvor erstmals zugesichert, dass der auch Nornickel genannte Konzern die vollen Kosten von geschätzten knapp 130 Millionen Euro für die Aufräumarbeiten übernehmen werde.

Dabei fügte er hinzu: „Wie hoch die Strafen sein werden, weiß ich natürlich nicht.“ In Russland waren in der Vergangenheit solche großen Konflikte mit Konzernen immer wieder ein Einfallstor des Staates oder mit Putin verbandelter Oligarchen zur feindlichen Übernahme.

Umweltschützer vergleichen die Havarie des Großtanks eines Kraftwerks des Konzerns an dessen Hauptproduktionsstätte Norilsk, der mit 180.000 Einwohnern größten nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt der Welt, mit der Tankerkatastrophe der „Exxon Valdez“: 1989 waren vor Alaska 40.000 Tonnen Öl ins Meer gelangt, allein über 250.000 Seevögel starben. Nun werde es in Sibirien Jahrzehnte brauchen bis sich die Natur von der Tragödie erhole, die das Gemisch anrichtet.

Laut Luftbildern ist es auch weit in den Ambarnaja, einen wichtigen Zufluss zur arktischen Karasee, geflossen. Putin hatte wegen des Unglücks den Notstand ausgerufen. Der Kraftwerksleiter wurde festgenommen. Die Generalstaatsanwaltschaft leitete Untersuchungen ein. Russische Forscher meinten, die Havarie könne auch Folge des Klimawandels sein: Durch die Erderwärmung taue das gewaltige Permafrostmassiv immer weiter auf. Die Erwärmung dort sei sogar größer als in anderen Teilen der Welt. Die Region ist ökologisch hochgradig fragil. Norilsk ist eine der wegen der gewaltigen Industrieabgase schmutzigsten Städte der Welt.

Putins „langjähriger und guter Bekannter“

Putin nannte Potanin einen „langjährigen und guten Bekannten“. Beide sind glühende Eishockeyfans und der Metall-Milliardär hatte zu Putins Winter-Olympiade 2014 in Sotschi auf Drängen des Kremlchefs so viel wie kein anderer russischer Oligarch in den Austragungsort in den Bergen am Schwarzen Meer gesteckt. „Solche teure Geschenke habe ich nie zuvor gemacht“, sagte der Vater von sieben Kindern zwei Jahre später. Das Abenteuer habe ihn 700 Millionen Dollar gekostet.

Er kann es sich leisten: Dem Nornickel-Präsidenten Potanin gehören neben seiner auf Immobilien, Pharma, Tourismus und Privat Equity spezialisierten Holding Interros 34,5 Prozent an dem Metallgiganten über seine zypriotische Holding Olderfrey. Weitere 27,8 Prozent hält sein Rivale, der Aluminium- und Auto-Oligarch Oleg Deripaska.

Die Marktkapitalisierung von Norilsk Nickel ist binnen eines Jahres – und trotz des weltweiten Einbruchs in der Coronakrise – von 33,3 auf jetzt 46,5 Milliarden Dollar gestiegen. Und trotz Putins Angriffen legte der nach der Havarie am 29. Mai etwas abgesackte Aktienkurs wieder zu. Peinlich für den Konzern: Erst am 10. April hatte er seinen Nachhaltigkeitsreport vorgelegt – nicht einmal zwei Monate später kam die Ölpest.