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Ökonomenstimmen zum deutschen Konjunktureinbruch im Überblick

FRANKFURT (dpa-AFX) - Im ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaft im Zuge der Corona-Krise in eine Rezession gerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte in den Monaten Januar bis März gegenüber dem Vorquartal um 2,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Berlin mitteilte. Der Rückgang ist im Quartalsvergleich der mit Abstand stärkste seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 und der zweitstärkste seit der deutschen Wiedervereinigung.

Einschätzungen von Ökonomen im Überblick:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

"Unsere Echtzeitindikatoren deuten an, dass die Wirtschaft gerade den Tiefpunkt durchschritten hat. Allerdings dürfte es von nun an nur langsam bergauf gehen, auch weil die Unternehmen ihre Corona bedingt erhöhte Verschuldung wieder abtragen müssen. Die Politik sollte den vorhandenen Spielraum zum weiteren Lockern der Anti-Corona-Maßnahmen konsequent nutzen."

Katharina Utermöhl, Analystin Allianz-Konzern

"Die Corona Krise hat ganz Europa mit voller Wucht erfasst, doch die deutsche Wirtschaft dürfte im Vergleich zu vielen europäischen Nachbarländern schneller und besser aus der Krise kommen. (...) Nicht zuletzt dürfte aber auch das entschiedene Gegensteuern der deutschen Politik den wirtschaftlichen Schaden stärker begrenzen. Das deutsche Rettungspaket in Form von staatlichen Mehrausgaben und Garantien hat immerhin ein Volumen von mehr als 30 Prozent der Wirtschaftsleistung und übersteigt damit etwa deutlich die angekündigten Maßnahmen in Spanien. So erklärt sich auch zum Teil warum in Deutschland die Insolvenzen um voraussichtlich nur 10 Prozent steigen werden, während für die Eurozone insgesamt die Wachstumsrate mit 20 Prozent doppelt so hoch ausfallen dürfte."

Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Konjunkturforschung

"Der Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2020 zeigt bei weitem noch nicht das wahre Ausmaß der Krise. Die vom Staat verhängten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie drosselten die Produktion von Waren und Dienstleitungen nur im Verlauf des Monats März und damit am Ende des ersten Quartals. Ein Großteil der Auswirkungen wird erst im April zu Buche schlagen."

Stefan Kooths, Konjunkturchef am IfW Kiel

"Der deutschen Wirtschaft wird dabei nicht zuletzt die weltweite Investitionsschwäche zu schaffen machen. Allen gut gemeinten Mutzusprüchen zum Trotz: Deutschland, wie die Weltwirtschaft insgesamt, wird aus der Krise deutlich geschwächt hervorgehen."

Jens-Oliver Niklasch, Analyst Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)

"Jetzt wissen wir quasi amtlich, was so ein Lockdown kostet: pro Woche ungefähr ein bis zwei Prozent, wobei wir natürlich schon die Effekte aus den Nachbarländern und aus Fernost hatten. Wenn man das mal für das zweite Quartal hochrechnet, also das Quartal, in dem vermutlich die Talsohle erreicht werden wird, kommen wir auf acht bis zehn Prozent Minus für das BIP."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland ING Bank

"Das Schicksal der deutschen Wirtschaft und ihre Erholung hängt mehr denn je von der Finanzpolitik ab. Bisher war die Reaktion der Regierung auf die öffentlichen Finanzen viel schneller und stärker als in der Krise der Jahre 2008 und 2009. Um eine dauerhafte Erholung zu gewährleisten, sind jedoch weitere Impulse erforderlich."

Jack Allen-Reynolds, Analyst Capital Economics

"Für das zweite Quartal erwarten wir einen deutlich stärkeren Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Sperrung wird im Mai und Juni gelockert, jedoch nur schrittweise, und die Erholung Deutschlands wird durch die Probleme in anderen Teilen Europas eingeschränkt."

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe

"Verglichen mit anderen EWU-Ländern hat sich die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2020 trotz erster Ausläufer der Corona-Pandemie noch halbwegs gehalten. Den Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge ist es dennoch zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gekommen, der mit 2,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal unseres Erachtens auch schmerzt. Stark rückläufig waren die privaten Konsumausgaben, auch Ausrüstungsinvestitionen, Exporte und Importe nahmen ab. Durch die Bauinvestitionen und den Staatskonsum wurde der Wachstumsabsturz gebremst."