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"Im äußersten Fall gibt es das Mittel der Enteignung"

Urban Keussen, Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, erklärt, warum sein Unternehmen die Entgelte zuletzt um 80 Prozent erhöht hat und warum einzelne Bürger die Energiewende nicht stoppen können.


WirtschaftsWoche: Tennet hat seine Netzentgelte zuletzt um 80 Prozent angehoben. Müssen Stromkunden froh sein, wenn sie nicht in Ihrem Netzgebiet wohnen?
Urban Keussen: Die Preiserhöhung unserer Netzentgelte von zuletzt 80 Prozent ist den vielen Notmaßnahmen geschuldet, mit denen wir das Stromnetz stabil halten. Den starken Ausbau der Erneuerbaren Energien kann der Netzausbau nur langsam aufholen. Und solange es nicht genügend Leitungen gibt, die den grünen Strom transportieren können, müssen wir im Netz ständig Notmaßnahmen ergreifen, um es stabil betreiben zu können. Diese Notmaßnahmen und damit auch ihre Kosten sind stark gestiegen und haben damit auch zur Erhöhung der Netzentgelte geführt.

Tennet baut zusammen mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz die „Stromautobahnen“ Südlink und Südostlink, die den Strom von den Windrädern im Norden Deutschlands in den Süden transportieren. Bis wann werden die Leitungen fertiggestellt sein?
Wir planen die Trassen Südlink und Südostlink bis 2025 fertigzustellen. Das ist zugegebenermaßen ehrgeizig, aber wenn alle zusammenwirken ist das machbar. Wenn es allerdings eine neue gesellschaftliche Diskussion über den Netzausbau gibt, können sich die Projekte natürlich schnell verzögern.




Wieviel kostet der Bau dieser „Stromautobahnen“ dem Stromkunden?
Wir gehen aktuell von zirka 10 Milliarden Euro Investitionen für Suedlink und zirka 4 bis 5 Milliarden Euro Investitionen für Suedostlink aus. Die Investitionskosten in den Netzausbau werden über 40 Jahre abgeschrieben. Eine Milliarde Investitionskosten in den Ausbau verteilen sich auf der Stromrechnung des Kunden also über 40 Jahre. Die Notmaßnahmen, die wir ergreifen müssen, damit die Lichter nicht ausgehen, finden allerdings unmittelbaren Eingang in die Netzentgelte auf der Stromrechnung. Diese Notmaßnahmen kosteten 2015 bundesweit rund eine Milliarde Euro. Der Netzausbau ist also das Schlüsselelement, um die Notmaßnahmen in den Griff zu bekommen.

Die Kosten für die Notmaßnahmen ins Netz, also der Zu- und Abschaltung von Kraftwerken, sind 2016 aber gesunken.
Das stimmt. Wegen eines schwächeren Windjahres und der Inbetriebnahme der wichtigen Leitung von Sachsen-Anhält nach Bayern lagen die Kosten 2016 bundesweit bei rund 800 Millionen Euro. Die ersten Monate 2017 zeigten jedoch, dass dies kein Grund zur Entwarnung ist. Alleine in den ersten Monaten dieses Jahres sind die Kosten für die Notmaßnahmen im Vergleich zu den Vorjahresmonaten wieder stark gestiegen.

Die Proteste gegen die Freileitungen waren enorm. Nun lehnen viele Landwirte die Erdkabel ab. Wie wollen Sie die Bürger von der Notwendigkeit des Netzausbaus überzeugen?
Wir suchen den Dialog mit den Bürgern und binden sie umfassend in die Projekte ein. Das reicht von Informationsveranstaltungen über Bürgerhinweise, die wir schon in sehr frühen Planungen berücksichtigen, bis zum Beispiel zu Arbeitskreisen mit Kommunen, Naturschutz, Landwirten und Bürgerinitiativen, in denen wir über die Standorte einzelner Masten reden. Damit sind wir weitgehend erfolgreich, weil die vom Netzausbau Betroffenen merken, dass wir fair mit Ihnen umgehen.


Und was machen Sie, wenn ein Landwirt es partout verweigert, dass die Kabel unter seinem Acker verlegt werden?
Es ist so wie bei anderen großen Infrastrukturprojekten wie Autobahnen oder Eisenbahnen: Im äußersten Fall gibt uns der Gesetzgeber das Mittel der Enteignung. Aber das ist nicht unser Ziel und wir regeln das mit den Bürgern im Konsens. Es darf aber nicht möglich sein, dass die Energiewende an einem einzelnen Bürger scheitert.

Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion verlangt wesentlich weniger Netzentgelt von seinen Kunden als Tennet. Ist es fair, dass ein Endverbraucher in Ihrem Netzgebiet mehr zahlen muss als etwa in NRW?
Nein, das ist nicht fair. Die Notmaßnahmen halten das gesamte Übertragungsnetz stabil. Alle Stromverbraucher profitieren davon. Deshalb wäre es fair, wenn die Kosten dafür auch von allen gemeinsam getragen werden und nicht nur von einem Teil.