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IKEAs Stadt-Filiale in Hamburg-Altona: Städter shoppen anders

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
The Rise and Fall
Gilt als umstritten: die Ikea Filiale in Hamburg-Altona. (Bild: dpa)


Man kann es einen Laborversuch in aller
Öffentlichkeit nennen: Seit dem 30. Juni ist IKEAs erste Stadt-Filiale in Hamburg-Altona geöffnet. Vier Monate nach dem Start geht das Konzept halb auf: Der City Store ist so gut besucht wie kein anderes IKEA-Kaufhaus in Deutschland doch das Kaufverhalten ist höchst unterschiedlich zum Rest der Republik. Ärger mit den Anwohnern war zudem vorprogrammiert


Die Einladung klang vielversprechend. Hej Nachbarn!, war da auf einer poppigen Tapete im 70er-Jahre-Look zu lesen: Dürfen wir es Euch ein bisschen schöner machen?So warb der schwedische Möbelgigant IKEA Ende Juni am Altonaer Bahnhof in Hamburg wenige Tage vor der Eröffnung seiner weltweit ersten City-Filiale, um die es im Vorfeld in Hamburg so viel Wirbel gegeben hatte.

Gerade mal 500 Meter entfernt vom Altonaer Bahnhof, dem zweitgrößten Hamburgs, würde einer der größten Möbelausstatter der Welt seine begehrten Einrichtungskollektionen verkaufen, aus der Wohnungsträume gemacht sind. Für viele Anwohner in Altona-Ottensen klang die Vorstellung zunächst wenig verlockend: Billy Regal-Käufer aus ganz Hamburg würden in Scharen zum schwedischen Kult-Kaufhaus pilgern und das Gesicht des Szene-Stadtteil dabei mutmaßlich verändern, die Mieten in die Höhe treiben und den Verkehr verstopfen so die Unterstellung.

Die Filiale Altona hat sich zum besucherstärksten IKEA-Kaufhaus in Deutschland entwickelt


Vier Monate später ist klar: Es kam anders und zwar gleich vielfach. Anwohner können gleich doppelt beruhigt sein: Das Verkehrschaos ist ausgeblieben die umstrittene Anwohnerparkzone wurde aufgehoben. Zum Eröffnung im Sommer hatte die Stadt die Zone für eine Jahresgebühr von 30 Euro für Anwohner eingerichtet, um zu verhindern, dass Kunden die nahegelegenen Parkplätze wegschnappen würden.

Nach gerade mal 120 Tagen ist das Parkplatz-Experiment nun gescheitert die Anwohner bekommen ihre 30 Euro Gebühren zurück, sofern sie über einen Parkausweis verfügten. Ein Indikator, dass sich IKEAs 48. Filiale in Deutschland zum Flop entwickelt? Mitnichten: Der City Store ist so beliebt wie kein anderes IKEA-Kaufhaus in der Bundesrepublik!

"Altona hat sich zu unserem besucherstärksten Haus in Deutschland entwickelt", zog IKEA-Sprecherin Simone Settergren vor einigen Wochen ein positives Start-Fazit. 7000 bis 15.000 Kunden werden normalerweise pro Tag in einem Ikea-Store gezählt. In Hamburg-Altona sind die Besucherzahlen indes seit der Eröffnung am 30. Juni täglich auf 15.000 bis 20.000 Kunden geschnellt.

Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt, kauft anders ein


Bleibt nur die Frage: Warum wird die Anwohnerparkzone dann wieder für die Allgemeinheit freigegeben? Weil sogar der IKEA-Parkplatz, der 730 Autos eine Abstellmöglichkeit bietet, oft fast leer steht! Wie das zusammenpasst? 90 Prozent der Kunden kommen mit Bus und Bahn. Wir wollen unsere Kunden darüber informieren, dass neben den schon beworbenen Anreise- und Transportwegen auch ausreichend Parkmöglichkeiten vorhanden sind, versucht die IKEA-Sprecherin für den eigenen Parkplatz zu werben.

Der Hintergrund: Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt, kauft anders ein. Sperrige Möbel wie Sofas, Schränke oder Regale werden von urbanen Shoppern entsprechend seltener aus der 18.000 Quadratmeter großen IKEA-Filiale in Altona getragen als aus den großflächigen Möbelhausern in der Vorstadt.

Kunden-Umsatz bei IKEA-Altona deutlich unter dem Durchschnitt


Die Folgen spürt das bereits 71 Jahre alte schwedische Traditions-Möbelhaus, das gerade sein vierzigjähriges Deutschland-Jubiläum feierte, im Umsatz. So geben IKEA-Kunden in der City-Filiale in Altona, die Baukosten von 80 Millionen Euro verschlang, im Schnitt nur 30 bis 40 Euro pro Einkauf aus, während der weltgrößte Möbelausstatter ansonsten durchschnittlich 80 Euro von seinen Kunden kassiert.

Doch das ist zunächst kein Problem für den Möbelhändler: Wir möchten nah beim Menschen sein. Das ist ein absolutes Pilotprojekt für uns, machte Verwaltungs-GmbH-Geschäftsführer Johannes Ferber zum Start deutlich. Für die Zukunft seien im Erfolgsfall durchaus weitere Innenstadt-Filialen denkbar. Es ist ein teures Experiment für uns, aber wir wollen wissen, ob das Innenstadtkonzept funktioniert. Altona könnte als Vorbild für andere Großstädte wie Berlin dienen.


Ein bisschen Überzeugungsarbeit ist dafür wohl nötig, um die Nachbarn zu urbanen IKEA-Shoppern zu machen, die ihre Möbel-Großeinkäufe durchaus auch bequem mitten in der Stadt tätigen könnten