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Zahl der Einhörner steigt – Europas Start-up-Szene holt langsam auf

2019 sind in Europa viele neue Einhörner dazugekommen – auch in Deutschland. Dennoch ist die Region gegenüber China und den USA im Rückstand.

Das Unternehmen Flix Mobility, zu dem auch die Marke Flixbus gehört, ist eines der Start-ups, die 2019 eine Milliardenbewertung erreicht haben. Foto: dpa

Das abgelaufene Jahr 2019 war ein Jahr der Einhörner: So nennt die Szene groß gewordene Start-ups, die in Finanzierungsrunden mit über einer Milliarde Dollar bewertet worden sind. Angaben dazu, wie viele es davon weltweit gibt, variieren je nach Untersuchung – schließlich gibt es keine eindeutige Definition für Start-ups, und nicht jede Bewertung basiert auf nachvollziehbaren und öffentlichen Daten. Klar ist jedoch: 2019 sind viele neue Einhörner dazugekommen – auch in Deutschland.

Laut den Daten des Analysediensts CB Insights gibt es in Deutschland inzwischen genau ein Dutzend Einhörner. Davon sind fünf im abgelaufenen Jahr neu dazugekommen: Die Onlinebank N26, der Busdienst Flix Mobility, die Fintechs Wefox und Deposit Solutions sowie der Reise-Event-Vermittler Getyourguide haben die Bewertungsschwelle von einer Milliarde Dollar überschritten.

Damit zieht Deutschland mit dem Hightech-Land Südkorea gleich. In Europa hat nur Großbritannien mit 22 Einhörnern mehr zu bieten. Weit vorn liegen jedoch die USA und China mit 200 beziehungsweise 99 – allerdings schwächte sich in beiden Länder das Wachstum ab.

Für den Rückstand Europas gibt es mehrere Gründe: Europäische Start-ups sind allgemein niedriger bewertet als ihre Pendants in den USA und China. Das liegt zum einen an den kleineren nationalen Märkten, die einen schnellen Aufstieg schwieriger machen. Zum anderen zieht Europa weniger Kapital an, sodass die Bewertung in Finanzierungsrunden weniger schnell steigt.

In den USA steht deutlich mehr privates Risikokapital bereit, in China lassen zudem auch große konkurrierende Fonds verschiedener staatlicher Akteure die Bewertungen steigen. Zudem hat Europa einige regulatorische Nachteile.

Positiver Standortfaktor: niedrige Büromieten

Die niedrigere Bewertung europäischer Start-ups spiegelt jedoch auch positive Standortfaktoren. So sind etwa Büromieten und Personalkosten in Europa oft deutlich günstiger als etwa im Silicon Valley. Daher sind die Gründungskosten für junge Unternehmen niedriger. Sie müssen also schlichtweg weniger Kapital aufnehmen – was sich rechnerisch in geringeren Bewertungen niederschlägt.

Anders als viele chinesische Milliardengründungen, die sich vor allem auf den abgeschotteten chinesischen Internetmarkt konzentrieren, sind die europäischen Einhörner zunehmend international erfolgreich. N26 etwa verfolgt ambitionierte Ziele in den USA, Delivery Hero macht einen Großteil seines Geschäfts mit Essenslieferungen in Asien, Spotify ist ein globaler Standard.

Daher gibt es begründete Hoffnung, dass Europa 2020 weiter aufholt. Denn noch bleibt der Kontinent gemessen an der Wirtschaftsleistung weit hinter den USA und China zurück. Die EU hat daher weitere Förderprogramme aufgelegt, denn die Branche beklagt, dass Europa zwar inzwischen gut ausgestattet ist mit Risikokapital für Gründungsphasen, es aber an heimischem Geld für das Wachstum fehlt. Schon 2018 hat die EU angekündigt, über den Europäischen Investmentfonds EIF 410 Millionen Euro bereitzustellen. Im Dezember wurde bekannt, dass die Bundesregierung einen neuen Förderfonds plant, der zusammen mit privaten Investoren eine Milliarde Euro Wachstumskapital bereitstellen soll.

Zudem ist das Selbstbewusstsein in der europäischen Szene gestiegen – auch dank etablierter Strukturen in Metropolen wie London, Paris und Berlin. Gründer und Investoren trauen sich inzwischen in Europa mehr zu als noch vor wenigen Jahren.