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„Wir wollen Kakaoanbau neu denken“

Ritter Sport startete 2012 in Nicaragua das Projekt „eigene Plantage“. Mittlerweile gibt es Kakao von dort. Im Interview erklärt der landwirtschaftliche Leiter Hauke Will, welche Risiken das Unternehmen dafür einging.

Mit einer eigenen Kakaoplantage wollte Ritter Sport neue Maßstäbe setzen: 2012 kaufte das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Waldenbruch deshalb Ackerland in Nicaragua. Als „Vorreiter in der Branche“ will das Unternehmen nicht nur als „erster und bislang einziger großer Tafelschokoladenhersteller“ seine gesamten Produkte ausschließlich aus zertifiziertem Kakao produzieren, sondern selbst zum ernstzunehmenden Kakaobauern werden. 2500 Hektar ist die Kakaoplantage groß, die den Namen „El Cacao“ trägt. Etwa die Hälfte der Fläche wird für den Kakaoanbau genutzt. Federführend für das Projekt ist der Leiter der landwirtschaftlichen Produktion bei Ritter Sport, Hauke Will. Der Diplom-Ingenieur studierte Lebensmitteltechnologie an der Technischen Universität München und arbeitet seit 2008 für das Unternehmen.

WirtschaftsWoche: Herr Will, warum fiel bei Ritter Sport der Entschluss zur eigenen Plantage?
Hauke Will: Erstens, die Anbaubedingungen. Als reiner Abnehmer von Kakao hatten wir bislang kaum Einblick und vergleichsweise wenig Kontrolle. Zweitens, die Qualität des Kakaos. Mit einer eigenen Plantage können wir diese aktiv beeinflussen und verbessern. Und drittens bereitete uns die Abhängigkeit vom Zukauf eines qualitativ hochwertigen Rohstoffs Sorgen.

Sie entschieden sich für Nicaragua als Standort. Ein durchaus risikoreiches Land: Hurrikans, Überschwemmungen oder Trockenperioden sind keine Seltenheit. 2018 zeigten politische Unruhen, wie instabil die Lage dort sein kann. Auf Ihrer Plantage verursachten die Umwelteinflüsse bei der ersten Haupternte einen Ernteausfall von fünf Prozent.
Ginge es, würden wir natürlich am liebsten direkt vor der Haustür anbauen. Kakao wächst aber grundsätzlich nur in den Tropen und damit gibt es schon nicht allzu viele Länder auf der Welt, die infrage kommen. Für die Auswahl des Plantagenstandorts haben wir dann einen Kriterienkatalog entwickelt: Ist Land verfügbar? Stimmt die Qualität des Kakaos? Gibt es eine fundierte Kakao-Kultur? Welche Kakaosorten sind einsetzbar? Wie sind die politischen und sozialen Bedingungen in den Ländern? Da fiel letztlich die Entscheidung für Nicaragua. Unter anderem auch deshalb, weil wir das Land schon gut kennen und dort gut vernetzt sind, da Ritter Sport schon fast 25 Jahre in Nicaragua aktiv ist mit Kakao-Ankauf-Stationen.

Nichtsdestotrotz sind politische Unruhen in einem Land für auswärtige Unternehmen eine besondere Herausforderung. In Nicaragua waren das 2018 Demonstrationen bis hin zu gewalttätigen Ausschreitungen. Es gab Straßensperren und Ausgangsverbote. Manche Firmen schlossen vorübergehend. Welche Auswirkungen gab es auf El Cacao?
Die Unruhen haben uns vor logistische Herausforderungen gestellt. Durch Straßensperren kam der Kakao zeitweise nicht von der Plantage herunter und Dünger oder Diesel nicht auf die Farm drauf. Mit diesen Herausforderungen mussten wir dann leben und pragmatische Lösungen finden. Wichtig in dieser Situation war für uns, den Zahltag für die Mitarbeiter, der alle 14 Tage stattfindet, einzuhalten, damit alle ihren Lohn bekommen und keine weitere Unsicherheit geschürt wird. Als Unternehmen haben wir vor Ort zudem eine ganz klare Linie: Wir halten uns konsequent aus politischen Fragen heraus. Uns geht es um den Kakao – da hat Politik für uns keinen Raum.

Welche Risiken sind Sie mit dem Projekt „eigener Kakao“ eingegangen?
Viele! Zum Beispiel, dass wir über hundert Jahre gelernt haben, gute Schokolade herzustellen und zu vermarkten, aber zum Zeitpunkt des Projektstarts 2012 weit davon entfernt waren, Kakaobauern zu sein. Aktiv in den Kakaoanbau-Markt einzusteigen und dabei gleich noch in eine der größten Plantagen weltweit zu investieren, birgt auch ein großes finanzielles Risiko. Aber das Hauptrisiko liegt in der Herausforderung, die Landwirtschaft heutzutage einfach hat: Schwierige klimatische Bedingungen, die teils schwere Schwankungen mit sich bringen können. Solche Themen hat man als Industrieunternehmen in der Regel nicht so sehr vor Augen. Ein Unternehmen bricht also aus seiner geschützten Produktionsumgebung, wie wir sie hier in Waldenbuch haben, aus und taucht ein in die Landwirtschaft.

Was für Probleme mussten Sie denn seit Bestehen der Plantage vor Ort meistern?
Das zieht sich im Grunde durch die gesamte Anbaukette. Es fängt banal damit an, dass wir 1,5 Millionen Kakao-Pflänzchen setzen mussten – wo bekommen wir all diese Pflanzen her? Dann fiel in dem einen Jahr wegen des Klimaphänomens El Niño die Regenzeit aus, während es im Folgejahr zu viel regnete. Damit und vielem anderen mussten wir erst einmal umgehen lernen.

2025 soll die erste Vollernte stattfinden. Haben El Niño und andere Unvorhersehbarkeiten an diesem Plan gerüttelt?
Es gibt Verzögerungen, die können einfach nicht im Voraus geplant werden. Eine gewisse Lernkurve gehört in eine solide Planung hinein. Die hatten wir auch vorgesehen. Wobei ich sagen muss, unsere Lernkurve mussten wir noch einmal korrigieren. El Niño hat uns leider ausgerechnet in der Aufbauphase überrascht. Dadurch hatten wir eine gewisse Ausfallquote. Unser Zeitplan steht aber im Grunde noch. Wir wollen mit El Cacao ja neu denken – innovativen Kakaoanbau umsetzen. Das heißt, wir hinterfragen konsequent jeden Produktionsschritt im Kakaoanbau. Das ist extrem ambitioniert, aber wir sagen auch klar: Wir haben uns bewusst entschieden, diese Herausforderung anzunehmen.

Und klappt es nun mit der Vollernte in gut fünf Jahren? Etwas Schokolade mit Kakao von der eigenen Plantage hat Ritter Sport ja bereits verkauft.
Ein Kakaobaum braucht sieben bis zehn Jahre, bis er den vollen Ertrag liefert. Das heißt, die Bäume, die wir über die Jahre nun ausgepflanzt haben, werden in den nächsten Jahren in Produktion gehen. Und wie es in der Landwirtschaft nun einmal ist, haben wir keine einfache mathematische Rechnung, sondern sind von vielen Faktoren abhängig. Nichtsdestotrotz planen wir natürlich mit einer gewissen Grundannahme. Dazu gehört, dass wir mit zwei Tonnen Kakao pro Hektar ungefähr rechnen. Das entspräche dann dem Vollertrag, den wir weiterhin für 2025 erwarten, wenn alles gut läuft. Von der Tendenz her können wir derzeit davon ausgehen, dass wir das erreichen.

Innovativer Kakaoanbau bedeutet für Ritter Sport vor allem auch nachhaltiger Kakaoanbau. Was heißt das in Bezug auf die Plantage?
Die Ländereien, auf denen unsere Plantage heute steht, waren früher exzessiv genutztes Weideland. Dort haben wir nach einem Agroforst-System angebaut, durch das sich automatisch eine Biodiversität ergibt. Dies wird noch unterstützt durch unser Plantagen-Design, das sehr heterogen ist. Das heißt, es finden sich viele Inseln von Urwäldern und anderen Waldformen. Die Hälfte der Plantagenfläche fassen wir im Grunde nicht an. Tiere und Pflanzen können sich somit frei auf dem Gebiet bewegen und werden nicht durch landwirtschaftliche Nutzung verdrängt.

Das macht die Bewirtschaftung auch anspruchsvoller.
Das ist richtig. Wenn wir ein quadratisches Stück Land hätten, auf dem wir Kakao anbauen, wäre das natürlich einfacher als unser Flickenteppich. Wir sind aber überzeugt davon, dass dies Nachhaltigkeit fördert – und das ist uns an dieser Stelle wichtiger.

Sie werben damit, dass die Arbeitsbedingungen auf der Plantage fair und die Jobs sicher sind – wie gewährleisten Sie das?
Ich kann nur ruhig schlafen, wenn ich weiß, dass die Leute so gesund nach Hause gehen, wie sie gekommen sind. Das ist im Kakaoanbau nicht immer garantiert. Sprechen wir beispielsweise vom Öffnen der Kakaofrüchte: Zu 99 Prozent wird die Kakaofrucht noch mit einer Machete geöffnet. Da können Sie sich wahrscheinlich vorstellen, was passieren kann, wenn man zu stark drauf- oder danebenhaut. Bei uns ist das ein No-Go. Macheten werden bei uns nicht eingesetzt. Stattdessen verwenden wir eine Maschine, die diese Aufgabe übernimmt. Wir denken da ganzheitlich und setzen in Nicaragua letztlich die gleichen Maßstäbe an wie in Deutschland. Arbeitsschutz ist dadurch vielfach auch eine Erziehungsaufgabe. Nicht selten ist es eine Herausforderung, den Mitarbeitern auf El Cacao verständlich zu machen, warum wir Prozesse anders machen wollen, als sie sie gelernt haben.


„Technifizierung der Landwirtschaft mit der Kakaokultur Nicaraguas verschmelzen“

Wie stellen Sie sicher, dass Sie den Ansprüchen auf der Plantage gerecht werden?
Wenn Nachhaltigkeit von Beginn an im Konzept steht, ergeben sich manche Dinge von ganz alleine. Dann kommt eine Monokultur beispielsweise gar nicht erst in Frage. Von Anfang an haben wir beim klassischen Kakaoanbau jeden Schritt dahingehend geprüft, ob es eine bessere, nachhaltigere Variante gibt. So finden sich schnell entsprechende Ansätze. Die Vision, die wir von nachhaltigem Kakaoanbau haben, hat sich natürlich nicht von Anfang an jedem intuitiv erschlossen. Die Mechanisierung des Kakaoanbaus war bis dahin in Nicaragua zum Beispiel völlig unbekannt. Hier die Menschen mitzunehmen und davon zu überzeugen, warum man gewisse Schritte macht, kostete viel Kraft. Der Schulungsbedarf ist sehr hoch. Es ist zum Beispiel absolut keine leichte Aufgabe, gute Traktorfahrer in der Gegend zu bekommen. Das heißt, wir müssen unglaublich viel in die eigene Ausbildung der Mitarbeiter investieren.

Arbeiten bei Ihnen denn jetzt ehemalige selbstständige Kakaobauern?
Ein Kakaobauer hat bei uns nicht angeheuert, aber wir haben viele Mitarbeiter, die schon vorher als Feldarbeiter in der Landwirtschaft, teils auch im Kakaoanbau, gearbeitet haben. Dadurch, dass Kakao in Nicaragua heimisch ist, sind die meisten mit der Kakaofrucht vertraut. Wir gehen mit dem Ansatz heran: Wir wollen die Kakao-Expertise und die Kakao-Tradition, die in Nicaragua kulturell gegeben ist, mit einer modernen Interpretation des Kakaoanbaus verbinden. So soll unsere Idee von einer Technifizierung der Landwirtschaft mit der Kakaokultur Nicaraguas verschmelzen.

Gibt es externe Prüfungen, die objektiv die Nachhaltigkeit bestätigen können?
Ein wichtiger Baustein, den man machen muss, ist eine externe Validierung. Da fällt mir unsere Utz-Zertifizierung ein. Außerdem führen wir regelmäßig Biodiversitätsstudien durch. Was für mich aber viel entscheidender ist als diese externen Prüfungen, ist ein gemeinsames Werteverständnis, auf dessen Grundlage alle Beteiligten agieren. Das schaffen wir dadurch, dass wir selber einfach sehr oft vor Ort sind und den Kollegen immer wieder erklären, warum uns ein nachhaltiger Kakaoanbau so wichtig ist. Zertifizierungen und Validierungen können ja immer nur Momentaufnahmen sein – von daher ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit für mich der sehr viel größere Schritt zum Erfolg.

Und wie belegen Sie es Ihren Kunden?
Indem wir sagen: Unsere Plantage ist für Besucher geöffnet. Jeder, der vor Ort ist, kann vorbeikommen, wann immer er den Weg dahin findet, und sich die Farm und die Arbeit dort zeigen lassen. Darüber hinaus schaffen wir Transparenz durch unser Ritter-Sport-Blog und andere Informationsportale im Internet, auf denen Verbraucher sich informieren können, wie wir auf El Cacao arbeiten.

30 Millionen Euro hat Ritter Sport inzwischen in El Cacao investiert. Können sich all diese Investitionen und Maßnahmen denn irgendwann auch für das Unternehmen Ritter Sport rechnen?
Auf die Frage, ob es sich in reinen harten Euros rechnet, muss ich antworten: Das ist die falsche Einheit. Neben den finanziellen Werten kann El Cacao vor allem mit der Strahlkraft punkten, die es auf die Marke hat: Ritter Sport geht seinen eigenen Weg und schafft es, einzigartigen Kakao aus eigenem Anbau in die Produkte zu integrieren. Wenn man nur auf die monetären Werte abzielt, ist das Ganze zu kurz gesprungen.

Also rein finanziell lohnt sich El Cacao auf absehbare Zeit nicht?
Doch auch ein finanzieller Vorteil ist absehbar und genau kalkuliert. Auch wir sind schließlich kein Wohlfahrtsunternehmen und haben ökonomische Interessen. Man könnte das Projekt Plantage natürlich viel straffer fahren, wenn bestimmte Nachhaltigkeitsaspekte nicht so intensiv verfolgt würden, wie wir es tun.

El Cacao soll dann im besten Fall bis zu einem Viertel des Kakaobedarfs Ihrer Schokoladen-Produktion decken. Wenn Nicaragua tatsächlich so erfolgreich wird, könnte später dann eine Ritter-Sport-Plantage in einem anderen Land folgen?
Ich kann mir vieles vorstellen, aber es ist natürlich nicht so einfach, eine Plantage zu duplizieren. Ich glaube, wenn El Cacao ein erfolgreiches Beispiel im Kakao-Anbau wird – und da sind wir auf einem guten Weg –, wird man Möglichkeiten finden, in anderen Ländern ähnliche Projekte umzusetzen. Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Aber es ist absolut vorstellbar, dass Ritter Sport diesen Schritt in Zukunft machen könnte.