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Wirtschaft setzt große Erwartungen in neuen Berliner Großflughafen

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Die Wirtschaft misst dem neuen Hauptstadtflughafen enorme Bedeutung bei. Angesichts der Finanzprobleme wird aber bereits über eine Teilprivatisierung des Airports diskutiert.

Die unendliche Geschichte der Fertigstellung des neuen Hauptstadtflughafens BER nähert sich ihrem Ende. Am 31. Oktober soll der Airport ans Netz gehen – mit dann neun Jahren Verspätung. Die bevorstehende Eröffnung elektrisiert Politik und Wirtschaft gleichermaßen. „Der Standort ist bereits jetzt ein Hotspot für Wachstum und Innovation im Osten Deutschlands“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach dem Handelsblatt.

Von der bevorstehenden Eröffnung verspricht sich der SPD-Politiker einen weiteren Schub. „Die Flughafenregion entwickelt sich immer mehr zu einem boomenden Standort für Forschung und Entwicklung, Ideen und Innovationen, Aufbruch und Ansiedlungen.“ Prominentestes Beispiel sei sicherlich der US-Elektroautokonzern Tesla im nahen Grünheide.

Die geplante „Gigafactory“ liege nicht nur im Flughafenumfeld, sie sei „von Firmenchef Elon Musk bei der Verkündung der Ansiedlung auch direkt mit dem neuen Airport verbunden worden“. „Für ein globales Unternehmen wie Tesla ist ein internationaler Flughafen vor der Haustür mit Direktverbindungen in andere Kontinente ein großes Standortplus“, sagte Steinbach.

Laut Angaben des Brandenburger Wirtschaftsministeriums wurden rund um den BER seit 2013 insgesamt 870 Ansiedlungs- und Expansionsprojekte mit mehr als 39.000 neuen Arbeitsplätzen umgesetzt.

„Mit dem BER bekommt die Hauptstadtregion die leistungsfähige Flughafen-Infrastruktur, auf die sie schon so lange wartet“, sagt auch Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB). „Das stärkt uns im internationalen Standortwettbewerb um Ansiedlungen.“

BER-Gewinne ungewiss

Für Beatrice Kramm, Präsidentin der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), ist der BER eines der wichtigsten Strukturprojekte in diesem Jahrzehnt. „Aktuell haben sich zwar die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch die Folgen der Corona-Pandemie massiv verschlechtert, nichtsdestotrotz verspricht sich die Berliner Wirtschaft perspektivisch einen Zufluss von weiteren ausländischen Direktinvestitionen und eine stärkere Sichtbarkeit Berlins als innovative europäische Metropolregion“, so Kramm.

Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dämpft indes die Erwartungen. Großflughäfen mit vielen internationalen Verbindungen hätten zwar eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. „Die Ausnutzung dieses Potenzials durch den BER für Berlin-Brandenburg hängt aber natürlich stark von der Erholung des Luftverkehrs vom Corona-Einbruch ab“, sagte der IW-Experte für Strukturpolitik und Mittelstand im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Coronakrise macht dem Flughafenstandort Berlin schwer zu schaffen. Engelbert Lütke Daldrup, Chef der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB), erklärte am Dienstag, von den Eigentümern Berlin, Brandenburg und dem Bund bis 2024 eine finanzielle Unterstützung zu benötigen. Wie viel die öffentliche Hand zuschießen müsse, hänge stark ab vom Verlauf der Coronakrise und den Folgen für den Flugverkehr.

Sinnbildlich für die Misere steht der Umstand, dass pünktlich zur geplanten Eröffnung des BER zwar auch dessen Terminal 2 fertig geworden ist, die Abfertigungshalle aber aufgrund der niedrigen Passagierzahlen zunächst nicht gebraucht wird. Denn durch Corona schrumpft das Passagieraufkommen deutlich.

Konnten in Tegel und Schönefeld im vergangenen Jahr noch 35,6 Millionen Passagiere verbucht werden, geht der Flughafenchef für 2020 nur von zehn Millionen Reisenden aus.

Immobilienspezialist rechnet mit Wachstum

Die Corona-bedingten Belastungen treffen auch andere in der Branche schwer. Der Umsatz der Flughäfen in Deutschland könnte sich nach einer Schätzung ihres Verbandes ADV in diesem Jahr mehr als halbieren. Von Januar bis August zählten die Airports einen Rückgang der Passagierzahl um fast 70 Prozent auf 50,6 Millionen. Ein Schwund der Einnahmen im Gesamtjahr 2020 um drei bis vier Milliarden Euro gegenüber den rund 6,5 Milliarden Euro Erlös des Vorjahres sei zu erwarten. „Für die Flughäfen setzt sich der Lockdown faktisch fort“, erklärte der ADV.

Fast gänzlich unberührt zeigt sich die Immobilienbranche. „Es kommt in den nächsten Jahren einiges an Fläche auf den Markt“, prognostiziert Clemens Rapp, Geschäftsführer von FAY Projects, einem auf Büro- und Hotelimmobilien spezialisierten Projektentwickler. „Auf diese Entwicklung haben wir lange gewartet.“

Rapp kennt die Gegend um den BER herum seit zehn Jahren. Sein Unternehmen war das erste, das damals direkt am Flughafen Büros baute und 2012 das Airport Center (BBAC) einweihte. Nach dem verpatzten Flughafenstart musste FAY die Hälfte der abgeschlossenen Mietverträge wieder auflösen. Bei gerade einmal 40 Prozent lag anschließend der Vermietungsstand, erinnert sich Rapp. „Heute sind die Flächen wieder vollvermietet, inklusive Wartelisten.“ Vor allem seit 2018 beobachtet Rapp eine zunehmende Büronachfrage in der Region.

Die Sorgen am BER sind jedoch nicht ausgestanden. Solange keine wirksamen Corona-Impfstoffe verfügbar seien, sagt Flughafenchef Lütke Daldrup, hätten alle in der Luftverkehrsbranche ein „gravierendes Problem“. Umso mehr kommt es darauf an, den neuen Berliner Flughafen fit für die Zukunft zu machen. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bringt vor diesem Hintergrund eine Teilprivatisierung des BER ins Spiel.

„Die Erfahrung mit dem Bau des Flughafens zeigt, dass der Staat nicht alles besser kann, sondern dass es auf eine kluge Partnerschaft von Staat und privaten Unternehmen ankommt, um ein so wichtiges Großprojekt erfolgreich umzusetzen“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. „Eine künftige Beteiligung von privaten Unternehmen kann sinnvoll sein, um das Drehkreuz BER noch attraktiver zu machen.“

BER auf Augenhöhe mit Münchener Flughafen?

IW-Experte Klaus-Heiner Röhl sieht den Einstieg privater Investoren in die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) hingegen skeptisch. Es wäre zwar „sicher eine Möglichkeit“ angesichts der schwierigen Finanzlage der FBB, nach einem privaten Investor Ausschau zu halten. „Ob private Investoren in der aktuellen unsicheren Lage Schlange stehen, erscheint aber zweifelhaft.“

Lütke Daldrup reagierte zurückhaltend. „Als Flughafengeschäftsführer ist man gut beraten, sich nicht in das Thema einzumischen“, sagte er. „Die Frage, ob ein Flughafen in kompletter öffentlicher Trägerschaft oder in teilprivater Trägerschaft geführt wird, haben allein die Eigentümer zu entscheiden.“

Fratzscher weist indes auf die „enorme wirtschaftliche Bedeutung“ des neuen Flughafens in Schönefeld sowohl für Berlin als auch für Ostdeutschland insgesamt hin. Ziel für die Hauptstadt Berlin als eine der wichtigsten europäischen Metropolen müsse daher sein, den „BER als ein internationales Drehkreuz auf Augenhöhe zumindest mit dem Münchener Flughafen zu etablieren“, so der DIW-Chef. „Er sollte Anziehungspunkt für internationale Unternehmen werden und hat eine hohe Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Region.“